Biologie Die Erben Linnés auf der Roten ListeSeite 3/3

Als prekär erweist sich – just zu einem Zeitpunkt, zu dem mehr als je zuvor biosystematisches Fachwissen gefragt ist –, dass diese Disziplin an deutschen Universitäten systematisch ausgeblutet wurde. Taxonomische Kenntnisse fehlen inzwischen bei Lehrenden wie Lernenden der Biologie. »Es gibt gegenwärtig keinen zoologischen Lehrstuhl mehr in Deutschland, an dem Taxonomie als Schwerpunkt gelehrt wird«, sagt Wolfgang Wägele, Direktor am Zoologischen Forschungsmuseum A. Koenig in Bonn und Präsident der Deutschen Zoologen-Gesellschaft.

Zehn Stiftungsprofessuren sollen das Aussterben der Taxonomen verhindern

Anzeige

Wägele will jetzt in einer Initiative verschiedener biologischer Fachverbände, darunter der Verband deutscher Biologen (VDBiol) und die Gesellschaft für biologische Systematik (GfBS), dem Schwund von Linnés Erben entgegenwirken. Die Initiative schlägt einen bundesweiten Wettbewerb um Stiftungsprofessuren in Taxonomie vor. So sollen zehn Professuren an solchen Universitäten angesiedelt werden, die ein entsprechendes Umfeld an organismisch orientierten Instituten oder assoziierten Naturkundemuseen aufweisen. Damit sollen wieder Studiengänge und Arbeitsgruppen etabliert werden, die sich der artbezogenen Biodiversitätsforschung widmen. »Unsere Idee ist, dass sich die Hochschulen um diese Stiftungsprofessuren einschließlich Grundetat bewerben«, sagt Wolfgang Wägele. Die Professuren sollen (unterstützt durch die Bundesminsterien für Bildung und Forschung sowie für Umwelt) anteilig von den Wissenschafts- und Umweltministerien der Länder finanziert werden. Jährlicher Finanzbedarf: etwa drei Millionen Euro plus Erstausstattungskosten.

Tatsächlich käme der Bund mit dieser – vergleichsweise kostengünstigen – nationalen Ausbildungsinitiative in der Taxonomie einer Verpflichtung nach, die Deutschland spätestens seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio eingegangen ist, war doch das Ziel der dort beschlossenen Konvention über Biologische Vielfalt der Erhalt und die Erforschung der Biodiversität. Überdies werden sich im kommenden Jahr Deutschland und die Bundesregierung mit der Gastgeberrolle beim nächsten Weltgipfel zur biologischen Vielfalt schmücken. Im eigenen Land freilich fehlen dann bereits die Experten. Dabei ist auch die wirtschaftliche Bedeutung einer Bestimmung der Arten nicht zu unterschätzen, sei es bei invasiven Arten, die Millionenschäden verursachen, oder bei der Nutzung von Substanzen aus Lebewesen.

An Warnungen hat es nicht gefehlt. Dass es zu einem Engpass an taxonomischem Fachwissen kommen wird und Deutschland dringend für Kapazitäten und Kompetenzen sorgen muss, mahnen Insider seit Jahren an. Nach dem Umweltgipfel 1992 keimte Hoffnung. Auch mit der (vor allem amerikanischen) » Initiative Systematics Agenda 2000« sollte das Feld in Deutschland belebt werden. Obgleich Fachleute aus Museen und Universitäten erst unlängst einen Überblick zum Stand und zu den Perspektiven der Biodiversitätsforschung vorlegten und sich in der vergangenen Woche die Forschungsmuseen zum Konsortium »Deutsche naturwissenschaftliche Forschungssammlungen« (und damit zum weltgrößten Verbund dieser Art) zusammengeschlossen haben, blieben praktische Konsequenzen bislang aus.

Ausbildung in Taxonomie erfolgt laut Wägele »fast nur noch an Museen«. Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in drei sogenannten Biodiversitäts-Exploratorien jetzt auch systematische Forschung zu fördern, kann über den kontinuierlichen Abbau an akademischen Stellen für Taxonomen und die Umwidmung von Systematik-Lehrstühlen nicht hinwegtäuschen, nachdem über Jahrzehnte immer weniger Nachwuchs ausgebildet und gefördert wurde.

In den USA dagegen hat man den Mangel vor Jahren erkannt. Inzwischen unterstützt die National Science Foundation mit gezielter Förderung die Ausbildung neuer Taxonomen, etwa durch ihr PEET-Programm (Partnerships for Enhancing Expertise in Taxonomy) und das Projekt » All Species Inventory «. In Deutschland droht derweil der Verlust einer weiteren Spitzenposition, nachdem Systematik made in Germany sich über mehr als ein Jahrhundert hinweg als wissenschaftliches Markenzeichen etabliert hatte.

300 Jahre nach Linné brauchen Biosystematiker und Taxonomen nicht nur Computer und molekulare Werkzeuge, um der biologischen Vielfalt Herr zu werden. Es braucht auch ausgebildete Forscher, die sich des alten Wissensschatzes ebenso wie der neuen Werkzeuge bedienen können.


Der Biosystematiker und Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht ist am Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin Leiter der Abteilung Forschung und Kurator für Malakozoologie (Weichtierkunde)

Carl von Linné wurde 1707 im schwedischen Råshult geboren. Er arbeitete zuerst als Arzt in Stockholm und wurde dann Professor für Anatomie, Medizin und Botanik in Uppsala. Noch heute kann man dort den von ihm gestalteten botanischen Garten besichtigen.
Mit dem Werk Systema naturae von 1735 schuf von Linné die Grundlage der modernen biologischen Systematik. So führte er die binäre lateinische Bezeichnung (Nomenklatur) ein und legte damit auch den Artbegriff fest.
Außerdem stellte er nach dem Tod des schwedischen Astronomen Anders Celsius dessen Temperaturskala auf den Kopf – Celsius hatte den Siedepunkt von Wasser mit 0 Grad und den Gefrierpunkt mit 100 Grad festgelegt.
Carl von Linné starb 1778 an den Folgen eines Schlaganfalls.


Mehr Käfer gibt es in unserer Bildergalerie "Das bunte Krabbeln"

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service