ATELIERBESUCHGILBERT & GEORGE

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in feines Haus in der Londoner Fournier Street Nummer 12, Dielenboden, holzvertäfelte Wände, alles penibel restauriert, gediegen, nicht protzig. Kein Bild an der Wand stört die warme Harmonie der Wandverkleidung. In diesem Haus lebt eine Skulptur namens Gilbert & George. Die beiden Männer Gilbert Prousch aus Tirol und George Passmore aus Devon haben sich vor 40 Jahren von ihrer Individualität befreit, um fortan als Kunstwerk zu existieren. Alles in diesem Haus ist so vollkommen und absichtsvoll wie das Auftreten der beiden älteren Herren in ihren maßgeschneiderten grauen Anzügen. Es gibt hier nur sie und die Kunst, noch nicht einmal etwas zu essen. Wir brauchen Platz in unseren Köpfen, erklärt George, einen Haushalt zu führen ist ungeheuer anstrengend und würde uns nur ablenken. Deshalb gibt es keine Küche, nur ein Kämmerchen, in dem ein Wasserkocher steht, eine Packung mit Teebeuteln, eine mit löslichem Kaffee und ein paar Becher.

Es gibt auch kein Radio. Wir hören nie Musik, das ist viel zu einlullend, sagt George.

Im kleinen quadratischen Hof, auf dem Weg zum Atelier, zeigen die beiden auf eine mächtige Efeupflanze. Das ist unser Haustier. Es verbreitet Ruhe und macht keine Arbeit perfekt, sagt George. Ruhe herrscht auch im Atelier, einem langen, rechteckigen Raum, der durch das gläserne Dach alles Tageslicht aufnimmt, das der Londoner Himmel hergibt. Das ist unsere Mönchszelle, sagt George. In der Zelle herrscht eine strenge Ordnung. Lange helle Holzdielen auf dem Boden, weiß getünchte Wände und kein überflüssiges Möbelstück. Gilbert & George gehen zum hinteren Ende des Raumes an einen Tisch, auf dem sie ihre nächste Ausstellung vorbereiten. Ab Mitte Juni zeigt das Münchner Haus der Kunst einen Teil der großen Retrospektive, die zuvor in der Londoner Tate Modern zu sehen war. Wie bei jeder ihrer Ausstellungen entscheiden allein Gilbert & George, wie sie aussehen soll. Auf dem Tisch steht ein Modell der Museumsräume, an jede Wand haben sie die Miniatur eines Bildes geklebt. Der Kunstbetrieb sei voll von komischen Menschen, die sich zu viele Gedanken machten, sagt Gilbert. Die meisten Museumskuratoren verstehen unsere Kunst einfach nicht. Sie intellektualisieren alles und erfinden irgendwelchen Blödsinn, um die Hängung zu erklären. Am Ende machen sie immer eine Ausstellung für sich selbst. Und wie gehen Gilbert & George selbst vor? Da gibt es gar kein System, beteuert George. Wir machen das ganz instinktiv, und nur dann wird es Kunst für alle.

An einer Wand des Ateliers stehen mehrere Tische in einer Reihe, auf denen sich flache braune Kartons stapeln. Darin verwahren die beiden Künstler die Kontaktabzüge für ihre Fotocollagen. An der Wand dahinter hängen Tabellen, auf denen ihren Themen Jesus, Pisse, Ginkgo, Bomben, Tränen die Nummern der Abzüge und eine Jahreszahl zugeordnet sind. Aus diesem Magazin komponieren Gilbert & George ihre lauten, quadratischen Tableaus.

Immer wieder haben die beiden sich zum Thema ihres Werks gemacht. In der freundlichen Hülle stecken zwei konservative Rebellen, wie sie sich selbst nennen, die seit den sechziger Jahren immer wieder die Normen des öffentlich Sagbaren und Darstellbaren gesprengt haben.

Niemand war so kontinuierlich schamlos und obszön wie sie: George die Fotze und Gilbert die Scheiße betitelten sie 1969 eine ihrer Arbeiten.

Die beiden Herren sind so etwas wie die Patenonkel der britischen Pop-Art. In den achtziger Jahren fotografierten sie unter dem Mikroskop alles, was ihre Körper absonderten, Schweiß, Sperma, Blut, Tränen, Kot und Urin, dann tauchten sie die filigranen Zellstrukturen in bunte Farben und komponierten ihre eigenen nackten Körper dazu 20 Quadratmeter Gilbert & George, von außen und von innen.

Für ihre Fotos verwenden sie bis heute dieselbe 35-Millimeter-Kamera.

Mit der machen wir Hunderte Aufnahmen eines Gegenstandes, bis sich für uns von selbst eine Geschichte oder ein Gefühl ergibt, sagt George. Von der Kamera abgesehen, hat sich ihr Handwerkszeug in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Früher stank es hier nach Chemikalien, mit denen wir unsere schwarz-weißen Abzüge tiefrot einfärbten. Heute gehört zum Atelier ein riesiger Computer, jedes Werk entsteht nun zuerst auf dem Bildschirm. Computermaus oder Pinselstrich und Schere das ist uns egal, sagt George. Am besten gefällt uns, dass wir jetzt vier Sklaven haben, fügt Gilbert hinzu und lacht. Da stehen unsere vier Drucker, riesige Maschinen, das Beste, was es gibt. Die arbeiten, wann wir wollen.

Für ihr Leben außerhalb ihrer Arbeit haben Gilbert & George vor 35 Jahren strenge Routine entwickelt: Jeden Morgen um halb sieben gehen sie zum Frühstück in ein Café um die Ecke, jeden Mittag um elf nehmen sie ihren Lunch in einem von drei Restaurants ein, und für das Dinner gibt es noch einmal die Auswahl von drei Gaststätten. Zu einem Kunstwerk gehört eben auch, dass es wiedererkennbar ist.

So marschieren Gilbert & George seit Jahrzehnten auf denselben Pfaden.

Die meisten ihrer Fotos haben sie in einem Radius von wenigen Hundert Metern um ihr Haus herum gemacht. Bis vor einigen Jahren war diese Gegend des East End heruntergekommen, es gab käuflichen Sex, Rassenunruhen Themen, die sich in den Bildern von Gilbert & George wiederfinden. So ist ihr Werk mehr als eine Selbstdarstellung, es ist auch eine detaillierte Chronik der Sozialgeschichte Londons. Einer Stadt, die an der Oberfläche freundlich und altmodisch wirken mag, im Inneren aber schamlos alle Werte auf den Kopf stellt. Gilbert & George sind also eigentlich London. Nein, protestiert George lachend: London ist Gilbert & George.

Nächste Woche zu Besuch bei

Wolfgang Tillmans

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  • Schlagworte Künstler | Kunst
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