Zwischen 1967 und 68 drehte der schwedische Regisseur Vilgot Sjöman zwei bahnbrechende kleine Kunstfilme, in denen er das soziale und politische Bewusstsein seiner Landsleute ohne Angst vor Ärger unter die Lupe nahm. Betitelt waren die Filme, die jetzt in Deutschland erstmals in ungekürzter Fassung auf DVD erscheinen, sinnigerweise mit Ich bin neugierig Gelb und Ich bin neugierig Blau (Gelb und Blau sind die schwedischen Nationalfarben). Der ehemalige Bergman-Assistent Sjöman hatte sich mit Filmen über Inzest und Sodomie in seiner Heimat bereits einen Namen als radikalästhetischer Querkopf gemacht. Die damals skandalösen Sexszenen in Ich bin neugierig Gelb sicherten ihm auch unter den linken europäischen Autorenfilmern der sechziger Jahre den Ruf eines Enfant terrible. Vor allem Godard hatte seine Spuren in Sjömans Film hinterlassen. Wenn er die junge Lena auf ihrer Interviewtour durch Stockholm begleitet, bezieht er sich rhetorisch unverkennbar auf die sexy Agitprop, die Godard gerade in Filmen wie Masculin Féminin entwickelt hatte (der hübsche Schmollmund, die Mischung aus Dokumentation und Fiktion, der pamphlethafte Sound).

Lenas unverblümt-naive Passantenbefragungen zum schwedischen Klassensystem oder zum Sommerurlaub im faschistischen Spanien kratzen beharrlich am Selbstverständnis ihrer Landsleute.

Es ist diese titelgebende Neugier, aus der Sjömans Film seine Dynamik zieht. Gleichzeitig spürt man bereits die Resignation des Zynikers.

Ich bin neugierig Gelb begnügt sich damit, die Bedingungen zu erkunden, unter denen ein gesellschaftlicher Umbruch denkbar wäre ohne ihn auch zu versuchen. Am toten Punkt angelangt, zieht sich der Film demonstrativ ins Privatistische zurück, runter auf die durchgelegene Matratze in Lenas Zimmer. Sjömans unentschlossene Haltung wird im Zwillingsfilm Ich bin neugierig Blau umso deutlicher. Wieder erzählt er, leicht variiert, aus Lenas Leben, will aber die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des »gelben Films« mitverarbeiten vergeblich. Am Ende landet das Mädchen wieder mit demselben Typen im Bett. Sjöman übernimmt im Film die Rolle des »intellektuellen Ziehvaters«, aber den Kindern von Marx und Coca-Cola ist nicht mehr zu helfen. » Willst du Freud oder Marx eingerahmt haben?«, wird Lena gefragt. » Weder noch«, antwortet sie, »ich will Franco.«

Vilgot Sjöman: Ich bin neugierig Gelb/Blau

Legend Home Entertainment, 2 DVDs