Vor 300 Jahren, am 23. Mai 1707, wurde im südschwedischen Råshult der Botaniker und Systematiker Carolus Linnaeus geboren – auch bekannt als Carl von Linné, nachdem der schwedische König ihn 1761 wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste geadelt hatte. Und diese Verdienste sind in der Tat keine geringen, setzte Linné doch mit seinem Bemühen, die Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt zu ordnen, Standards, die bis heute gelten. Zwar gab es bereits zuvor Ansätze einer biologischen Ordnung, doch erst Linné entwickelte und benutzte 1735 in seinem Werk Systema Naturae konsequent ein einheitliches System zur Klassifizierung von Tieren und Pflanzen. Indem er sie in Klassen, Familien, Ordnungen und Arten einteilte, wollte er hinter das Geheimnis einer göttlichen Schöpfung in der Natur kommen. Systematiker wurden lange Zeit als Käferzähler verspottet. Jetzt ist ihr Wissen wieder gefragt. Hier geht's zu unserer Prachtkäfer-Bildergalerie BILD

Mit traumwandlerischem Gespür für natürliche Gruppierungen schuf er eine Klassifikation, die noch heute vielfach verwendet wird. Linné fasste etwa die Wale, die er trotz ihres gemeinsamen Lebensraums von den Fischen trennte, erstmals korrekt als Säugetiere auf. Für diese Klasse führte er den Namen Mammalia ein, nach den für sie typischen Milchdrüsen – und stellte hierzu auch den Menschen.

Zweifellos sein größter Erfolg war jedoch 1753 die Einführung der bis heute verwendeten lateinischen Doppelbenennung, der binären Nomenklatur, zur Kennzeichnung von Organismen. So heißt der Mensch korrekt »Homo sapiens Linné, 1758«. Zu Gattungs- und Artbeinamen werden stets der Autor und das Jahr der Beschreibung hinzugefügt.

Als Carl von Linné 1778 in Uppsala starb, hatte er die Naturkunde revolutioniert und die Biosystematik – jene Wissenschaft von der Beschreibung und Benennung der Lebewesen – begründet. Bis heute gilt er zu Recht als Großer der Biologiegeschichte. Wie groß allerdings die Herausforderung für Linnés Erben sein würde, das dürfte der schwedische Naturforscher allenfalls geahnt haben.

Gerade einmal 549 Tierarten benannte der »Princeps Botanicorum« in der ersten Auflage seiner Systema Naturae . Am Ende seines Lebens zählte er kaum mehr als 6000 Pflanzenarten und 4400 Tierarten. Tatsächlich sehen sich Systematiker heute einer weitaus größeren Vielfalt an Lebewesen gegenüber. Nach jüngsten Schätzungen müssen wir von 13 bis 30 Millionen Tierarten ausgehen – ein ungeheures Füllhorn der Natur, dessen Boden nicht zu erkennen ist.

Dass sich zu Linnés Jubiläum indes Katzenjammer breitmacht, hat andere Ursachen. Zum einen haben Biosystematiker bis heute ihre Hausaufgaben nicht gemacht; zum anderen droht ihrer Disziplin ausgerechnet jetzt ein Traditionsabriss.

Biosystematiker plagen sich gleich mit mehreren Problemen der Artenvielfalt herum. Da ist einmal die unbekannte Zahl der Arten, die verlässlich zu ermitteln niemandem gelingt. Und weil ein zentrales Register selbst der bereits beschriebenen Arten fehlt, wissen wir noch nicht einmal, was wir bereits wissen. Auch 250 Jahre nach dem offiziellen Beginn der zoologischen Nomenklatur à la Linné dürften wir mit etwa 1,8 Millionen beschriebenen Tierarten gerade das erste Zehntel der biologischen Vielfalt erfasst haben. Jeder Versuch, dieses Wissen zusammenzufassen und auf dem aktuellen Stand zu halten, stößt auch im Zeitalter modernster Datenbanksysteme und weltweiter Vernetzung ebenso auf grundsätzliche Probleme wie auf technische Schwierigkeiten.

Da gilt es etwa, doppelt (für mehr als eine Art) vergebene Namen oder unterschiedliche Namen für ein und dieselbe Art aus der Fachliteratur herauszufischen oder die verborgenen sogenannten kryptischen Formen eines Artenkomplexes zu identifizieren. An Ansätzen zu einem all species register fehlt es nicht, doch sind die Herausforderungen ungleich komplexer als etwa der bloße Vergleich der Nukleotidsequenz im Genom von Mensch und Menschenaffe. Für einen automatisierten Ansatz wie im Genomprojekt hat sich biosystematisches Arbeiten bislang als zu komplex erwiesen. Vor allem aber: Es fehlt jeder politische Wille für eine millionenteure Forschungsförderung auf diesem Gebiet – nicht nur hierzulande.

Darwins Evolutionstheorie lässt den Artbegriff der Systematiker wanken