Wien

Es ist ein unscheinbarer Altbau mit grau-weiß gestreifter Fassade im tristen Teil der Leopoldstadt: die Novaragasse 36a. Alte Frauen führen kleine Hunde spazieren, Autofahrer suchen in dem Einbahnstraßenlabyrinth nach Parkplätzen. Ein Mann in weißem Unterhemd lehnt am Fensterbrett. Was passiert, wenn man hier klingelt – bei der angeblich gefährlichsten Adresse Österreichs? Specially designated global terrorists würden hier, unweit des Pratersterns, über ihren finsteren Plänen brüten. Das meint zumindest die Regierung der USA. Wir klingeln. Doch nichts geschieht.

Gleich achtzehnmal findet sich die Novaragasse 36a in der aktuellen Version der schwarzen Liste des Office for Foreign Assets Control (Ofac), einer Abteilung des US-Finanzministeriums, jener Behörde, die einen Großteil der zivilen Aktivitäten im Krieg gegen Terror, Schurkenstaaten und Drogenbarone bündelt. Außer der Novaragasse kennt der Katalog nur noch drei weitere verdächtige Stützpunkte in Österreich. Ofac-Regeln waren auch dafür verantwortlich, dass die Bawag die Konten kubanischer Kunden kündigte. Amerikaner dürfen mit Firmen oder Personen, die auf dieser Liste stehen, keinen Handel treiben. Es drohen bis zu zehn Millionen Dollar Strafe und dreißig Jahre Haft. Auf den 267 Seiten dieses Handbuches des US-Wirtschaftskrieges stehen al-Qaida, Osama bin Laden, die kubanische Nationalbank oder die iranische Atomenergieorganisation. Und eben auch immer wieder die Novaragasse 36a. Glaubt man der US-Regierung, dann residiert dort seit knapp vier Jahren ein Verein, der unter dem Vorwand der Gemeinnützigkeit Spendengelder für die palästinensische Terrororganisation Hamas sammelt.

Also rein ins Gebäude, hinauf in den zweiten Stock, wo laut US-Fahndern die Terroristen sitzen. Die braune Holztür zeigt weder einen Namen, noch gibt es eine Klingel. Klopfen. Keine Reaktion. »Araber leben hier schon lange keine mehr. Gut drei Jahre nicht mehr«, erzählt eine Nachbarin in gebrochenem Deutsch. Sie hält ein quengelndes Kind auf ihrem Arm. »Früher ja. Auch viel Besuch von Arabern.« Doch dann zog ein österreichisches Pärchen ein, und nun lebt hier laut Türschild ein »Herr Bozano«. Terroristen? Fehlanzeige.

Der Verein, um den es geht, ist die Palästinensische Vereinigung in Österreich (PVÖ). Vereinszweck: die Betreuung in Österreich lebender Palästinenser, die Förderung der Verständigung mit Österreichern und die Organisation von »humanitärer und karitativer Hilfe« für die palästinensische Bevölkerung.

Überraschend verkündete Präsident George W. Bush im Spätsommer 2003, die PVÖ werde gemeinsam mit vier anderen palästinensischen Hilfsorganisationen in Europa fortan auf der Ofac-Liste geführt. Die USA baten Österreich, die Konten einzufrieren und Ermittlungen aufzunehmen. Doch die Österreicher weigerten sich, die Bankkonten der Organisation zu sperren. »Die PVÖ ist in Österreich bisher in keiner Weise strafrechtlich in Erscheinung getreten«, meinte das Innenministerium.

Das Vereinsregister weist Adel Doghman als Obmann der PVÖ aus. Offizielle Vereinsadresse ist nicht etwa die Novaragasse, sondern die Privatwohnung des Obmanns in der Brigittenau. Der libanesische Palästinenser tritt auch unter den Namen Adil Abdullah oder Abu Barah in Erscheinung – im arabischen Kulturkreis nichts Ungewöhnliches. Es braucht ein halbes Dutzend Telefonate, bis man ihn zu einem Treffen überredet, den »leader of Hamas in Austria« – so nennt sowohl das US-Finanzministerium als auch eine CIA-Analyse diesen Mann.

Abu Barah, der seit 1991 in Österreich lebt, will sich nur mit einer einzelnen Person treffen und besteht auf einem Dolmetsch, obwohl er gut Deutsch spricht. Er ist seit vierzehn Jahren offiziell bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft als Volksschullehrer angestellt und erteilt im südlichen Niederösterreich Religionsunterricht. Auch als Gast beim Fastenbrechen nach dem Ramadan im Wiener Rathaus ist er anzutreffen, zu dem Bürgermeister Michael Häupl jährlich einlädt.

Das Treffen mit Abu Barah findet schließlich ohne Dolmetsch in einer Hotelbar in der Lassallestraße statt. Die letzten Grüppchen von Krawattenträgern verlassen gerade den Mittagstisch. Abu Barah ist bei der Platzauswahl heikel: Er will nicht, dass jemand in der Nähe sitzt. Die beiden Tonbandgeräte müssen vom Tisch, sein eigenes muss bleiben. Widerspruch duldet er nicht. Mehrmals sagt er »Auf Wiedersehen« und steht auf – bereit, die Bar zu verlassen. Erst nach fünffacher Einwilligung in seine Forderungen setzt er sich wieder.

Abu Barah ist ein korpulenter Herr Anfang fünfzig. Er trägt dunkles Haar und einen gestutzten Vollbart. Wie er es sich erklärt, dass man ihn in Amerika für den österreichischen Hamas-Führer und seinen Verein für einen Unterschlupf des globalen Terrorismus hält? »Wir haben transparent gearbeitet. Die Amerikaner machen Fehler, das sieht man im Irak. Bush hat falsche Informationen.«

Man kann ihm kaum widersprechen. Abgesehen davon, dass die US-Behörden noch immer eine Adresse ausweisen, in der sich längst kein PVÖ-Büro mehr finden lässt, haben die Amerikaner auch kein einziges ihrer Verdachtsmomente öffentlich gemacht. Zwar mag die US-Regierung ihre Indizien dem österreichischen Verfassungsschutz zugespielt haben – der hat aber bisher trotzdem nichts gegen die PVÖ unternommen. Im Gegenteil. Man sei stolz darauf, dass »wir das anders machen als die Amerikaner«.

Dieses »anders machen« betrifft aber nicht nur Österreich allein. Wo die Amerikaner die Strategie hermetischer Isolation wählen, wollen die meisten EU-Staaten der Hamas – deren militärischer Flügel viele Selbstmordanschläge zu verantworten hat – eine Anerkennung Israels auf diplomatischem Weg abringen. Bisher freilich vergeblich.

»In Palästina ist die Hamas auch eine soziale Organisation«, sagt Thomas Schmidinger, Politologe und Islamexperte: »Sie ersetzt das nicht vorhandene Gesundheits- und Sozialsystem und hält so die eigene Klientel bei der Stange.« Viele Wohltätigkeitsorganisationen weisen eine Nähe zur Hamas auf, ohne offiziell deren Stempel zu tragen. »Wenn man Geld für das Opferfest spendet, werden davon zwar auch Opferlämmer gekauft. Aber ein Teil des Geldes fließt eben oft weiter«, sagt Schmidinger.

Selbst die Palästinensische Gemeinde in Wien – die der rivalisierenden, eher säkularen Fatah nahesteht und daher weniger in den Verdacht gerät, Terroristen zu unterstützen – hat vor Jahren damit aufgehört, Spenden für Palästina zu sammeln. »Irgendwas kann von den Spenden immer abgezweigt werden. Außerdem: Wo Geld gesammelt wird, gibt es immer Gerede«, erklärt der frühere Vorsitzende Georg Nikola.

Laut Abu Barah sammelt auch die PVÖ seit 2003 keine Spenden mehr für Palästina. Seitdem widmet man sich vermehrt der Betreuung der in Europa lebenden Landsleute. Ebenfalls im Jahr 2003, also just zu jener Zeit, als die PVÖ ins Visier der amerikanischen Terroristenjäger geriet, wurde eine weitere Palästinenserorganisation in Wien gegründet: die Palästinensische Humanitäre Vereinigung Österreich (PHV). Vereinszweck ist die Durchführung humanitärer Hilfsleistungen. »Die PHV unterstützt palästinensische Organisationen, die mit der Hamas in Verbindung stehen«, steht in einer Analyse der CIA. Die Autoren nehmen an, dass es sich um die Nachfolgeorganisation der PVÖ handle.

Die PHV betreibt ein öffentliches Spendenbüro in der Vereinsgasse im zweiten Bezirk. An den Wänden hängen Fotos, die weinende Kinder und betroffene Männer zeigen, die Hilfspakete überreichen. Besucher können in dem kargen Raum auf einer weißen Ledercouch Platz nehmen. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Palästinenser, der mit seinem Handy spielt. Fotos dürfen hier keine gemacht werden.

Wie viele Besucher er täglich begrüße, kann oder will der Mann nicht genau sagen. Nur so viel: Palästinenser wie Österreicher, Politiker wie Vereine – sie alle kämen hierher, um zu spenden oder sich zu erkundigen, ob es ihren Patenkindern in Palästina auch gut gehe. Das gesammelte Geld fließe per Banküberweisung über die PHV an palästinensische Wohltätigkeitsorganisationen oder gehe direkt an bedürftige Familien. 2006 betrug die stolze Summe 784470 Euro.

Obmann der PHV ist laut Vereinsregister Hani Abdelhalim. Auch er unterrichtet Islamische Religion an einer Volksschule in Niederösterreich. Dem Nachrichtenmagazin profil gab er 2003 ein Interview als »Vizepräsident der PVÖ« – allerdings unter dem Namen Hani Ibrahim.

Für ein Gespräch habe er keine Zeit, sagt er am Telefon. Nach mehreren Überredungsversuchen legt er unvermittelt auf. Eine Frageliste per E-Mail beantwortet er dann aber doch – in stakkatoartiger Form. Wie er sich erkläre, dass die Amerikaner die PVÖ zu den s pecially designated global terrorists zählten? »Unrecht, wie eben vieles andere.« Ob er ausschließen könne, dass Spendengelder an die Hamas fließen? »Absolut.« Außerdem sei er nie Vizepräsident des PVÖ gewesen. Wie er sich dann das Interview von 2003 erkläre? »Eindeutiger Irrtum des profil.« Jedoch auch dem Arabischen Dienst der BBC gab er damals als Vizepräsident der PVÖ ein Interview unter dem Namen Ibrahim.

Möglicherweise misstrauen mittlerweile aber auch die österreichischen Behörden den Beteuerungen der humanitären Palästinensergruppen. Erst vor wenigen Wochen sei es zu Hausdurchsuchungen bei den Funktionären von PVÖ und PHV gekommen, weiß jemand aus der Palästinenserszene, der namentlich nicht genannt werden will, zu berichten. Um fünf Uhr früh, so der Informant, sollen Sonderkommandos die Privatwohnungen gestürmt und Akten sowie Computer konfisziert haben. Innenministerium und Verfassungsschutz verweigern jeden Kommentar. »Das stimmt nicht«, sagt Abu Barah von der PVÖ. PHV-Obmann Ibrahim Abdelhalim antwortet nicht mit Worten. Aber unter die entsprechende Frage hat er in seinem Antwortmail neun Rufzeichen getippt.

Auch ein anderes Gerücht kursiert in der Szene: Wieder soll eine neue Organisation gegründet werden – wohl weil man es satthat, als Terrornest verschrien zu sein. Kolportierter Name: Palästinensische Humanitäre Organisation Österreich. Die beiden Palästinenser im Visier der USA kommentieren dieses Gerücht unterschiedlich. »Wir denken darüber nach«, sagt Abu Barah. »Unsinn. Was veranlasst jemanden, so etwas zu dichten?«, fragt Ibrahim Abdelhalim.

Mehr ist von beiden nicht zu erfahren. Ob im Mailverkehr, am Telefon oder im persönlichen Gespräch: Sie geben sich einsilbig und argwöhnisch – hinter jeder Frage scheinen sie eine Falle zu wittern. Ein Indiz für dunkle Machenschaften? Nicht unbedingt. Es könnte Misstrauen sein, das aus schlechten Erfahrungen herrührt. Schließlich dreht es sich jedes Mal, wenn sich ein Journalist bei ihnen meldet, nur darum: CIA, Terrorismus und Hamas.

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