Lyrik-Extra Alles Lyrik!
Weshalb die ZEIT-Literatur sechs Seiten dem Gedicht widmet
Gedichteleser bilden den harten Kern der literarischen Gemeinde. Sie erwarten nicht das Bekömmliche und Kommensurable; sie sind bereit, sich dem Ungewissen, Unwegsamen auszuliefern. Das war immer so. Aber zweierlei hat sich geändert: Die Lyrik ist wieder zum Ort der ästhetischen Debatte geworden. Hier treffen sich Temperament und Intelligenz, hier erproben sich die jungen, noch unerschöpften Autoren. Und zweitens: Der Sinn für die Kraft der Tradition hat zugenommen, also auch für die Bedeutung der Form, und es ist wahrscheinlich, dass der große Formkünstler und Lyrik-Erzieher Robert Gernhardt einiges dazu beigetragen hat. Der Bestsellerdichter hat den Reichtum der Überlieferung gekannt und genutzt.
Was aber ist das überhaupt: Lyrik? Eichendorffs Gedicht Wünschelrute umschreibt den lyrischen Kinderglauben, der vermutlich in uns allen sitzt, die magische Vorstellung, aus Sprachbild und Sprachklang eine andere, eigene Wirklichkeit schaffen zu können: »Schläft ein Lied in allen Dingen / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.« Eichendorff schrieb die Zeilen 1838. Keine zwanzig Jahre später erschienen Die Blumen des Bösen . Baudelaires revolutionärer Gedichtband markiert den Beginn einer neuen Epoche. Nun war nicht mehr nur das Schöne genuiner Gegenstand der Poesie, sondern auch das Hässliche; nicht mehr Klarheit und Vernunft, sondern Dunkelheit und Fieberwahn; nicht mehr die Ordnung der Dinge, sondern das Chaos.
Vor die Wahl gestellt, sich zwischen Wahrheit und Schönheit entscheiden zu müssen, haben sich seitdem die meisten Dichter für die Wahrheit entschieden. Für ihre eigene Wahrheit. Nun war das Gedicht in die völlige Freiheit der subjektiven Empfindung geworfen, und es entstand das autonome Gedicht: frei von volksbildenden, menschheitsfördernden Zwecken. Vielleicht ist die Idee der Autonomie als einer Befreiung aus der ideologischen Knechtschaft, wie sie das totalitäre 20. Jahrhundert zur Perfektion gebracht hat, das zentrale und international gewordene Motiv der neueren Lyrik. Das würde erklären, weshalb sie als schwierig, unzugänglich erscheint. Es muss so sein, weil sich anders ein Weg aus der als globale Kommunikation getarnten Sprachlosigkeit nicht finden lässt. Dazu passt die Vermutung, dass es heutzutage mehr Verfasser von Gedichten als Leser gibt. Tatsache ist jedenfalls, dass viele Menschen Gedichte schreiben, aber nur wenige Gedichtbände kaufen. Gerade so, als ob das Gedicht Ausdruck eines verbreiteten Bedürfnisses nach sprachlicher Durchdringung oder Vermittlung wäre, die mehr Absender als Empfänger hat. Dass deren Zahl zunehme, ist Zweck dieser kleinen Aktion von ZEIT- Literatur: Alles Lyrik! Ulrich Greiner
- Datum 30.05.2008 - 13:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
- Kommentare 3
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Hallo,
koennen oder duerfen auch die in DE lebenden Auslaender Gedichte verfassen, die sie - wie Sie in Ihrem Artikel sehr schoen schreiben - aus ihrer "kulturellen Knechtschaft" befreien koennten ? Darauf antwortet - vielleicht - folgendes Gedicht :
Wenn der Außenländer dichtet
Wenn der Außenländer dichtet
- dieser Tag ist nicht mehr fern -
schreibt er nicht vom blauen Himmel
mit dem hohen, hellen Stern.
Nicht von wunderschönen Gärten
oder wunderschönem Licht...
Wenn der Außenländer dichtet,
schreibt er ja aus seiner Sicht.
Aus den Tiefen seiner Seele
steigt empor ein fremder Klang.
Seine Feder schreibt es nieder:
Aus dem Hohn wird dann Gesang.
Und er singt es immer wieder,
wenn auf Deutschland Winde wehn,
bis die Verse seiner Lieder
wie die Ähren untergehn.
Er besingt die ferne Jugend
und die Zeit, wo er noch litt,
und die eingesteckten Leiden,
und den bangen, müden Schritt.
Wenn der Außenländer dichtet,
hat die Welt davon nicht viel,
denn die Welt reicht - selbstverständlich -
von Schaffhausen bis nach Kiel.
Wenn der Außenländer dichtet,
dichten alle Leute mit
und man sagt sich: Wenn DER dichtet,
warum sollt ik selber nit?
Wenn der Außenländer dichtet...
darf er das? Wenn man's so mißt,
fehlt der Aufenthaltserlaubnis
noch ein Stempel: Ohne Frist!
Wenn der Außenländer dichtet
in dem Außenländerland...
hören ihn doch nur die Stühle
seines Zimmers... und die Wand.
Denn wenn er es wagt und dichtet
auf dem grünen Nachbarsfeld,
prügelt ihn der gute Heinrich
und verlangt auch noch sein Geld.
Und das sehen Katz und Hase,
ja Herr Schwein ist gar dabei.
Dieser nickt und flucht verächtlich
auf die "Außenländerei".
Wenn der Außenländer dichtet
haben Nazis keine Ruh,
denn der Außenländer dichtet
und der Deutsche läßt es zu!!
Und es gründen die Parteien
aus dem Anlaß einen Bund.
Sie erörtern Deutschlands Lage
und erforschen bis zum Grund
nach dem Wesen jener Plage
- kurzgenannt die Fremdenfrage -
die uns Deutschen heutzutage
liegt am Herzen... und im Mund.
Dann beschließen Sie gemeinsam
mit viel Mühe und Geduld:
Unser Ossi nicht alleine
ist an Deutschlands Krise Schuld
Denn der Außenländer betet...
und er dichtet ungeniert
und nach all den langen Jahren
hat er sich nicht integriert.
Wer in Deutschland leben möchte,
muß doch richten, so wie wir,
seine Haut nach EG-Normen
und den Kopf nach DIN-A4.
Er muß zähmen seine Schmerzen,
tief begraben... seine Glut
und die buntbemalten Kerzen
dankend nehmen... für sein Blut.
Er muß leiden... und vermeiden,
was dem Ansehn Schaden tut:
Nicht die fremden Lieder singen
neben offnem Nachbarsgut
Und auf enger Straße möglichst
wenig fröhlich... ohne Mut
Und den Kopf... den Kopf vor allem
ganz verstecken unterm Hut.
Wenn der Außenländer dichtet
fließt die Seele in den Reim.
Sie erblickt die grünen Täler
und die Wiesen von Daheim.
Und sie hört das ferne Singen
der Gazellen um den Teich
und es tanzen... und es schwingen
mit den Wellen - engelgleich -
Melodien der alten Liebe
und der Sehnsucht... schmerzensbleich.
O Du wunderschöne Heimat
O Du fernes Himmelsreich
Wo die Lebensblüten keimen
Wo die Liebeswörter reimen
Wo die Blumen - seideweich -
sich der Mutter Sonne zeigen
in der hellen, bunten Pracht...
Laß mich fliegen... laß mich steigen
aus der dunklen, deutschen Nacht
Heute Abend schweig ich wieder.
Morgen früh ist es so weit.
Meine Verse, meine Lieder
nehm ich mit mir... und zu zweit
fliehen wir bevor er regnet
Blut und Asche in dem Land
Wo die Kinder Helme tragen
Und die Schüler niemals fragen
Nach dem fernen Heimatsland
Naser, 1996
(Ein seit einigen Jahren nicht mehr in DE lebender Mensch)
Das Gedicht hat mich sehr beeindruckt! Wir sind doch alle Kinder dieser Welt und sollten liebevoll mit unserem Nächsten umgehen! Hier ein kleines Gedicht dazu von mir:
WELTKINDER
Sind so verletzlich, tief in ihren Seelen,
schauen vertrauensvoll in diese Welt hinein,
geh’n auf die Erde in ein neues Leben,
wollen geschenkte Gottesliebe sein.
Wachsen mit den Alltäglichkeiten
und seh’n uns oft mit feuchten Augen fragend an:
Wie kann es sein, dass noch in uns’ren Zeiten,
ein weißes Lächeln mehr zählt, als das schwarze nebenan?
Der Himmel segnet alle Menschenkinder,
gleich welcher Farbe, welcher Tradition.
Die Kinder sind die neuen Weltengründer,
Gott lebt in jeder alten Religion.
www.himmelspoesie.de
Ausländer (t)
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