Luchs Kinderbuchempfehlungen Luchs 243: Im Paradies für Dicke
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Zoran Drvenkar und Peter Schössow und »Paula«
Wir sind zu dick, wir Deutschen. Das ist nun amtlich. Die Bundesregierung arbeitet gerade an einem millionenschweren Maßnahmepaket gegen die Pfunde. Dieses Buch hat eine viel bessere Lösung.
Paula, die Heldin dieses liebenswerten Werkes, ist auch zu dick. Das sieht man auf einen Blick, da braucht man gar nicht erst nach dem Body Mass Index zu fragen. Da genügt schon der Speiseplan für das Frühstück, den ihr Erfinder Zoran Drvenkar gleich miterfunden hat (Käse- und Gurkenbrote, Pudding, Kartoffelsalat, Käsekuchen ohne Rosinen, Schokolade, Chips, Malzbier, Pizza), und man weiß: Paula fühlt sich schwer. So schwer, dass ihr gar nichts mehr leicht fällt.
Das ist eine Tatsache. Die Tatsache in Form von Kugelbauch und Breitformathintern sieht man auch auf den zarten blau-orange Zeichnungen von Peter Schössow. Und Tatsachen wiegen schwer, an Tatsachen kann man schwer rütteln. Wegen dieser kugelbäuchigen Faktenlage haben alle Männer in Paulas Familie Kreuzschmerzen, wenn Paula gern mal in die Luft geworfen werden möchte. Alle bis auf Onkel Hiram. Onkel Hiram ist der lebendige Beweis dafür, dass Fakten Fakten sind, die Wirklichkeit aber etwas anderes ist.
In der Wirklichkeit kann Onkel Hiram, der in seinem Leben vermutlich schon ganz andere Gewichte gestemmt hat, Paula mühelos in die Luft werfen. In Onkel Hirams Armen hat Paula fast kein Gewicht. Offenbar ist die Wirklichkeit nämlich doch keine fakten-, fakten-, faktenschwere Tatsache, sondern (Kinder, aufgepasst!) eine Frage der Interpretation und menschlichen Beziehung. Ganz einfach. Und genauso einfach kann Paula plötzlich fliegen.
Das heißt, nein, fliegen kann sie eigentlich nicht, jedenfalls nicht so Peter-Pan-mäßig, wie man sich das vielleicht vorstellt. Es ist nur so, dass Onkel Hiram Paula in die Luft seiner wunderbar leichten Beziehungswirklichkeit wirft und Paula einfach nicht wieder runterkommt. Vollkommen losgelöst, wie sonst nur im deutschen Schlager, lässt sie sich vom Wind schaukeln, sieht sich den Himmel und die Wolken an, isst, so viel sie will, muss nie aufs Klo und fühlt sich wie ein Libellenflügel. Die menschlichen Grundbedürfnisse sind restlos erfüllt. »Paula hat Bücher und sie hat den Himmel.« Was braucht man noch zum großen ganzen Glück? Die Familie schickt Picknickkörbe und Weihnachtsgeschenke. Im Winter wärmen sie die Vögel mit ihren Flügeln. Paula liest unter den Wolken über hundert Bücher. Sie will nicht shoppen und nicht ins Kino. Der ganze Schund kann ihr gestohlen bleiben. Ihr Leben ist ganz tief und ganz gleichmütig und ganz poetisch geworden. »Sie ist froh, einfach nur über die verschneite Landschaft zu schauen.« Sie vermisst nichts. Oder war da noch was?
Ja natürlich, die Freunde, die berühmten menschlichen Beziehungen. Die fehlen. Und weil Leben und Autor es gut mit Paula meinen, schicken die beiden ihr schließlich auch noch jede Menge Freunde herauf. Zuerst den dicken Gunnar aus Schweden, dann eine ganze Parade dicker Kinder aus aller Welt. Und wenn sie nicht gelandet sind, fliegen sie noch immer dort irgendwo oben im Paradies der Dicken, die der Schwere des Lebens einfach den Rücken kehren. Wer da nur mitfliegen könnte… (Ab 6 Jahren) Iris Radisch
- Datum 30.07.2007 - 03:09 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
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