Die ersten Alarmmeldungen kamen aus Pennsylvania: Seit Monaten grassiert dort ein mysteriöses Bienensterben mit gravierenden Folgen. Weil ihm plötzlich 85 Prozent seiner 3.000 Bienenvölker fehlten (und damit 450.000 Dollar Einkommen), wandte sich der Berufsimker David Hackenberg im Oktober vergangenen Jahres verzweifelt an die Bienenforscherin Diana Cox-Foster von der Pennsylvania State University und an den Bienenexperten Pennsylvanias, Dennis van Engelsdorp. Bald hörten die beiden von Verlusten aus mehreren US-Staaten. Im Januar gründeten sie ein Netzwerk, um die Ursachen der neuen Krankheit aufzuspüren, die erst einmal einen Namen bekam: Colony Collapse Disorder (CCD), zu Deutsch Völkerkollapsstörung. Das seltsame Leiden lässt scheinbar gesunde Völker binnen weniger Tage spurlos verschwinden. Im Stock zurück bleiben die Königin, Nahrungsvorräte, Brut und einzelne Arbeiterinnen, die gleich an mehreren Infektionen leiden – als sei ihr Immunsystem kollabiert.

Der Alarm stieß auf offene Ohren. Schon im Herbst vergangenen Jahres hatte ein Ausschuss des Nationalen Forschungsrates vor einer drohenden "Bestäubungskrise" gewarnt, falls die Zahl der Bienen weiter sinke. Der Ertrag vieler Obst- und Gemüsesorten, auch von Futterpflanzen für das Vieh hängt von einer Bestäubung durch Insekten ab. So schätzt das US-Landwirtschaftsministerium den Gesamtwert insektenbedingter Ertragssteigerungen bei 95 Obst- und Gemüsesorten auf etwa 14,6 Milliarden Dollar. Der CCD-Alarm führte zu einer Anhörung im Kongress, das Bienensterben reifte zum nationalen Drama heran. Große Zeitungen prophezeiten, bald könne es nur noch Wasser und Brot geben. Schon Albert Einstein habe gewarnt: "Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr."

Mitte März erreichte das mediale Bienensterben auch Deutschland. Bald vermeldeten auch hiesige Blätter lokale Völkerverluste von 25 Prozent und mehr. Aids im Bienenstock, Experten fürchten um die ganze Art, Maja summt nicht mehr, lauteten die Schlagzeilen, der Deutsche Berufsimker Bund (DBIB) bestärkte die Untergangsstimmung. "Die Bienenstöcke sind leer", klagte DBIB-Präsident Manfred Hederer. Er warnt schon seit Langem: "Der Todeskampf der Honigbiene und der Imkerei in Deutschland hat begonnen." Hederer hat ein klares Feindbild. Als wichtige Ursachen des Völkersterbens nennt er Pestizide und den Einsatz von Gentechnik.

Die inzwischen international organisierte Bienenforschung rückt jedoch andere Probleme in den Vordergrund, die ebenfalls verstörend sind: Weniger sind die Bienen vom Aussterben bedroht als die traditionelle Hobby-Imkerei. Das Insekt, Sinnbild von Fleiß und Fruchtbarkeit, dürfte wegen seiner enormen ökonomischen Bedeutung wohl kaum verschwinden. Vielmehr wird es züchterisch "optimiert" – als industrieller Bestäubungssklave von globaler Bedeutung.

Die Sorge um die Bienen waren groß, als sich Ende März in der Aula der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim Wissenschaftler aus den deutschsprachigen Ländern, mehreren Nachbarstaaten, aber auch aus Brasilien und Mexiko trafen. Das Fazit der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Bieneninstitute war deutlich. "Den deutschen Bienen geht es zurzeit recht gut", konnte Stefan Berg, Gastgeber der Tagung und Bienenforscher der LWG, verkünden. Ein Sterben wie in den USA drohe derzeit nicht, das belegten erste Zahlen des "Deutschen Bienenmonitorings". In dessen Rahmen werden landesweit mehr als 7000 Völker beobachtet. Erfahrungen aus der Vergangenheit hatten gezeigt, dass punktuelle Alarmmeldungen von Imkern, zusätzlich verstärkt durch die Resonanz der Medien, zu Fehlalarmen führten.

Inzwischen liegen alle Zahlen des Bienenmonitorings vor. Der durchschnittliche Völkerverlust nach dem Winter beträgt knapp acht Prozent – bis zu zehn Prozent gelten als normal. "Der vergangene Winter war sehr mild, deshalb sind die guten Zahlen kein Wunder", sagt Stefan Berg. Mehr noch: Der ungewöhnlich warme April hat bereits zu Rekorderträgen beim Honig und zum Anwachsen starker Bienenvölker geführt, die Insekten lieben Wärme. Da die Winterverluste in den Vorjahren höher lagen, wurden vorsorglich Ersatzvölker gezüchtet – für die gibt es nun kaum Bedarf. "Manche Imker dürften auf ihren Völkern sitzen bleiben", sagt Berg.

Bienen vermehren sich unter guten Bedingungen sehr schnell, eine Arbeiterin lebt durchschnittlich nur etwa vier Wochen lang. Die Königin legt täglich ein- bis zweitausend Eier, produziert Nachwuchs im Minutentakt. Im Winter entfällt das Brutgeschäft. Die Insekten müssen Monate im Stock überdauern, unter zehn Grad Celsius droht draußen der Kältetod. Entsprechend heikel ist diese Winterphase für die Tiere. "Da kann schon eine natürliche Ursache wie dunkler Honig dem Stock gefährlich werden", sagt Berg. Dunkler Wald- oder Tannenhonig ist ballaststoffreich, das wird für Bienen zum Problem – sie müssen mehr koten. Das tun die reinlichen Wesen normalerweise draußen. "Bei langer Kälte geht dies jedoch nicht, dann koten sie im Stock", sagt Berg. Wehe, eine Biene ist krank: Ihre Keime verteilen sich, das Volk gerät in Gefahr. "Dies ist nur ein Beispiel von vielen, warum Winterverluste natürlich sind", erklärt der Forscher. Er ist skeptisch, ob die neue Völkerkollapsstörung CCD wirklich neu ist.

Sein Kollege Peter Rosenkranz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bieneninstitute und Forscher an der Universität Hohenheim, bekräftigt diese Skepsis. Dass Bienenstöcke plötzlich leer sind, sei ein altbekanntes Phänomen, "Kahlfliegen heißt der Fachausdruck". Der Hintergrund: "Bienen sind treue Staatsdiener bis in den Tod." Wenn ihr Ende naht, fliegen sie weg. Ihr letzter Dienst entlastet das Volk von der Leiche und möglichen Keimen. Falls kranke Tiere nicht weichen, prügeln ihre Artgenossen sie aus dem Stock.