Kreuzfahrt Aida wird erwachsen

Die Diva ist größer und seriöser als ihre Schwestern. Es gibt sogar Kunstauktionen an Bord. Unser Autor war auf der Jungfernfahrt dabei.

Aus der Farbtherapie kennt man den Einfluss der Farben auf die menschliche Psyche. Ein Orangerot zum Beispiel macht Schlafmützen munter, ein Tiefviolett heitert Schwermütige auf. Ein Dunkelgelb besänftigt Menschen, die aus nichtigen Gründen die Beherrschung verlieren. Das sind genau die Farben, die sich bunt gemustert in den Teppichen der AIDAdiva finden – kariert, gestreift und geblümt. Auch wenn man kein Freund des Bunten ist, hofft man schon in Lissabon, beim Einchecken für die restliche Jungfernfahrt nach Mallorca, auf die therapeutische Wirkung des Dunkelgelb. Nebenan steht eine Frau, Ende vierzig vielleicht, die mit maximaler Hysterie das Personal beschimpft. Auf der Kaimauer hat sie ein Elektrokabel entdeckt, sie möchte wissen, wer es dorthin gelegt hat, sie sieht darin das Werkzeug von Attentätern. Willkommen an Bord!

Das Check-in-Personal kann eine Menge Violett gebrauchen. Bei ihm lässt öfter mal ein empörter Gast Dampf ab. Kein kostenloses Mineralwasser in den Kabinen. Zu viel Fleisch. Scheißkopfkissen. So tönt es aus mosernden Mündern. Kreuzfahrt-Neulinge? Im Gegenteil. An Bord der Diva sind viele sogenannte Repeater. Das heißt: Sie haben mit den AIDA-Schiffen mehr Seemeilen zurückgelegt als manch einer aus der Crew. Und Meilen machen anspruchsvoll, zum Glück aber nicht alle zu Nörglern. Klaus und Helmut zum Beispiel, zwei Mittfünfziger, beide mit verblüffend tiefem Haaransatz und kleinen eckigen Hornbrillen, sind »richtig angetan von den Dimensionen«. Kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, machten sie ihre erste Kreuzfahrt; das war vor zehn Jahren. Sie waren schon auf der Cara, der Aura und der Vita. Das sind die drei älteren Schwestern der Diva. Im vergangenen Jahr haben sie insgesamt 239000 Passagiere über die Weltmeere geschippert und AIDA Cruises zum führenden deutschen Kreuzfahrtunternehmen gemacht. Als Klaus und Helmut hörten, dass mit der Diva das Erste einer »neuen Generation von Kreuzfahrtschiffen« ins Meer sticht, haben sie gleich gebucht.

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Neu ist zunächst die Größe. 2050 Passagiere kann die Diva beherbergen, bewirten und bespaßen, fast doppelt so viel wie auf den älteren Schiffen. Und während es dort jeweils 60 Balkonkabinen gibt, sind es hier 457. Die Diva hat 12 Decks und noch ein kleines obendrauf für Liebhaber der Freikörperkultur. Neu ist auch die Architektur. In den Rumpf haben die Designer ein sogenanntes Theatrium gesetzt, eine Mischung aus Theater und Atrium, die aussieht, als hätte man einen Glaszylinder drei Decks tief in die Mitte des Schiffes eingelassen. Das Theater ist also kein geschlossener Saal, der nur für Shows genutzt wird. Passagiere kommen Tag und Nacht vorbei, selbst wenn sie nur vom Sonnendeck zum Fitnesscenter möchten. Und meistens gibt es dort etwas zu sehen und zu hören, einen Vortrag oder die Proben des AIDAdiva- Show-Ensembles.

Oder eine Versteigerung . Man muss sich das so vorstellen: Dreißig Interessenten sitzen in den Rängen, viele kurze Hosen und Trekkingsandalen mit Klettverschluss. Die Galeristin steht vor der Bühne auf einem Podest. Sie trägt ein kurzes Schwarzes, dazu einen auberginefarbenen Schal. Sie sagt, dass sie beim letzten Mal vor Nervosität nicht daran gedacht habe, ihren Assistenten vorzustellen, und holt es nun nach. Vergessen hat sie auch, die Preisschilder von der Sohle ihrer Schuhe abzuziehen. Das sagt sie nicht, das sieht man, als das Podest sich mit ihr erhebt. Dann ruft sie für 350 Euro ein Bild des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Rizzi aus. Ein farbenfrohes Werk auch das.

Was ist mit AIDA los? Vor ein paar Jahren gab es hier noch keine Kunst, dafür Angestellte, die ihre Kundschaft so herzhaft duzten wie Freunde aus Sandkastenzeiten. Hat das Unternehmen genug von der Partystimmung? Wo sind die Animateure? Wir sitzen mit AIDA-Geschäftsführer Michael Ungerer im Rossini, einem angenehm farblosen À-la-carte-Restaurant auf Deck 11, und sprechen über den wechselhaften Kurs des Konzerns.

Der Hamburger Kaufmann Horst Rahe hatte 1993 die Deutsche Seereederei (DSR) mit Sitz in Rostock von der Treuhand erworben. Zusammen mit Johann-Friedrich Engel, dem Mitbegründer des Robinson Clubs, plante er »ein modernes Kreuzfahrtschiff für eine jüngere und aktivere Zielgruppe«. 1996 stach die AIDA erstmals in See. Doch der lachende rote Mund auf dem Bug übertrug sich nicht auf die Stimmung von Herrn Rahe. Das Schiff wurde im ersten Jahr nur zögerlich gebucht. Dazu kamen Schwierigkeiten mit der Anschlussfinanzierung. Warten auf das Ende der AIDA titelte die Presse.

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