Physik Das Ende der Schwere

Lässt sich die Gravitation beeinflussen? Ein paar Forscher glauben fest daran.

Vielleicht pilgern wissbegierige Wallfahrer in einer fernen Zukunft einmal in Scharen nach Seibersdorf, einem Ort etwa 40 Kilometer südlich von Wien. Und vielleicht wird Martin Tajmar für Science-Fiction-Freunde irgendwann so berühmt wie der legendäre Erfinder des Warp-Antriebs, der das Raumschiff Enterprise in die unendlichen Weiten des Weltalls schickt. Mit dem Forscher aus der Fernsehserie hat Tajmar allerdings nur eines gemein: Auch er hat ein Experiment gemacht, das die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, revolutionieren könnte. Es sieht nämlich so aus, als würde die Apparatur in seinem Labor Gravitationsfelder erzeugen: künstliche Schwerefelder, die Dinge in ihrer Umgebung schwerer oder leichter machen. Wenn der Physikprofessor recht behält, wäre das ein Knüller. Denn anders als elektromagnetische Felder ließ sich Gravitation bislang weder künstlich erzeugen noch abschwächen oder verstärken. Gelänge dies jetzt, wäre das die Blaupause für einen Ufo-Antrieb: Flugzeuge brauchten keinen Flügel mehr, um abzuheben, Satelliten keine Raketen, um in den Orbit zu gelangen – ein paar Gravitationsgeneratoren am Rumpf würden genügen, um sie auf Knopfdruck schwerelos schweben zu lassen.

Für Martin Tajmar ginge mit dieser Vision ein Jugendtraum in Erfüllung. Mögliche Techniken, um die Schwerkraft zu verändern, sind das Steckenpferd des Überfliegers. Seinen Doktor machte er mit 24 Jahren, jetzt ist er Anfang 30 und leitet das Geschäftsfeld Raumfahrtsysteme im österreichischen Forschungszentrum Seibersdorf. Das Herzstück seines vielleicht bahnbrechenden Experiments steckt schwingungsgedämpft in einer brusthohen Sandkiste: ein an eine Milchkanne erinnernder Kühlbehälter. Martin Tajmar zieht einen spindelförmigen Einsatz aus der Kryokanne und zeigt auf einen in Goldfolie eingewickelten Ring vom Format eines bodenlosen Aschenbechers. »Das ist das berühmte Niob«, sagt er. Dämpfe flüssigen Heliums kühlen den Ring in der Apparatur auf minus 269 Grad Celsius. Kalt genug, damit die Elektronen ohne Widerstand durchs supraleitende Metall flitzen können. Ein Druckluftmotor versetzt den Supraleiter in Rotation. In Sekunden beschleunigt der tiefgekühlte Kreisel auf 6500 Umdrehungen pro Minute – und lenkt dabei ultrapräzise Kreisel in seiner Nähe einen Tick vom Kurs ab. Bei jeder Beschleunigung des Niobrings zeigen die sensiblen Lasergyroskope einen Ausschlag. Mysteriös ist das deshalb, weil sich die Messfühler überhaupt nicht bewegen können. Sie hängen an kräftigen Stahlstreben, die an der Decke verschraubt sind. »Es ist ausgeschlossen, dass der rotierende Supraleiter mechanisch irgendeine Kraft überträgt«, erklärt Tajmar. Was raubt den Kreiselkompassen dann die Orientierung?

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Der Effekt ist trillionenmal so stark, wie Einstein erlaubt

Martin Tajmar vermutet, dass der supraleitende Niobring eine Art Raumzeit-Quirl ist: eine Maschine, die das vierdimensionale Gewebe aus Raum und Zeit in ihrer Nähe mitreißt und verdrillt – wie der Knethaken den Teig in einer Rührmaschine. Laut Relativitätstheorie erzeugt solch ein Raumzeit-Wirbel ein lokales Schwerefeld. Lense-Thirring-Effekt oder Gravitomagnetismus heißt das Phänomen. Albert Einstein zufolge sind die resultierenden Gravitationsfelder jedoch unmessbar winzig und für praktische Anwendungen irrelevant. Die rotierende Erdkugel etwa verdrillt den umgebenden Weltraum so minimal, dass ein Satellit in der Umlaufbahn pro Jahr nur millionstel Millimeter vom Kurs abkommt. Die meisten Physiker halten den Versuch, die Schwerkraft zu beeinflussen, deshalb für Zeitverschwendung. Doch der in Seibersdorf gemessene Effekt ist zigtrillionenmal so stark, wie Einstein erlaubt.

Weil das an Hexerei grenzt, hat Martin Tajmar seinen Ergebnissen zunächst selbst nicht getraut. Jahrelang hat er Vibrationen gedämpft, Temperaturschwankungen eliminiert, elektromagnetische Störfelder abgeschirmt. Die Messwerte blieben unverändert. Nach über 250 Testläufen präsentierte sein Team die Resultate im März 2006 auf einer Konferenz der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Die Fachwelt blieb skeptisch, und die Institutsleitung legte den Forschern nahe, erst einmal keine Journalisten zu empfangen. Vielleicht entpuppt sich ja doch alles nur als Messfehler? »Bis andere Gruppen den Effekt bestätigt haben, sollten sich Vorsicht und Euphorie die Waage halten«, betont Tajmar. »Ich bestehe jetzt nicht darauf, dass ich ein Gravitationsfeld erzeugt habe. Ich glaube nur: Es ist die wahrscheinlichste Erklärung.«

Gravitation auf Knopfdruck? An dieser Vision sind schon viele Forscher verzweifelt – unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa, der Flugzeugbauer Boeing und der britische Rüstungskonzern BAE Systems. Alle drei investierten in den vergangenen zehn Jahren beträchtliche Summen, um die Behauptungen des russischen Materialforschers Jewgienij Podkletnow zu prüfen, der 1992 im finnischen Tampere eine spannende Entdeckung gemacht hatte. Bei der Charakterisierung eines keramischen Hochtemperatur-Supraleiters bemerkte der promovierte Chemiker, dass der Pfeifenrauch eines Kollegen über der rotierenden Keramikscheibe auffallend rasch zur Decke stieg. Podkletnow untersuchte das Phänomen genauer und kam zu dem Schluss: Der rotierende Supraleiter schirmt das Gravitationsfeld der Erde ab. Eine mit 5000 Umdrehungen rotierende Keramikscheibe aus Yttrium-Barium-Kupfer-Oxid verringere das Gewicht darüber hängender Objekte um zwei Prozent, schrieb Podkletnow 1992 in Physica C, einem Fachmagazin für Supraleiter.

Auf Distanz zu dem fragwürdigen Russen

Ernst nahm die Ergebnisse zunächst niemand, weil sie allen gängigen Theorien widersprachen. Eine Ente des russischen Geheimdienstes, dachten viele. Ein Artikel im britischen Sunday Telegraph löste 1996 dann aber doch einen regelrechten Hype aus. Das Ende der Schwere schien nahe. Weltweit begannen Labors das Podkletnow-Experiment zu wiederholen – meist in aller Stille, schließlich war unklar, ob der Außenseiter wirklich einen Gravitationseffekt gemessen hatte.

Für Podkletnows Karriere war der Wirbel nicht förderlich. Sein Vertrag wurde nicht verlängert, er tauchte unter, schlug sich als schlecht bezahlter Professor in Moskau durch. Obwohl sich der Mann deshalb gerne mit Giordano Bruno vergleicht – wie ein Verfolgter wirkt er nicht. Eher wie ein Pressesprecher in eigener Sache: Nadelstreifenhose, weißes Hemd, das dunkle Haar akkurat gescheitelt. »In unserem Labor in Moskau erzielen wir mittlerweile Gewichtsreduktionen von neun Prozent«, erklärt er bei einem Treffen in Tampere, wo er nun wieder lebt und arbeitet. Um Investoren zu überzeugen, hat er eine Firma gegründet, deren Werbefilm suggeriert: Mit genug Geld und zehn Jahren Entwicklungszeit lässt sich mit supraleitenden Kreiseln alles zum Fliegen bringen.

Leser-Kommentare
    • wbgard
    • 19.05.2007 um 14:05 Uhr

    Das Antigravitationstriebwerk - kalt,lautlos, ohne Treibstoffbedarf; der sanfte, alternative Antrieb für UFOs und künftige Raumschiffe - wird es nie geben! Außer in Hollywood natürlich. Und das hat einen einfachen Grund.
    Angenommen, es gäbe einen solchen Apparat, dann könnte man damit eine Maschine bauen, die folgendermaßen aussieht und funktioniert:
    Zwischen senkrecht angebrachten Führungsschienen kann sich der Apparat auf- und abbewegen. Zunächst sei er am unteren Endpunkt der Schienen. Er wird eingeschaltet, erzeugt Antigravitation und bewegt sich nach oben. Am oberen Endpunkt wird er abgeschaltet. Weil er ein Gewicht hat, holt ihn die Gravitationskraft wieder herunter. Das Schalten läßt sich automatisieren. Die Bewegung läßt sich, wenn man will, über Pleuel und Kurbel in eine Drehbewegung umwandeln. Was haben wir nun vor uns? Richtig, ein Perpetuum Mobile! Und das kann es nach dem 2.Hauptsatz nicht geben! Und der ist nun mal das Gesetz der Gesetze; er ist die "Weltformel" - jedenfalls wenn man die Welt - das Universum - als Prozeß auffaßt und nicht bloß als Raum mit Körpern darin.
    Es mag ja sein, daß diese Versuche zu einem Antigravitationsapparat führen. Aber wenn der als Triebwerk dienen soll, dann muß er Energie umsetzen, dann braucht er Treibstoff! Und seine Güte wird - wie bei allen Triebwerken - nach seinem Wirkungsgrad und seiner Spezifischen Leistung bemessen.
    Es tut mir ja ein bischen leid, daß ich Ihre Phantasien zurechtstutzen mußte. Aber der zweite Hauptsatz steuert nun mal den Lauf der Welt. Und das ist gut so. Denn ohne ihn gäbe es uns nicht. Wir funktionieren nämlich auch nach ihm.

    Schönen Gruß an Sie alle !
    wbgard

  1. Und Schönen Gruß an Sie, wbgard!

    Ihr Apparat hat leider mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik überhaupt nichts zu tun. Einzig der Energieerhaltungssatz ist hier relevant. Und in dem Fall Ihres nicht unintelligenten Apparates, der tatsächlich funktionieren würde (!), bewirkt er, dass Sie die Rotationsenergie der Erde verwenden würden, um den Apparat zu betreiben: Durch die Erddrehung wird der Apparat bei abgeschirmter Gravitation sich tangential von der Erde wegbewegen, dadurch wird das Erde-Apparat-System langsamer rotieren. Wenn Sie die Energie beim Rückfall z.B. elektrisch oder thermisch nutzen, wird die Energie nicht wieder der Rotationsenergie hinzugefügt - die Erde dreht sich bei wiederholter Anwendung also immer langsamer. Es handelt sich somit nicht um ein Perpetuum Mobile - irgendwann wird die Erde nämlich aufhören zu rotieren und der Apparat stoppt. Das ganze wird vielleicht noch offensichtlicher, wenn Sie sich statt der Erde einen entsprechenden elektrisch geladenen Körper vorstellen, der ja tatsächlich einfach abgeschirmt werden kann.

    Trotzdem Glückwunsch zur Idee: Nun brauchen wir nur noch die Gravitation effektiv abzuschirmen - und unsere Energieprobleme sind (zumindest vorerst) gelöst!

    WHeisenberg

    • wbgard
    • 21.05.2007 um 20:21 Uhr

    Hallo wheisenberg!
    Nach ein paar Tagen Abwesenheit habe ich Ihren Kommentar erst heute gelesen. Auch den Artikel habe ich mir noch mal genau angesehen. Da ist der Tat von Abschirmung die Rede. Es ist also gemeint eine Kompensation des Gravitationsfeldes. Sie haben Recht: Die Maschine würde laufen. An der Erdoberfläche. Wo allerdings Maschinen zunächst einmal zu stehen pflegen. Sie würde die Rotationsenergie der Erde anzapfen. Die Folgen wären vermutlich geraume Zeit zu ertragen. Sie haben nicht Recht: Der zweite Hauptsatz kommt bei jedem Energie- wandlungsprozeß zum tragen. In diesem Fall bezüglich der Reibung natürlich - das dürfte unerheblich sein - und bezüglich der "Hilfsenergie", die man zuführen muß, damit der Apparat seine geheimnisvolle Wirkung entfaltet. Denn der arbeitet ja nicht durch guten Willen. Diese Hilfsenergie dürfte beträchtlich sein, wenn es darum geht, das Gewicht von etlichen Tonnen Masse zu kompensieren. Die Maschine hat natürlich nur einen Sinn, wenn diese Hilfsenergie in vertretbarem Rahmen bleibt, wenn die Maschine also einen annehmbaren Wirkungsgrad hat. Wie wirkt die Apparatur nun als Raumschiffantrieb?
    Anknüpfend an die obige Maschine könnte man im Prinzip an eine Art Schleuder denken, möglichst am Äquator, mit der dem Raumschiff eine Geschwindigkeit von (über den Daumen gepeilt) 400 bis 500 m/s mitgegeben wird. Davon nimmt der Luftwiderstand noch einiges weg. Der Hilfsenergie-Vorrat muß hier an Bord mitgeführt werden. Weggeschleudert wird das Schiff auf einer der üblichen Bahnen dahinziehen. Es wird nun eine andere Antriebsmöglichkeit brauchen. Und natürlich den dazu passenden Treibstoffvorrat. Ich glaube nicht, daß die Raumfahrer damit zufrieden sein würden. Wenn der AG-Effekt tatsächlich auf dem Lense-Thirring-Effekt beruht, wird das Gerät ohnehin nur in Nähe der Erde oder eines anderen Himmelskörpers funktionieren. Schon von daher wird das Triebwerk im freien Raum nicht arbeiten. Die Wirkung wird wohl exponentiell mit der Entfernung abnehmen. Ganz allgemein vermute(!) ich mal: Es wird sich zeigen, daß die Naturgesetze dafür sorgen werden, daß diese Bäume nicht in den Himmel wachsen. Etwa so, wie es bei relativistischen Geschwindigkeiten der Fall ist. Freilich: Wer hätte beim Anblick einer "Elektrisiermaschine" des 18.Jahrhunderts an Turbogeneratoren 200 Jahre später glauben können?
    Beobachten wir also weiter den Gang der Ereignisse!
    Vielleicht treffen wir hier mal wieder zusammen.

    wbgard

  2. Was auch immer die Physiker zur Gravitation noch entdecken werden: Es wird ihnen wahrscheinlich niemals gelingen, die "klassische" Allgemeine Relativitätstheorie mit der "nicht-klassischen" Quantenmechanik zu einer empirisch überprüfbaren Theorie der Quantengravitation zu vereinigen (GUT). Dies hat ein Wissenschaftstheoretiker in subtilen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Analysen von S. HAWKING's theoretischen Versuchen exemplarisch gezeigt. Die Physik steckt in einer "Sackgasse", sowohl in theoretischer als auch in empirisch-experimenteller Hinsicht. Sie bleibt prinzipiell unabschliessbar, analog dem mathematischen Unvollständigkeitstheorem von Kurt GÖDEL.
    (Vgl. auch: U(h)RKRAFT. UNIVERSUM, ZEIT UND ZUKUNFT (www.amazon.de)
    Viele Grüße an alle Physiker und Meta-Physiker!
    malediva

  3. Von dem russischen Versuch existiert Bildmaterial, das in einer Doku
    gesendet wurde. Ich hab das damals gesehen. Bezeichnend war dabei, dass
    sich die Gravitation innerhalb eines Hauses bis zum obersten Stock
    gleichmäßig reduzierte, egal wieviel Masse sich dazwischen befand.
    Sollte dieses Phänomen bei dem österreichischen Versuch ebenso
    auftreten, wage ich zu behaupten, dass ein globales Hantieren mit der
    Schwerkraftreduktion im großen Maßstab unter Umständen katastrophale
    Folgen für das Leben auf der Erde mit sich bringen könnte. Innerhalb
    der Raum-Zeit-Quirl-Theorie bedeutete dies eine Beeinflussung der
    Erdrotation über die Schwerkraftmanipulation. Die Auswirkungen wären
    wohl ähnlich wie im Film "The Core" geschildert, nur wahrscheinlich
    über einen längeren Zeitraum und in unterschiedlicher Intensität. Ich
    behalte mir also hiermit vor, der erste
    "Antigrav-Antriebs-Forschungsgegner" zu sein. Jedenfalls solange, bis
    mögliche negative Zusammenhänge hinsichtlich der Erdrotation
    ausgeschlossen werden können Ich habe dies mit meiner Frau erörtert. Sie bemerkte gleich
    gleich, dass - stelle man sich eine Welt vor, in der statt Flugzeugen
    Antigravitaionsantriebsfluggefährte den globalen Verkehr bestimmten -
    sich im Fall dass sich die Gravitation auch über den Vehikeln
    reduziert, sicherlich die Atmosphäre unseres Planeten über kurz oder
    lang verabschieden würde. Sie merkte noch trocken an: "Wahrscheinlich
    haben "die" solche Tests schon lange am Laufen - und wahrscheinlich
    kommt das Ozonloch auch daher."
    Dieses schrumpft ja vor allem an den Polen. Sind wir mal ehrlich:
    hätten wir Geld und etwas zu verbergen: wo würden wir derartige
    Forschungen betreiben?

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