Die Furcht vor einer Überalterung der Gesellschaft wurde in der Weimarer Zeit bewusst geschürt und trug zur Destabilisierung der politischen Verhältnisse bei. Düstere Prognosen der Demografie griff die Nazipropaganda dankbar auf, um dem verhassten »System« Unvermögen in der Familien- und Bevölkerungspolitik nachzuweisen. Die Weimarer Regierung hatte 1930 zwar den Reichsausschuss für Bevölkerungspolitik ins Leben gerufen, der bewirkte aber wenig. Die Deutungshoheit des Themas blieb bei den Nationalisten.

Das Paradigma vom Bevölkerungsschwund und von einer drohenden Überalterung wurde von der Bevölkerungswissenschaft auch nach dem Krieg beibehalten. Zwar galt die Demografie in Deutschland wegen ihrer Einbindung in die rassistische Bevölkerungspolitik des NS-Regimes zunächst als desavouiert. Aber kaum war 1967 die Antibabypille auf dem Markt, tauchten die alten Thesen wieder auf. » Geburtenrückgang stellt den sozialen Wohlstand in Frage«, schrieb Hermann Schubnell, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, das als erste Reaktion auf den Pillenknick gegründet wurde. Und schon Mitte der siebziger Jahre war wieder zu lesen: »Deutschland stirbt aus!«, oder: »Deutschland vergreist!« Selbst das seriöse Prognos-Institut sagte 1976 einen bedrohlichen Bevölkerungsschwund in Westdeutschland um 5,2 Millionen bis 1990 voraus. Tatsächlich hat die Einwohnerzahl in dieser Zeit freilich zugenommen.

Die Geschichte der Demografie ist eine Geschichte des Versagens und der Irrtümer jedenfalls was Bevölkerungsprognosen betrifft. Kann man die gegenwärtigen Warnungen vor einer Überalterung und einem Bevölkerungsrückgang also getrost ignorieren? Das wäre leichtsinnig.

Aber es wäre auch nicht überraschend, wenn alles anders käme als vorausgesagt. Seit über hundert Jahren prophezeit die Demografie einen Bevölkerungsrückgang. In dieser Zeit hat die Einwohnerzahl Deutschlands von 56 Millionen auf über 82 Millionen zugenommen. Trotz zweier Weltkriege. Vor allem die deutlich gestiegene Lebenserwartung samt Zuwanderung hat die langfristigen Prognosen Makulatur werden lassen.

Vermutlich hat der britische Demograf David Eversley recht. Dieser Spezialist für Bevölkerungsprognosen behauptet, dass Voraussagen von Bevölkerungsentwicklungen der reinste Irrglaube seien. Sie würden nur aus einem einzigen Grund gemacht: um bestimmte politische Ziele durchzusetzen.