Roman Nähe. Distanz. Kälte

Wie es Don DeLillo in seinem großartigen Roman »Falling Man« gelingt, auf den Schock des 11. September eine Antwort zu finden.

Als die Türme stürzten, war da der Schock, der sprachlos machte; als der Staub sich legte, war da die Sicherheit, dass die Welt, wie wir sie kannten, für immer verändert war; als die Zeit ihr Regiment übernahm und die Bilder versanken, versank mit ihnen die andere, die veränderte Welt und mit ihr der Blick auf das wahrhaft Neue, das dieser Tag im September bedeutet hatte. Es war Krieg, einmal mehr.

Es ist immer noch Krieg, und die Kunst sucht ihren Ort, ihren Ton, ihr Gesicht, sucht die Sprache, wie sie sich der Zukunft nähern soll; oder wenigstens der Gegenwart. Leise sind sie, die Maler, Filmemacher, Schriftsteller, Sänger, leise und im Vagen begriffen, weil ihnen die Wirklichkeit verloren gegangen ist, lange vor dem 11. September 2001; aber danach fiel es ihnen erst richtig auf. Worauf sie immer noch keine rechte Antwort gefunden haben, ist die Fiktionalisierung der Wirklichkeit, die in diesem einen Ereignis ihren schrecklichen Höhepunkt zu haben schien. Die Welt ist eine Erzählung, so hat es Don DeLillo in seinem Essay In den Ruinen der Zukunft beschrieben, drei Monate nach den Anschlägen. Und »diese Erzählung endet in Staub und Zerstörung, und es liegt an uns, eine Gegenerzählung zu erfinden«.

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Literatur als Voodoo also, als Gegenzauber, als eine postmoderne Heilslehre, die die Wunden pflegen hilft, die die Zeit geschlagen hat. Es würde eine Weile dauern, da war sich DeLillo sicher. »Der Schriftsteller will verstehen, was dieser Tag mit uns gemacht hat. Ist es zu früh? Es scheint, dass uns die Zeit fehlt, uns allen. Zeit ist rar geworden in diesen Tagen. Alles ist wie verdichtet, gehetzte Pläne, gedrängte und verdrehte Zeit. Aber die Sprache ist nicht zu trennen von der Welt, die sie hervorruft. Der Schriftsteller beginnt in den Türmen, versucht sich diesen Moment vorzustellen, verzweifelt. Noch vor der Politik, vor Geschichte und Religion gibt es den ursprünglichen Schrecken. Menschen fallen von den Türmen, Hand in Hand. Das ist Teil der Gegenerzählung, Körper und Seele vereint, die menschliche Schönheit in diesem Durcheinander von verschlungenem Stahl.«

Sechs Jahre hat es gedauert, sechs Jahre hat Don DeLillo gewartet und gearbeitet, geschrieben und gedacht; herausgekommen ist ein Buch, das diese Zeiten überdauern wird. Sein neuer Roman wird zeigen, dass sich nicht so sehr die Welt verändert hat, als die Türme des World Trade Center in New York fielen; verändert hat sich unsere Wahrnehmung der Welt.

»It was not a street anymore but a world, a time and space of falling ash and near night.« So beginnt sein Roman Falling Man, der in dieser Woche in Amerika erscheint. Keine Straße war da mehr, nur noch die Welt, Zeit und ein Raum von fallender Asche und naher Nacht. So beginnt der erste Roman, der einen Ton, eine Sprache, eine Art Geschichte findet für das, was da in New York passiert ist: weil er nicht den Schock selbst beschreibt, sondern die Schockwellen nachzeichnet.

Falling Man fängt mitten im Schrecken an, Keith Neudecker stolpert aus dem Staub, der einmal der Südturm gewesen ist; hier hat er gearbeitet, hier sind seine Freunde gestorben, er tastet sich nach Norden voran, Glassplitter im Gesicht und einen Aktenkoffer in der Hand, der ihm nicht gehört. Blut auf seinem Hemd, das nicht seines ist. Dem Tod ist er entkommen, das Leben muss er erst finden. »Er versuchte sich klarzumachen, dass er am Leben war, aber dieser Gedanke erschien ihm so merkwürdig und entglitt ihm immer wieder.«

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