An seinem runden Geburtstag erinnert das Festival von Cannes ein wenig an eine ältere Dame. Ganz wie es sich gehört, hat sie sich für ihren 60. in Schale geschmissen, um mit alten und neuen Freunden, Kindern, Enkeln und Ehrengästen zu feiern. Vom Champagner beschwipst, blättert sie in ihrem dicken Fotoalbum. Sehnsüchtig schwelgt sie in den Bildern von damals, als alle noch jung und schön waren, Marcello und Brigitte, Federico und François, Catherine und Alain. Damals, als Cannes noch Cannes war. Eine im Blitzlicht fixierte Erinnerung, in die sich die reale Festivalgegenwart erst noch verwandeln muss.

Tatsächlich hat sich das größte und wichtigste Filmfestival der Welt in diesem Jahr dem Rausch des Rückblicks ergeben. Fotowände beschwören an der Croisette die großen Starauftritte, eine Retrospektive feiert Preisträgerfilme quer durch die Jahrzehnte. Auch in den Seitenstraßen wird exzessiv zurückgeblickt. In Cafés und Bars wurden noch einmal die abgegriffenen Bardot-Poster aus den Schubladen gekramt, und sogar der Metzger der Fressgasse hat ein kleines Belmondo-Porträt zwischen Blutwurst und Schweinebauch drapiert.

Das größte Geburtstagsgeschenk hat sich das Festival von Cannes selbst spendiert, eine Kinotorte, gebacken aus alten und neuen Zelluloidstreifen. Unter der Schirmherrschaft des Festivalpräsidenten Gilles Jacob drehten dreiunddreißig Regisseure Kurzfilme zum Thema Kinobesuch, die in einer großen Gala mit dem Titel Chacun son cinéma präsentiert wurden. Wong kar-wai, Michael Cimino, Jane Campion, Aki Kaurismäki, Ken Loach, Roman Polanski, David Cronenberg, Takeshi Kitano, Wim Wenders, die Coen-Brüder, Atom Egoyan & Co versammeln Anekdoten und frühe Kinoerlebnisse, erzählen von Sex und ersten Küssen im dunklen Saal. Auch in diesem Kollektivwerk setzt ein großes Erinnern, Rückblicken und Zitieren ein, begegnet man Mastroianni und Moreau, der wehmütigen Musik von Nino Rota und Stummfilmbildern von Robert Bresson.

Die Pressekonferenz des cineastischen Dreamteams bescherte Cannes ein schönes Gruppenfoto zum Jubiläumsjahr, Standig Ovations für den bald hundertjährigen Regisseur Manoel de Oliveira und einen pittoresken Wutanfall von Roman Polanski. Immer noch der Giftzwerg von einst, echauffierte er sich über das niedrige Niveau der Fragen, beschimpfte die Journalistenzunft als degeneriert und stürmte mit rotem Kopf zum Mittagessen. Es war der Mini-Eklat des ewig unzufriedenen Verwandten, der ein großes Familienfest erst abrundet.

Und so ausgelassen und harmonisch, so schulterklopfend und glücksentschlossen all die Auftritte, Champagnerempfänge, Filmreihen und Galas zum 60. Cannes-Geburtstag wirken mochten – inmitten der großen Party stellte sich manchmal eine unerwartete Stille ein. Etwa jener Moment der Irritation, der auf Wim Wenders’ Kurzfilmbeitrag im großen Cannes-Kompilationsfilm folgte. Am hinterletzten Ort der Demokratischen Republik Kongo, im Dorf Kabalo, hat Wenders Jungen und Männer gefilmt, die sich gemeinsam den Kriegsfilm Black Hawk Down auf DVD anschauen. Im dunklen Gemeinschaftsraum verwendete er eine Infrarotkamera, mit der er unbemerkt die gebannten Blicke der Halbwüchsigen, die Gesten der Nervosität und Anspannung festhalten konnte. Es gibt keinen Kommentar zum Kongo, zum Bürgerkrieg, zu der unvorstellbaren Gewalt, die immer noch im Land herrscht. Und doch lässt sich an den rötlich verzerrten Zuschauergesichtern von Kabalo all das und noch viel mehr ablesen, als wir wissen können. Wenders’ dreiminütiger War in Peace war der filmische Zwischenruf im heiter-anekdotischen Geburtstagswerk. Wenn er befremdlich wirkte, dann nur, weil er sein Befremden über die Welt ratlos und ungefiltert an den Zuschauer weitergibt.