Anfänge sind zufällig, was aus ihnen wird, folgt anderen Regeln. Dass ich in Berlin studierte, war ein Zufall. Und auch, dass mir am 31. Mai 1967 zwei Herren in anthrazitgrauen Anzügen unsanft den Weg zur Juristischen Fakultät versperren. Bundespräsident Lübke fährt vorbei, im offenen Mercedes Cabrio. Auf dem Campus werden zwei Studenten mit Sammelbüchsen – »Medikamente für die Nationale Front der Befreiung Südvietnams« – zwangsgestellt, Geld und Sandwich-Plakat beschlagnahmt. Zwei Dutzend Studenten umringen die Beamten, Grundgesetzartikel werden gerufen. Aus der Jacke der rothaarigen Studentin, die schließlich zum Einsatzwagen geschoben wird, fällt ein blaues Taschenbuch: Von Nietzsche zu Hitler. Ein Regierungschauffeur reißt mit Freude Anti-Amerika-Plakate ab, Verstärkung fährt auf. Eine halbe Stunde später rufen hundert Kommilitonen »Equal goes it loose!« und bilden ein Spalier vor dem Audimax. Der Pour-le-Mérite-Orden hat ein Jubiläum, die Honoratioren verlassen den Henry-Ford-Bau. Mit rosigem Gesicht der Präsident, er lächelt, winkt, grüßt, bis er merkt, was da gerufen wird: »Faßbinder, Faßbinder!« Vor ein paar Tagen hat Lübke sich geweigert, der alten Pazifistin Klara Faßbinder, dem Friedens-Klärchen, einen französischen Orden auszuhändigen. Der Rektor, mit goldener Amtskette, schwitzt, die Vietnamsammler klappern mit ihren Büchsen. Die Polizisten jagen sie, Büchsen werden durch die Luft geworfen wie beim Football, eine landet in meinen Armen, mit einem schnellen Pass gebe ich sie ab. Wer gegriffen wird, verschwindet in der grünen Minna. »Die Ungewaschene da, soll sich erst mal kämmen, haltet sie!« Tritte, Püffe, Jacken reißen, Brillen werden zertreten.

Dann Applaus, für Otto Hahn und Carl-Friedrich von Weizsäcker. Hahn mustert die jungen Leute und lächelt, seine Zigarre ist erloschen, eine Studentin reicht ihm Streichhölzer. Die Polizei rückt ab, mit vierzehn Festgenommenen. Und ich? Renne empört ins Rektorat und beschwere mich beim Kanzler. Er fertigt mich kurz ab – war er es, der auf seinem Schreibtisch ein Gorilla-Foto stehen hatte mit der Aufschrift »Rudi«? Vor dem Audimax stehen noch die vom SDS und diskutieren, über Hochschulautonomie und Vietnam, stundenlang. An dem Tag erhielt ich meine erste systematische Lektion über den US-Imperialismus und am Ende den autoritativen Hinweis: »Lies mal das Buch von Gäng, edition suhrkamp 173, das hellgrüne.« Am nächsten Morgen steht in der Zeitung »fanatisierte, verhetzte junge Leute« hätten »pöbelhaft das deutsche Staatsoberhaupt beleidigt«.

Es schießt viel zusammen in diesem kurzen Film: die Festnahmerituale, die erstarrenden Spektabilitäten, die heute unvorstellbare körperliche Nähe zwischen Staat und Studenten, die allgegenwärtigen Spurenelemente von Nazivergangenheit, die Achtung vor den wissenschaftlichen Autoritäten, die Überzeugung, die Universität sei ein Raum sui generis – und das Versprechen von Ordnung für meine diffusen politischen Gefühle. Erfahrung ist auch ein körperlicher Vorgang, selbst wenn man nicht geschlagen wird. Die mich belehrten, hatten solche Erfahrungen schon gemacht, heftigere: als sie den Rassistenfilm Afrika Addio blockierten, als sie im Advent auf dem Ku’damm mit Vietcong-Parolen die »Spaziergangsdemonstration« erfanden, als sie protestierten, weil das »Märzveilchen« Kiesinger in Plötzensee die Naziopfer ehrte.

Es war mein erstes Semester. Davor: eine Schulkarriere, die sich sozialdemokratischer Bildungspolitik verdankte, Tanten, die man nicht mehr besuchte, weil sie vom »Juden Bahr« redeten, ein Englischlehrer, der von der Legion Kondor schwärmte, ein Biologielehrer, der von Gehirnerweichung redete: also immer schön die Hand über der Bettdecke. Es gab die Pille noch nicht: also immer diese langen tiefen Gespräche. Ich las Camus – »solitaire, solidaire« –, aber für die zweite Größe in der Gleichung konnte ich nichts einsetzen. Es gab kein »Wir«, an das man sich anschließen mochte. Die uns eins hätten geben können, die Nächsten, wurden uns fremd – vorübergehend, manchmal für immer –, weil sie immer noch wortlos waren oder sich von langen Haaren, kurzen Röcken und Zungenküssen an der Ampel bedroht fühlten. Mein Abiaufsatz trieft von vagem, unpolitischem »Humanismus« – den fand ich ausgerechnet bei Kennedy. Ich will mich nicht dümmer machen, als ich war. Wahrscheinlich war ich nicht unsortierter als viele Neunzehnjährige: Grundausbildung beim Bund und die Stimme von Joan Baez, Fähnrichskurs und das Foto von dem US-Achill, der sein vietnamesisches Opfer durch den Sand schleift, alles nebeneinander. Unten und oben, rechts und links konnte ich sortieren, aber die Landkarte dazwischen war leer.

1961 hatten Jürgen Habermas und andere die Studie Student und Politik veröffentlicht. Sie fanden unter den Studenten 66 Prozent Apolitische, 16 Prozent Autoritätsgebundene und nur 19 Prozent »definitive Demokraten«. 1959 verabschiedete die SPD das Godesberger Programm und trennte sich bald darauf von ihrem Studentenverband, 1960 legte die CDU den ersten Entwurf zu einem Notstandsgesetz vor; 1961: Invasion der USA in der Schweinebucht; 1962: Rassenunruhen, Raketenkrise vor Kuba, Spiegel -Affäre, Hinrichtung von Adolf Eichmann; 1963: Hochhuths Stellvertreter und die ersten Beatles-Konzerte; 1964: offener Krieg in Vietnam, Martin Luther King erhält den Friedensnobelpreis, und der Minirock taucht auf; 1965: Auschwitz-Prozess, Stones-Krawalle und die Pille.

Ohne die beiden Opfer von Berlin, Ohnesorg und Dutschke ein Jahr darauf, hätte die deutsche Studentenbewegung nicht diese Radikalität bekommen. Die Mauer stand erst sechs Jahre. Dass es an der Freien Universität losging, war auch kein Zufall. Die »Idee einer freien Universität«, so fasste es Anfang l967 einer ihrer Gründer, Klaus Heinrich, zusammen, heiße »aus seinem Erkennen Konsequenzen ziehen… Die inhaltliche Bestimmung von Wissenschaft und die inhaltliche Bestimmung von Demokratie sind identisch.« Zu dem Zeitpunkt war das längst Dissidentenmeinung, sechzehn der FU-Gründer hatten die Studenten aufgerufen, einen Schnitt zu machen zwischen ihrer Eigenschaft als Studenten und der als Staatsbürger. Das politische Mandat war akzeptiert, solange der Asta Proteste gegen die Mauer organisierte. Jetzt demonstrierten Hunderte gegen die USA und allerlei Despoten, deren Besuche der Senat herbeiflehte, um den Status West-Berlins aufzuwerten.

Der Kampf um das politische Mandat war nicht zu trennen von dem um die Hochschulreform – auch das war eine Gemeinsamkeit der vielen Studentenproteste, in Spanien, in Berkeley, in Italien, Ungarn, Frankreich. In Deutschland hatte Georg Picht l965 den Bildungsnotstand ausgerufen: Die Gesellschaft brauche mehr und besser gebildete Akademiker. Der Wissenschaftsrat legte technokratische Empfehlungen zur Verschulung des Studiums vor, Ordinarien verteidigten hinhaltend ihre Autonomie, eine Koalition aus linksliberalen Professoren und Studenten – zuförderst kamen sie aus dem SDS – wollte das Ideal der Alma Mater Universalis, die Gemeinschaft von Lernenden und Lehrenden, modernisieren, eine Universität, die nicht nur Wissensdienstleisterin an der Industriegesellschaft ist, sondern Ort der kritischen Erörterung, wie diese Gesellschaft lebt und leben will. In den ersten Sit-ins in Berlin schoss alles zusammen. Sie waren Protest gegen Zulassungsbeschränkungen und Zwangsexmatrikulation, das Verbot von Vorlesungsrezensionen und politischen Veranstaltungen der Studenten.

Darf man das? Der Mann im angeschmuddelten Trenchcoat hatte die Bild- Zeitung in die Hand genommen und zerrissen, die Morgenpost noch gleich dazu. Ich erschrak tief. Darf man in Deutschland Druckwerk zerreißen? Ich war nicht der Einzige, der den Atem anhielt. Wir waren alle so brav. Reinhard Lettau aus Kalifornien rechnete mit der Berliner Presse ab, mit »Journalismus als Menschenjagd«: »Mit den Rezepten des Polizeipräsidenten, des Rektors und der Berliner Presse hätte man allerdings nie die Tuilerien erstürmt.« Am nächsten Tag stand in der Morgenpost: »Das würde sich keine Polizei der Welt gefallen lassen.« Der Senat wollte Lettau ausweisen. In einer Stadt, deren Freiheit »in Vietnam verteidigt« wurde, dem Vizepräsidenten der USA Pudding an den Kopf zu werfen – das versetzte die moderaten Verantwortungsethiker im Senat in Panik. Der Rektor nahm eine schwarze Liste entgegen, setzte die Kürzung des Asta-Haushalts und Disziplinarverfahren gegen Kommunemitglieder auf die Tagesordnung. 250 Rädelsführer standen zur Relegation an. Während oben der Senat tagte, saßen am 19. April 67 tausend oder mehr Studenten im Audimax. Es war mein vierter Tag in Berlin.

Die Rhetorik, die großen Gesten – sie waren verführerisch. Öffentlichkeit herstellen! Das war die eine Wendung, die all die Diskussionen durchsetzte. Und »gesamtgesellschaftliche Relevanz« war die andere. Die aus Amerika importierten Formen waren eine Verteidigung des Besten, was ich aus der Schule mitgebracht hatte: Kants Aufklärungsaufsatz und Galileos Credo. Romantisch und fatal an der Studentenbewegung war etwas anderes: der Versuch, auch an solche Traditionen anzuschließen, die im Nationalsozialismus zerbrochen waren. Ein paar Jahre lang liefen einige von uns einer Vergangenheit hinterher, die wir erst finden mussten – lauter kleine Ästheten des Widerstands. Über all diesen Entdeckungen war leicht zu übersehen, dass die Welt nicht mehr die war, in der diese Gedanken entstanden waren. Es war alles so verspätet – wieder einmal. Vor der Mensa bot ein Soziologe mit düsterem Blick Horkheimers alte Aphorismen feil, über die »Religion der getäuschten Massen im Kapitalismus«. Drinnen las Dutschke noch beim Anstehen zum Mensa-Gulasch in alten rätedemokratischen Fotokopien. Die deutsche Spezialität in den internationalen Studentenunruhen dieses Jahrzehnts, ihr stärkster und ihr schlimmster Schub, kam aus der nicht verarbeiteten, verdrängten Geschichte. Das hat bis heute kein Bundespräsident gesagt.

Nach vierzig Jahren sieht man die großen Konturen: In allen westlichen Staaten haben sich in jenem Jahrzehnt die Studentenzahlen vervielfacht. In den Wohlfahrtsstaaten studierten zum ersten Mal in nennenswerter Zahl die Kinder der Besitzloseren. Überall ging es zunächst um Studienbedingungen, mit lokalen Ausprägungen: in München um die Buspreise, in Paris um die Geschlechtertrennung in den Studentenheimen, in Berkeley um das Recht auf politische Betätigung. In Mexiko, Spanien, Polen, Ungarn war es ernster, dort waren die Universitäten die einzigen Orte, an denen so etwas wie eine freie Meinung nicht gänzlich zu unterbinden war. Man muss es nicht, wie Immanuel Wallerstein, die Weltrevolution von 68 nennen, aber in jenen Jahren begann die Auflösung der politischen Nachkriegsordnung. Die Kolonien erkämpften ihre Selbstständigkeit, die Sowjetunion verlor ihre Kontrolle über die Satelliten, in den westeuropäischen Staaten trat die alte Führungsschicht ab. Deutschlands Parlamentarier, die dem Volk nicht trauten (die NPD wurde vorübergehend stark), bekamen Panik ob einer kleineren Konjunkturdelle, konnten die drei Milliarden Vietnamtribut nicht zahlen, dachten an Inflation und Weimar, flüchteten sich in eine Große Koalition und planten eine Wahlrechtsänderung. Und die westliche Führungsmacht USA war dabei, sich weltweit zu diskreditieren. Denkräume öffneten sich, Suchbewegungen begannen.

Keine Aktion ohne Aufklärung. Vor dem Schah-Besuch ließen wir uns stundenlang belehren. Bahman Nirumand referierte sein Buch über die Diktatur, Ulrike Meinhofs Brief an Farah Dibah aus Konkret wurde verlesen, ein Glanzstück aufklärerischer Polemik, voller Ekel vor einem Journalismus, der über jede Perle im Diadem schrieb, aber nichts von Elend, Folter, CIA. Am Morgen des 2. Juni konnte man darüber in der Berliner Morgenpost nur lesen, dass auf dieser Veranstaltung die Vietcong-Fahne gezeigt worden sei. Weitere Meldungen des Tages: Der Schah habe sich über die »Wer soll das bezahlen?«-Chöre in München beschwert, aber der dortigen Polizei sei es gelungen, die »rasende Menge« zurückzudrängen. An der Sandkrugbrücke war wieder ein Flüchtling zusammengeschossen worden. Senator Stein untersagte die Immatrikulationsfeier an der FU, weil sie gestört werden sollte, und Oberamtsrichter Dr. Bubenberger in Düsseldorf hatte eine Schallplatte mit Chansons von Helen Vita verboten: »Schon Adalbert Stifter warnte vor den zunehmend primitiven Trieben. Doch man hat nicht auf ihn gehört. Diese Platte bringt nur die geschlechtlichen Dinge nahe. Die aber gehören ins Dunkle.«

Nachmittags bekamen wir am Schöneberger Rathaus ein paar kleine Schrammen ab, als Mitglieder der Deutsch-Iranischen Gesellschaft mit Stöcken auf uns losgingen. Danach hatten wir keine Lust auf den Abend an der Oper und außerdem Besuch von Marion, in die wir alle verliebt waren. Als wir sie abends zum Busbahnhof bringen, kommen wir nur bis zum Kempinski. Rennende Menschen, brennende Transparente, überall Blaulicht. Direkt neben dem Auto prügelt ein Beamter mit dem Gummiknüppel auf eine Frau ein, die sich, als könne der sie schützen, an einen Laternenpfahl klammert. Einer springt raus, der Frau beizustehen. Die anderen ziehen ihn zurück: »Bist du verrückt, siehst du nicht, was hier los ist?«

Bis tief in die Nacht saßen wir, tranken viel, hörten Radio, aus dem nichts Klares kam. Auf einmal wurde alles sehr bedrohlich. Die Obristen in Griechenland, die seit ein paar Wochen folterten und exekutierten. Die Demokratie in Deutschland, die den Einsatz der Armee im Fall innerer Unruhen plante. »Vietnam in Europa«, wie Dutschke es sagte, das war hysterisch. Aber war Joachim Fest hysterisch, der wegen eines Panorama- Beitrags über die Notstandsgesetze zurücktreten musste? (Ulrike Meinhof demonstrierte für ihn.)

War Habermas es, der im Merkur vom Mai geschrieben hatte, »die äußere Politik wird von Rauchfahnen systematischer Verschleierung vernebelt, und nach innen schreitet die Integration mit Notstandsvorbereitungen, Lohnleitlinien und schriller werdenden Tönen der Presse voraus«?

Es dauerte ein paar Monate, bis die Einzelheiten des 2. Juni rekonstruiert waren: der Wille von Polizei und Politik, es ein für alle Mal »Keile setzen zu lassen«, die Aufstachelung der Schläger durch die bewusste Falschmeldung, ein Kollege sei erstochen worden, der Schuss des Polizisten Karl-Heinz Kurras auf den harmlosen, überwältigten Benno Ohnesorg. Die Augenzeugenberichte, die wir am nächsten Morgen auf dem Universitätsrasen hörten, sollten sich in allem bestätigen.

»Es war ein systematischer, kaltblütig geplanter Pogrom, begangen von der Berliner Polizei an Berliner Studenten«, schrieb Sebastian Haffner im stern , »die Kurras sind für die Nacht der langen Knüppel genauso wenig allein verantwortlich, wie es die Kaduk und Boger für Auschwitz waren. Die Hauptverantwortung tragen heute wie damals Schreibtischtäter mit manikürten Händen.« Auf unterschiedliche Weise waren alle noch mentale Geiseln der Vergangenheit und des Kalten Krieges. Die überwild ausschlagenden Seismografen zeigten die Erschütterungen des Alten. Über die Konturen des Neuen musste von nun an gestritten werden. Aber wo wäre ein Rahmen dafür gewesen, ein Raum, eine Öffentlichkeit für alle?

Die DDR hatte den Konvoi nach Hannover zur Beerdigung von Benno Ohnesorg ohne Autobahngebühren durchgelassen, zur allgemeinen Häme der »bürgerlichen Presse«. Auf den Brücken winkten Blauhemden, von der Partei geschickt oder durch die Sendungen des Rias neugierig geworden. In der Niedersachsenhalle redete der Marburger Jurist Wolfgang Abendroth, dessen »linker« Grundgesetzkommentar an den juristischen Fakultäten nie eine Chance hatte gegen den offiziellen; der kam (und kommt) von Herrn Maunz, der dienstlich liberal war, aber unter Pseudonym in der Deutschen National- und Soldatenzeitung schrieb. Abendroth hatte unter den Nazis im Zuchthaus gesessen, war desertiert zu den griechischen Partisanen und als Marxist aus der SPD ausgeschlossen worden. Er zitterte, und das Mikrofon schepperte, als er mit seiner hellen Stimme das Grundgesetz für weit genug hielt, den Sozialismus einzuführen. Dutschke entwickelte seine Visionen eines durch Basisgruppen zu revolutionierenden Deutschlands. Das war ein Traumtanz aus der Vergangenheit, aber wir waren zu aufgeregt, es gleich zu merken, auch Jürgen Habermas, der vor »linkem Faschismus« warnte. Es begann die Zeit der Kommunikationsabbrüche.

Der Rest des Semesters ist schnell erzählt: Die Demonstranten demonstrierten, die Justiz führte Schnellprozesse gegen »Rädelsführer«, einige Bürger verprügelten einige Studenten. Den Sechstagekrieg der Israelis gegen Ägypten machte Bild auf, als sei WM: Ihr habt für Deutschland gesiegt. Der 13. Juli war ein sehr sonniger Tag. Ins Audimax passte niemand mehr rein. Auf dem Rasen lagen noch einmal zweitausend. Der Mann, der auf das Podium stieg, in grauer Hose und gelbem Hemd mit kurzen Ärmeln, war neunundsechzig Jahre alt. Er sprach berlinerisch, mit leicht schleppendem amerikanischem Akzent. Zur Begrüßung hob er die rechte Faust – wie die Black Panthers es damals taten. Am Anfang seiner dreitägigen Sommerschule verkündete Herbert Marcuse, Honorarprofessor an der FU, das »Ende der Utopie«: Die Entwicklung der Produktivkräfte habe die Voraussetzungen für ein Leben auf Erden, für alle, frei von Hunger und Unterdrückung, von unnötigem Zwang und unbegründeter Ungleichheit, geschaffen. Nur ein Schleier aus Macht und Manipulation verhindere, dass diese objektive Möglichkeit zur Wirklichkeit werde. An diesem Nachmittag hörte ich zum ersten Mal die Begriffe »repressive Toleranz«, »strukturelle Gewalt«, »affirmativer Charakter der Kultur« und all die anderen Werkzeuge der Kritischen Theorie. Zwei Tage lang lauschten Tausende dem Heidegger-Marxisten mit dem Schillerkragen, maßen die Differenzen aus zwischen Naturrecht auf Widerstand und positiver Rechtsordnung, den Aufständen in der Dritten Welt und der Rebellion in den Metropolen. »Und selbst wenn wir nicht sehen, dass Opposition hilft, müssen wir weitermachen, wenn wir noch als Menschen arbeiten und glücklich sein wollen – und im Bündnis mit dem System können wir das nicht mehr.« Und im Übrigen auf den Eros vertrauen. Auf den Parkbänken des beschossenen Hanois hatte Marcuse die Utopie gesehen: »Sie sind so schmal, dass nur zwei Menschen darauf sitzen können.«

Vielleicht war dies das letzte Mal, dass sich alle miteinander versammelten: die Seminar-Marxisten, die liberalen Politologen, die anarchistischen Aktivisten. Die Hochschulreformer, die im Herbst ein Buch gegen die Untertanenfabrik vorlegen würden. Die späteren Journalisten, Ärzte, Theatermacher und Rechtsanwälte. Die Gründer all der Parteien. Die späteren Terroristen. Die kommenden Kinderladengründer, Mieteranwälte, die Sozialstadträte und Beamten.

Es gab schlimme Nachspiele, wie die Berufsverbote. Es gab blutige. Es gab solche, die bis heute wirken: neue Universitäten, Modellschulen, einen neuen Umgang mit Kindern, den Feminismus. Wenn man ein Datum braucht, kann man vieles davon auf den 2. Juni 67 zurückführen. Er war eine unter vielen größeren Begebenheiten gegen das Ende des Kalten Krieges, des billigen Öls, des Kolonialismus, des Kommunismus. Ein kleiner Urknall, der viele Energien verdichtete und in Elementarteilchen weiterwirkt, in lauter Geschichten von der Suche nach einer lebbaren Einheit von Erkenntnis, Gefühl und Beruf. Mein erstes Semester war zu Ende, ich hatte meine lange Leseliste zusammen, im Grunde gilt sie bis heute. Das Taschenbuch mit dem blauen Quadrat habe ich immer noch, aber ich habe nur ein Kapitel daraus gelesen: Der Aschermittwoch des parasitären Subjektivismus.