So tief gespalten die Welt nach dem Krieg auch war – in einem blieben Ost und West, Nord und Süd sich einig: in dem unerschütterlichen Glauben an den technischen Fortschritt, an die Beherrschung der Natur. Ingenieuren und Biologen, Physikern und Chemikern, so wusste man, würde es gelingen, Not und Elend zu überwinden. Sie waren dabei, der Menschheit neue Räume zu öffnen. Umso größer war der Schock, als man begriff, dass für diesen Fortschritt ein Preis zu bezahlen ist und wie hoch dieser Preis tatsächlich war.

Zu den Ersten, welche die Rechnung aufmachten, gehört die Amerikanerin Rachel Carson. Ihr Buch Silent Spring (Der stumme Frühling) über den Einsatz des Insektengifts DDT führte 1962 erstmals vor Augen, was es heißt, massiv und ohne Rücksicht auf biologische Zusammenhänge in die Natur einzugreifen. Es ist das erste einer ganzen Reihe von Werken – von den Grenzen des Wachstums bis Al Gores Film Eine unbequeme Wahrheit –, die vielen Menschen die Augen für die ökologische Frage geöffnet haben, die längst zur Überlebensfrage geworden ist.

Auch Rachel Carson selbst hatte einige Zeit gebraucht, bis sie die Dimension des Themas begriff. Zunächst war da nur die eher naive Liebe zur Natur gewesen, vor allem zum Meer. Mit 22 Jahren hatte die Studentin es zum ersten Mal gesehen. Von da an hörte sie nie auf, die Welt des Wassers, Wellen, Wind und Küsten zu bewundern und zu studieren.

Geboren indes wird Rachel Louise Carson viele Hundert Kilometer von jeder Küste entfernt, am 27. Mai 1907 in Springdale bei Pittsburgh. Hier wächst sie auch auf. Früh schon nimmt ihre Mutter sie mit in die Wälder der Umgebung. Die beiden bestimmen Pflanzen und beobachten Vögel, gern auch im Flusstal des Allegheny. (Die Brücke, die ihn überspannt, trägt seit 2006 Rachel Carsons Namen.)

Den Vater, einen Versicherungsvertreter, kümmern die wissenschaftlichen und literarischen Ambitionen seiner Tochter nicht sonderlich, Rachels Mutter dagegen schon. Maria Carson hat studiert, darf aber, nach dem damaligen Gesetz, als Ehefrau nicht mehr Lehrerin sein. Sie führt den Haushalt und erzieht die drei Kinder, neben Rachel die zehn Jahre ältere Schwester Marian und den acht Jahre älteren Robert. Uneingeschränkt fördert sie die Wissbegier und das Schreibtalent der jüngsten Tochter. Rachel wird Ehrenmitglied einer Kinderzeitschrift und verfasst kleine, mit zehn Dollar honorierte Geschichten. Die letzte schreibt sie, als sie schon 15 ist, über einen Ausflug in die Hügel von Pennsylvania.

Die Familie Carson hat wirtschaftliche Sorgen und ist sozial isoliert, der Vater gilt im Ort als Versager. Die Eltern verkaufen ihr Land Stück für Stück, um Rachel eine Ausbildung zu ermöglichen. Sie erfüllt alle Erwartungen und wird eine exzellente Studentin, zuerst der Literatur, dann, 1928, wechselt sie zur Zoologie.

Schließlich bekommt sie ein Stipendium für die renommierte Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Doch trotz des Magna cum laude in Biologie erscheint eine wissenschaftliche Karriere für eine Frau zu unsicher, zumal in den Zeiten der Großen Depression, als die Arbeitslosigkeit in den USA ungeahnte Ausmaße annimmt. Carson arbeitet freiberuflich für die Fischereibehörde, die dem Innenministerium untersteht: Sie schreibt Radiomanuskripte und Broschüren. Um ihr Einkommen aufzubessern, liefert sie der Baltimore Sun kleine Artikel über die Meeresfauna und -flora. Sie unterzeichnet mit »R.L.Carson«, um ihr Geschlecht zu verbergen.

Im September 1937 erscheint ihr erster großer Essay Under Sea (»Unter Wasser«) im altehrwürdigen Magazin Atlantic Monthly. Für sie ein Wendepunkt: »Alles Weitere folgte daraus«, schrieb Carson später. Etwa der Kontakt zu dem Verleger von Simon & Schuster, mit dem sie bald ihr erstes Buch plant. Zugleich erhält sie die ersehnte Festanstellung bei der Fischereibehörde. Sie arbeitet jetzt im Büro in Beaufort, North Carolina, an der Ostküste, wohin sie mit der Mutter – der Vater ist inzwischen gestorben – und zwei Nichten zieht. 14 Jahre lang bleibt Carson beim Fish and Wildlife Service angestellt, zuletzt leitet sie das gesamte Publikationsprogramm.

Abends und an den Wochenenden schreibt sie. Ihre Mutter lektoriert, und während Rachel dann im Büro sitzt, tippt Maria Carson die Manuskripte der Tochter sorgfältig auf einer alten Schreibmaschine ab. Es ist eine Arbeitsteilung, die beide bis zum Tod der Mutter im Jahr 1958 beibehalten.

Carson recherchiert nicht nur in den Forschungsstationen des Fish and Wildlife Service, sie erwandert sich die Atlantikküste, beobachtet die Welt der Pflanzen und Tiere. In diesen kreativen Jahren, die sie später ihre glücklichsten nennen wird, entwickelt sie ihren Stil. Der Leser meint geradezu, die Sprache der Fische zu verstehen oder sich mit der Schneeeule in die Lüfte zu erheben – Carsons Naturbeschreibungen entwickeln einen unwiderstehlichen, begeisternden Sog. Ein zeitloses Staunen durchzieht ihre Texte. Kühn versucht sie, die Sprache der Natur zu übersetzen, wissenschaftliche Präzision verbindet sich mit poetischer Kraft.

Im November 1941 erscheint das erste (und ihr bis zuletzt liebste) Buch Unter dem Seewind. Doch es ist wahrlich der falsche Augenblick für diese sprachmächtige Beschwörung des Meeres. Einen Monat darauf überfallen die Japaner Pearl Harbor, und Hitler erklärt den USA den Krieg. Fünf Jahre und einen Weltkrieg später, als das Buch vom Markt verschwindet, sind gerade einmal 2000 Exemplare verkauft.

Rachel Carson steckt nicht auf. Sie bleibt ihrem Thema treu, sammelt und schreibt weiter. Zehn Jahre nach dem kaum wahrgenommenen Debüt erscheint 1951 ihr zweites Buch, Geheimnisse des Meeres. Im Nu erobert es die Bestsellerliste der New York Times – für zwei Jahre. Carson sieht sich selbst als »Biografin des Meeres«. Im dritten Teil des Buches, der den Titel Der Mensch und das Meer trägt, diskutiert sie, welche Auswirkungen eine Veränderung des Golfstroms, des globalen »Wärmereglers«, mit sich bringen könnte. »Die eigentliche Tendenz«, schreibt sie prophetisch, »ist einer wärmeren Erde zugeneigt; das Pendel schwingt weiter in diese Richtung.«

Ihre erzählenden Sachbücher über das Meer finden in den fünfziger Jahren zunächst in Amerika und dann weltweit immer mehr Leser. Die Zeit ist reif für eine neue Sicht auf die Natur, für neue Gedanken. Denn immer deutlicher werden die Bedrohungen des Atomzeitalters – etwa durch die Atomwaffenversuche in der Südsee oder das Versenken nuklearen Abfalls im Meer.

Doch Carson argumentiert nicht nur rein wissenschaftlich, sondern immer auch »ästhetisch«. Sie schürt die Begeisterung »für die Schönheit der belebten Natur«. Denn dort, so heißt es 1955 im Vorwort des dritten und letzten Bandes ihrer Meerestrilogie Am Saum der Gezeiten, »spüren wir zutiefst ihren inneren Sinn und die Größe ihrer Bedeutung«. Sie weiß: Nur was der Mensch liebt und kennt, ist er auch bereit zu schützen. So geht ihre Darstellung oft über in eine faszinierende poetische Beschwörung: »Der Küstensaum der See ist von besonderer Eigenart und Schönheit. Während der ganzen langen Erdgeschichte kam dieses Gebiet nie zur Ruhe; schwere Sturzseen rollten gegen seine Ufer, die Flut drang über das Festland vor, wich zurück und kehrte erneut wieder.«

Carson wird mit literarischen Preisen und Auszeichnungen überschüttet, mehr denn als Wissenschaftlerin gilt sie als Naturdichterin. Der dauerhafte Erfolg macht sie finanziell unabhängig, und sie kündigt bei der Fischereibehörde. Sie zieht nach Silver Spring in Maryland. An der Felsküste von Maine, auf Southport Island, kauft sie sich ein Grundstück mit Sommerhaus.

Die neun Jahre ältere Nachbarin Dorothy Freeman schickt einen Willkommensbrief, die beiden Frauen lernen sich kennen. Es wird eine besondere Nachbarschaft. In der verheirateten Freeman findet die 44-jährige Autorin ihre große Liebe, »die sich entfaltete wie eine schöne Blume«. Wenn Carson nicht auf der Insel ist, schreiben sich die Frauen leidenschaftliche Briefe, elf Jahre lang, bis Carsons Tod 1964.

Die offizielle Vita der Autorin weiß meist nur von der Familie zu berichten, von Dorothy Freeman ist kaum die Rede. Doch ohne die Freundin, ohne deren Ermutigung und steten Zuspruch hätte Carson ihr bedeutendstes Werk vielleicht nie geschaffen. So tröstet Freeman ihre Geliebte auch, als im Dezember 1958 die Mutter stirbt: »Du sollst wissen, dass ich im Geiste bei Dir bin und dass meine Liebe zu Dir strömt mit der Stärke und Tiefe des Meeres um uns herum.«

Da hat Rachel Carson schon mit der Arbeit an jenem Buch begonnen, das Geschichte machen sollte – und die Autorin, nach Meinung des Time Magazine, zu einer der wichtigsten 100 Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Silent Spring, Der stumme Frühling.

Neu ist das Thema nicht, das sie aufgreift: Bereits 1946 hat sie Reader’s Digest einen Artikel über das im Zweiten Weltkrieg massenhaft eingesetzte Pestizid DDT angeboten, nachdem erste Warnungen vor gesundheitlichen Schäden für Tiere und Menschen aufgetaucht waren. Carson erhielt eine Ablehnung und verfolgte die Sache nicht weiter, vielleicht auch, weil sie noch bei der Regierung beschäftigt war. Nun aber alarmiert Rachel der Brief einiger Freunde aus Long Island, wo eine Mottenplage von Flugzeugen aus mit einem wahren Giftregen bekämpft wird. Ein Ornithologe hat bereits eine Klage gegen das Land angestrengt, weil Vögel und Bienen, nützliche Insekten und Fische Schaden nähmen.

Rachel Carson recherchiert wie immer langsam und sehr sorgfältig. Sie sichtet, ordnet und wertet alle bisherigen Untersuchungen aus, spricht mit vielen Experten. Mit ihrer intuitiven Kunst, Zusammenhänge zu entdecken und zu erklären – erlernt und erprobt in den Büchern über das Meer –, beschreibt sie so klar wie niemand zuvor, wie sich scheinbar harmlose Dosen DDT durch die Nahrungskette anreichern und den Frühling verstummen, das heißt die Vögel sterben lassen. Beschreibt aber auch, zu welcher Gefahr das Gift für den menschlichen Körper werden kann, wenn es sich in der Muttermilch konzentriert, und wie es Krebs auslöst.

Da arbeitet sie selber schon im Wettlauf mit der Zeit; im Jahr 1960 haben die Ärzte bei ihr einen Brustkrebs diagnostiziert. Ihre körperliche Verfassung erzwingt immer wieder längere Schreibpausen, sie braucht vier Jahre, um das Manuskript fertigzustellen. Doch sie kämpft mit aller Kraft und Leidenschaft, denn sie empfindet es als Auftrag, als Pflicht. Im Januar 1962, da ist es endlich geschafft, erinnert sie Dorothy daran, wie sie, Rachel, einmal zu ihr gesagt habe, »dass ich nie wieder fröhlich dem Gesang einer Drossel lauschen könnte, wenn ich nicht alles getan hätte, was ich konnte«. Darum sei sie jetzt so glücklich, denn jetzt habe sie es geschafft, jetzt habe sie tatsächlich alles »getan, was ich konnte«.

Es ist eine Fleiß- und Knochenarbeit gewesen, die wissenschaftlichen Studien zum DDT so aufzuarbeiten, dass ein Laie alles versteht. Und es ist ein Meisterwerk geworden, indem es ihr gelingt, die Darstellung zugleich so spannend zu halten wie einen Krimi. Dabei erklärt sie heute beinahe schon banal geläufige Begriffe – Nahrungskette, Ökologie – zum ersten Mal einem breiten Publikum. Thomas von Randow lobt 1964 in der ZEIT, als Der stumme Frühling zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt, insbesondere Carsons »warmherzige, bilderreiche Sprache«. Für sie haben Wissenschaft und Literatur eben immer ein und dasselbe Ziel: die Wahrheit zu ergründen.

Im Juni 1962, als ihr Verleger das fertige Manuskript in Händen hält, ahnt er schon bei der Lektüre des Anfangskapitels, dass es ein ganz besonderes Buch geworden ist. »Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben schienen. [...] Dann tauchte überall in der Gegend eine seltsam schleichende Seuche auf [...]. Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Wohin waren die Vögel verschwunden? [...] Es war ein Frühling ohne Stimmen. [...] Kein böser Zauber, kein feindlicher Überfall hatte in dieser verwüsteten Welt die Wiedergeburt neuen Lebens im Keim erstickt. Das hatten die Menschen selbst getan.« Der sonst so kritische New Yorker, ein Hauptorgan der amerikanischen Intelligenzija, zögert keinen Moment und druckt gleich vorab.

Die öffentliche Reaktion ist emphatisch, Briefe aus dem ganzen Land treffen ein. Sie berichten von ähnlichen Erfahrungen mit einer bedrohlich naiv eingesetzten Chemie und zeigen, dass viele Menschen Angst haben und nach Information hungern, um mitreden zu können. Die Wissenschaft und ihre chemischen Produkte seien lange schon viel zu gefährlich geworden, um sie unkontrolliert der Industrie zu überlassen! Diese überwältigende Reaktion ist, im Rückblick betrachtet, tatsächlich die Geburtsstunde dessen, was wir heute Umweltbewusstsein nennen.

Natürlich gibt es auch heftige Kritik. Man wirft ihr den allzu populären Stil vor, bezichtigt sie der Manipulation. Obwohl man ihr keine fachlichen Fehler nachweisen kann, wird sie von der chemischen Industrie als weltfremde Idyllikerin, als »bird und bunny lover« lächerlich gemacht – und, versteht sich, als Frau angepöbelt: »›Gefahr für kommende Generationen‹? Was weiß denn eine alte Jungfer von kommenden Generationen?«

Ihre Kritiker verschweigen gerne, dass die wissenschaftlich und analytisch denkende Carson gerade nicht blauäugig ist: Insektenschutz an sich lehnt sie nicht ab. Sie fordert nur einen gewissenhaften Umgang mit dem starken und billigen Gift DDT. Im Übrigen sind alle Insektizide für sie »Biozide«, das heißt, jede Beschränkung der Wirksamkeit auf eine bestimmte Gruppe von »Schädlingen« ist letztlich illusorisch; das Gift trifft immer alles Leben. Als eine der Ersten regt sie an, über sinnvolle natürliche Alternativen nachzudenken. Auch erkennt sie bereits, dass Insekten DDT-resistent werden können.

Dem DDT-Missbrauch wurde ein Ende gesetzt. Doch bis heute diskutiert man über das Mittel: ob und wie es in malariaverseuchten Gebieten eingesetzt werden kann oder sogar muss. Carson würde sich gewiss gegen diese Diskussion nicht sperren. Und ganz gewiss wäre sie auf dem Podium erschienen, als das American Museum of Natural History in New York am 3.Mai darüber debattieren ließ. Just zu ihren Ehren übrigens, anlässlich ihres 100. Geburtstags, der in diesen Tagen überall in ihrer Heimat gefeiert wird.

Denn Silent Spring , das Buch, welches das Denken so vieler Menschen weltweit verändert hat, steht noch heute in jeder besseren amerikanischen Buchhandlung. Und selbstverständlich hängt ein Porträt der Autorin auch im Büro von Al Gore, zwischen Aufnahmen von Präsidenten und Ministern. Schon in seiner Kindheit, berichtet Gore, seien Carsons Bücher ein Gesprächsthema am Familientisch gewesen, und er betont stolz, dass sein Buch Earth in the Balance im selben Verlag erschienen sei wie der Stumme Frühling, nämlich bei Houghton Mifflin.

»›Die Herrschaft über die Natur‹«, endet Carsons Buch, »ist ein Schlagwort, das man in anmaßendem Hochmut geprägt hat. Es stammt aus der ›Neandertal-Zeit‹ der Biologie und Philosophie [...]. Es ist ein beängstigendes Unglück für uns, dass sich eine so primitive Wissenschaft für ihren Kampf gegen die Insekten mit den modernsten und fürchterlichsten Waffen ausgerüstet und damit die ganze Welt gefährdet hat.«

Der stumme Frühling sollte Rachel Carsons Vermächtnis bleiben. Am 14. April 1964 stirbt sie, nach einer letzten Operation, in Silver Spring an Herzversagen. Den nahen Tod vor Augen, hat sie in einem Brief an Dorothy die Lebensspanne des Menschen mit der eines Schmetterlings, eines Monarch-Falters, verglichen. »Wenn dieser unfassbare [Lebens-]Zyklus abgelaufen ist«, resümiert sie stoisch, »so ist es eine natürliche und keineswegs bedauerliche Angelegenheit, dass ein Leben an sein Ende kommt. Dies haben mich jene hell leuchtend flatternden Stückchen Leben gelehrt.« Und darin habe sie, so fügt sie an, »ein tiefes Glück gefunden«.

Die Autorin ist Wissenschaftspublizistin und Schriftstellerin und lebt in Lübeck.
Rachel Carsons Klassiker »Der stumme Frühling« ist auch hierzulande weiterhin als Taschenbuch zu bekommen: Aus dem Englischen von Margaret Auer; C. H. Beck Verlag, München; 348 S., 12,90 €