TanzGeniale Zweiflerin

Wohin bewegt sich die experimentierfreudigste Choreografin Deutschlands? Ein Probenbesuch bei Sasha Waltz. von 

Dieser Raum ist eigentlich kein Raum, sondern eine neue Dimension: Weltentrücktheit inmitten der Welt, Ruhen in der permanenten Bewegung. Wenn Sasha Waltz ihr neues Studio betritt, verlässt sie die Sphäre dunkler Theaterkästen und begibt sich ins Helle. Fünf Stockwerke über der Spree. Vierhundert Quadratmeter Tanzfläche. Drei weite Wände aus Glas. Die Choreografin geht über den Schwingboden bis dicht an die gläserne Längsseite, wo man kaum noch Boden unter den Füßen spürt, wo man fast schon abhebt und sich die Frage erübrigt: Sind Sie froh, Frau Waltz, wieder eine freie Existenz zu führen? 2005 quittierte sie ihren Kooperationsvertrag mit der Berliner Schaubühne, seit Herbst 2006 teilt sie sich mit anderen Künstlern die Probenräume des Radialsystems, einer alten Pumpstation mit futuristischem Überbau, schräg gegenüber vom Ostbahnhof.

Ein Kamerateam hat den Moment gefilmt, als sie zum ersten Mal im StudioA stand. Über sich den Himmel, die ziehenden Wolken, die Vögel. Unter sich das Wasser, die Boote, die Windballett tanzenden Bäume. Damals sagte die Architektentochter Waltz: »Das ist das Traumstudio.« Dann lachte sie etwas verlegen, weil pathetische Worte nicht ihre Art sind, und fügte hinzu: »Obwohl, na ja. «

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Seit acht Monaten bespielt sie ein neues Haus, das Berliner Radialsystem

Es klang, als ob sie die Verwirklichung eines Traums anmaßend fände. Als ob sie – die in den Neunzigern auf der Dauerbaustelle Berlin-Mitte zu Ruhm gelangte, die von einer brüchigen Kulisse zur nächsten zog, eigenhändig die Sophiensæle tünchte und ihre Requisiten auf dem Flohmarkt kaufte – sich in diesem Luxusgehäuse deplatziert vorkäme. »Wieso kann man mit dem, was man hat, nicht mal zufrieden sein? Diese ständige Suche nach Fehlern legt sich irgendwann übers ganze Leben.« Sasha Waltz, kaum im Radialsystem, befindet sich schon wieder in einer Phase des Fehlersuchens und Infragestellens. Eben kommt sie von den Endproben für Medea, in der poetisch zugespitzten Version von Heiner Müllers Medeamaterial und der modernen Opernvertonung Pascal Dusapins. Sie wirkt blasser, ernster, zarter als sonst. Deutschlands experimentierfreudigste Bewegungsforscherin schwebt nicht daher, wie man das von einer Meisterin der rotierenden Massen, verzögerten Fallbeschleunigung und künstlichen Gravitation vielleicht erwartet. Sie ähnelt eher einer Professorin der theoretischen Physik, die auf verwinkelten Gedankengängen unterwegs ist und beim Tüfteln an der Welterklärungsformel skeptisch die Augenbrauen zusammenzieht.

Sie hat die Schaubühne ja nicht verlassen, um es leichter zu haben, sondern um, der administrativen Ablenkungen eines Stadttheaters ledig, noch intensiver zu arbeiten. Warum sonst sollte sie sich in der neu gewonnenen Freiheit gleich mit einem der härtesten Verzweiflungsdramen der Weltliteratur befassen? Geprobt wird Medea mit 18 Tänzern, 22 Choristen, einer Gesangssolistin, später kommt das Orchester hinzu. Das Originalbühnenbild ist momentan in einem Saal im Erdgeschoss aufgebaut, im fünften Stock hingegen herrscht absolute Ruhe. Raschen Schrittes durchquert sie das leere Studio, setzt sich auf die Vorderkante des Stuhls, streicht nervös die Haare aus der Stirn. Während draußen die Spreekähne im Schleichtempo vorbeiziehen, segelt die Choreografin auf hohen Wogen der Erwartung. »So ein Probendurchlauf ist immer viel zu schnell vorbei«, sagt sie, die Hände unter die Oberschenkel geklemmt, als wollte sie ihre Arme festschnallen, aber dann gestikuliert sie doch los, um ihre leidenschaftlichen Zweifel zu illustrieren: »Der Tanz rast über die Bühne, die Musik rast, und ich frage mich, was wir hier überhaupt transportieren!«

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