Glitzernd ragt das Hochhaus in den Himmel über Köln , acht Meter höher als der Dom. Der Köln-Turm im MediaPark ist mein Ziel an diesem Morgen, die neue deutsche Arbeitswelt, in der nichts mehr qualmt und rußt wie einst in Fabriken und in Zechen, sondern die staubfrei hinter Stahl und Glas versteckt ist. Finanzdienstleister, Makler, Beratungsfirmen, Callcenter. Eine automatische Drehtür schiebt mich ins Foyer, vor den Empfang. Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und heiße von nun an Michael G. – mein Name, und damit meine Identität, ist von einem Freund geliehen. Die junge Dame am Empfang gibt den Aufzug frei, nachdem mein Besuchswunsch aus der Zieletage positiv beschieden wurde. „Mit dem Anwachsen der Geschäftsvolumina steigen in gleicher Weise die Diskretionsbedürfnisse“, lautet die Köln-Turm-Eigenwerbung. Deshalb „schützt Sie das Lift-look-Aufzugssystem vor ungebetenen Gästen“. So viel Diskretion wird Gründe haben. Im Köln-Turm haben sich Unternehmen niedergelassen, die sich nur ungern in die Karten schauen lassen. Ich will zu CallOn, dem zweitgrößten Vermarkter von Lotterielosen in Deutschland. CallOn ist ein Callcenter, einer der Big Player in diesem neuen Wirtschaftszweig.

Mehr als 5500 Callcenter gibt es in Deutschland. 400.000 Beschäftigte hatte die Branche 2006, in diesem Jahr werden vermutlich 40.000 Mitarbeiter hinzukommen. Es scheint, als seien Callcenter die Bergwerke der Neuzeit: Zigtausende arbeiten im Verborgenen, werden unsichtbar – und ihre Arbeitsbedingungen auch. Die Branche wächst schnell und verändert sich rasant: Nur noch ein Drittel der Firmen ist mit sogenannten Inbound-Geschäften betraut, nimmt also im Auftrag eines Unternehmens Anfragen, Beschwerden oder Anregungen von Kunden entgegen. Zwei Drittel widmen sich teilweise oder vollständig dem Outbound: Verkaufsgeschäften. Allgemein bekannt ist, dass diese Callcenter Lottolose und Zeitschriftenabonnements verkaufen, weniger bekannt, dass sie im Grunde mit allem Möglichen handeln: mit Nahrungsmitteln, Versicherungsverträgen und Hedgefonds. Was auch immer sie verkaufen: In aller Regel ist es überteuert. Fast immer ist der Kunde der Betrogene. Die Callcenter rufen tagein, tagaus bei den Deutschen an – in der Regel ungebeten. 900.000 unaufgeforderte Anrufe, schätzt der Bundesverband der Verbraucherzentralen, werden täglich von Callcentern aus geführt. In 95 Prozent der Fälle fühlen sich die Verbraucher belästigt.

Wer belästigt da? Wer will, soll, muss verkaufen? Ich will eintauchen ins Zentrum der heiß laufenden Drähte. Zu diesem Zweck habe ich mich auf eine Anzeige in einer Regionalzeitung gemeldet. Zwei Tage später werde ich in den Köln-Turm einbestellt, wir sind ein Dutzend Bewerber. Ein junger Mann mit federndem Schritt und offenem Jackett begrüßt uns. Wir betreten ein weiß gestyltes, cleanes Großraumbüro. „Frischfleisch“, ruft einer der Altgedienten. Ein flotter Enddreißiger kommt uns entgegen, verbindlich lächelnd stellt er sich als „Teamleiter“ vor, zeigt auf unsere Arbeitsplätze und macht uns auf die Spiegel neben den Flachbildschirmen aufmerksam. Darunter lese ich: „Schau in diesen Spiegel. Was du siehst, ist einmalig.“ – „Ab und an da reinschauen und lächeln“, empfiehlt der Teamleiter, „das hebt die Stimmung. Wir sind hier gut drauf.“

Wenig später beginnen die Vorstellungsgespräche. Zu den Kandidaten gehören: ein Türsteher, eine Werbefachfrau, eine Friseurin und ein Verkaufsprofi, der zuvor in einem anderen Unternehmen Kundenbetreuer war. Der Teamchef prüft, ob wir gewandt oder stockend reden, wie überzeugt und überzeugend wir unsere Biografien und Motive vortragen. Wenige Tage später werden einige von uns unterrichtet, dass sie für einen Tag zur unbezahlten Probearbeit kommen dürfen. Nicht alle dürfen. Ich darf. Außerdem noch der Verkaufsprofi, die Werbefachfrau und zwei Studentinnen.

CallOn zählt mit mehr als 600 Beschäftigten in fünf Niederlassungen und einem Jahresumsatz von 70 Millionen Euro zur Oberklasse der Branche. Firmenchef Eckhard Schulz will, so sagt er der Presse, weitere 700 Stellen schaffen, überdies seien 2000 Heimarbeitsplätze geplant. Das Unternehmen gibt sich erfolgreich – daran haben auch ein lange schwebendes Verfahren wegen Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe und die vorübergehende Inhaftierung von Eckhard Schulz nichts geändert. Unser Teamleiter stellt klar: CallOn ist ein anständiges Haus. Dreimal am Tag kommt das Reinigungsteam. Und es gibt eine Kleiderordnung. „Jeans sind verboten und Turnschuhe unerwünscht. Aber sonst sind wir hier ganz locker drauf“, sagt unser Instrukteur und stellt sich mit seinem Vornamen vor. Ich kann es mir nicht verkneifen, auf einen Widerspruch hinzuweisen: „Wir telefonieren doch nicht am Bildtelefon, uns sieht doch keiner!“ Der Teamleiter hält dagegen: „Euer Äußeres überträgt sich auf eure innere Haltung. Das spürt der Kunde.“ Später sagt er: „Wer sich als Callagent mit vielen Abschlüssen besonders hervortut, hat die Chance, in unseren Stützpunkt auf Mallorca versetzt zu werden, mit Cocktails und Partys und so.“

CallOn telefoniert im Auftrag der Firma LottoTeam und verkauft Systemlotto-Scheine. Woche für Woche spielen die Deutschen für 20 Millionen Euro Lotto, einzeln oder in Tippgemeinschaften. LottoTeam wirbt pro Tippgemeinschaft jeweils 240 Spieler, die sich einen teuren Systemschein für knapp 700 Euro teilen und dafür wöchentlich 77 verschiedene Sechser-Kombinationen spielen. Die Chance, mit einem einzelnen Lottoschein einen Hauptgewinn zu erzielen, liegt bei 1 zu 14 Millionen. Die Kunden von CallOn zahlen zwölf Euro pro Woche, um ihre Chancen auf angeblich 1 zu 7000 zu erhöhen – und den Gewinn drastisch zu verringern. Sollte eine Tippgemeinschaft eine Million Euro gewinnen, bleiben für den einzelnen Spieler vom erträumten Millionenglück klägliche 4200 Euro.

Sowohl CallOn als auch LottoTeam haben ihren Hauptsitz in den Niederlanden . Beide gehören Eckhard Schulz. 1999 erstattete die staatliche Lotteriegesellschaft WestLotto Strafanzeige gegen LottoTeam wegen Lottosteuerhinterziehung und illegalen Glücksspiels. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelte, LottoTeam-Konten in Höhe von 192 Millionen Euro wurden eingefroren, im März 2004 wurde Anklage erhoben, und Eckhard Schulz nahm sich vier Anwälte. Am 17. November 2006, nach 17 Verhandlungstagen, beantragte die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens. Sie hatte vermutet, dass Schulz die Gelder der Spieler überhaupt nicht gespielt, sondern sie auf Konten geparkt hatte. Die Gewinne, die den Spielern theoretisch, entsprechend der deutschen Lottoziehung, zustanden, habe er zwar von diesen Konten gezahlt. So habe er jedoch die anfallenden Lottosteuern umgangen. Nachweisen konnte die Staatsanwaltschaft das nicht. Der Firmenchef besaß so viele Gesellschaften und Treuhandgesellschaften in Deutschland und den Niederlanden, dass es unmöglich war, den Geldfluss nachzuvollziehen. Die Staatsanwaltschaft einigte sich mit Schulz’ Anwälten darauf, das Verfahren gegen Zahlung von 750.000 Euro einzustellen.

Der Verkauf der Lottoscheine am Telefon sei gesetzeskonform, erklärt uns unser Teamleiter, nachdem gleich mehrere der Callagenten in spe Zweifel anmelden. Sie haben wohl davon gehört, dass man nicht ohne Weiteres jeden beliebigen Bürger zu Hause anrufen und ihm ein Geschäft anbieten darf. Die Rechtsprechung sagt eindeutig: Ohne ausdrückliche und konkrete Aussage, man wolle angerufen werden, darf ein Callcenter die Nummer eines erhofften Neukunden nicht wählen. Alles andere verstößt gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Wir bei CallOn verstoßen – mit modernster Technik.

Auf engstem Raum sind hier 60 Computerarbeitsplätze installiert. Die Ausstattung: Flachbildschirm, Headset und Software, die gespeicherte Nummern nach Mausklick anwählt. Sobald eine Verbindung zustande kommt, erscheinen auf dem Bildschirm die Anschrift des Teilnehmers und die Herkunft der Adresse. Da steht zum Beispiel „BMW-Gewinnspiel“, „215Umzugsdaten200607_09“. Unser Teamleiter verrät: „250.000 Adressen ordert CallOn pro Monat.“ Die Adressen stammen von Menschen, die bei Gewinnspielen angekreuzt haben, dass sie die Weitergabe ihrer Adressen nicht verbieten, „oder die vergessen haben, das anzukreuzen“, sagt der Teamleiter mit einem Augenzwinkern. Die könne man anrufen, völlig legal. Eine Auskunft, die definitiv falsch ist.

Ich setze das Headset auf. Mir wird eine ältere Dame aus Süddeutschland zugeschaltet. Sie hört sich geduldig mein Sprüchlein an und sagt: „Nein, da hab ich eigentlich kein Interesse.“ Ich bedanke mich artig. Der Coach neben mir schüttelt den Kopf.

Er rät mir, beim nächsten Mal zu sagen: „Aber Sie haben doch Interesse, Geld zu gewinnen, oder?!“ Beim nächsten Anruf bemerke ich, dass mir der Drang fehlt, einer jungen Mutter, ein weinendes Kind im Hintergrund, mit derlei Suggestivfragen auf die Pelle zu rücken. Ein älterer Mann klagt: „Ich lebe von Hartz IV. Wissen Sie, die zwölf Euro bräuchte ich dringend, aber zum Leben.“ – „Dann entschuldigen Sie bitte die Störung“, sage ich, „es tut mir aufrichtig leid.“ Der Coach reagiert verärgert: „Da hast du ja einen Sentimentalen hingelegt!“ Als ich ihm den Fall schildere, sagt er nur: „Ihr braucht hier keine Gewissensbisse zu haben. Euer Gewissen könnt ihr zu Hause lassen!“

Viele der Angerufenen legen auf, bevor wir ihnen etwas versprechen können. Einer brüllt: „Ich zeige Sie an, Sie sind jetzt schon der Dritte heute, der mir was andrehen will.“ In solchen Fällen lautet unsere Instruktion: das Gespräch beenden, sicherheitshalber. Unsere Telefonnummer wird ohnehin unterdrückt.

Eine jüngere Frau hört sich kommentarlos meinen Spruch an. Dann sagt sie leise, aber sehr bestimmt: „Glücksspiele sind uns verboten.“ – „Wer verbietet Ihnen das? Wir leben doch in einem freien Land.“ – „Es sind religiöse Gründe.“ – „Darf ich fragen, welcher Religionsgemeinschaft Sie angehören?“ – „Islam.“ – „In welcher Sure steht das denn geschrieben?“, frage ich aus echtem Interesse und kann ihr nicht verübeln, dass sie auflegt.

Einmal an diesem Probetag gerate ich an einen mathematisch versierten Experten. Bevor ich ihm unser Gewinnsystem erklären kann, fällt er mir ins Wort: „Ich habe das längst durchgerechnet. 52 Prozent der Lottoeinnahmen werden gar nicht ausgeschüttet. Lotto ist die reinste Strafsteuer auf mathematischen Unverstand. Die Chance, vom Blitz erschlagen zu werden, ist 45-mal höher als sechs Richtige.“

Eine ältere Dame aus Ostdeutschland beschwert sich mit weinerlicher Stimme: „Jetzt wollen Sie mir den Schwindel schon wieder andrehen. Ich habe gerade gekündigt, und die Kündigung wurde nicht angenommen.“ – „Aber Sie haben doch sicher schon Gewinne eingesteckt“, versuche ich sie zu beschwichtigen. „Ja, 2,50 Euro“, antwortet sie, „aber die wurden mir nicht ausgezahlt, die könne ich ja mit einem neuen Spiel verrechnen.“

Schließlich gerate ich an eine Leipzigerin, die sich als altgediente Kollegin herausstellt. Sie lässt mich all meine geheuchelten Argumente herunterleiern, dann erst gibt sie sich zu erkennen. „Mir können Sie nichts vormachen“, sagt sie, „ich arbeite seit drei Jahren im Callcenter und weiß, wie man Leute übers Ohr haut.“ – „Dann können Sie mir ja ein paar Tricks verraten. Ich bin noch neu hier.“ – „Das sind Betriebsgeheimnisse, da müssen Sie selber drauf kommen“, sagt sie, „ich musste mir das auch mühsam erarbeiten. Allerdings haben wir es einfacher als Sie. Wir verkaufen Lose der Süddeutschen Klassenlotterie. Da ist uns Herr Jauch eine große Hilfe.“ Jauch ist Moderator der SKL-Show auf RTL und allgegenwärtiger Werbeträger der staatlichen Lotteriegesellschaft.

Insgesamt belästige ich an diesem Tag an die 80 Menschen. Das Wort „Kunden“ widerstrebt mir, korrekt wäre „potenzielle Opfer“. Ich habe etliche Telefonnummern heimlich notiert. Am nächsten Tag wähle ich sie von zu Hause aus an und frage jeden Einzelnen, ob er an einem Preisausschreiben teilgenommen oder eine Einverständniserklärung unterschrieben hat, in der er einem derartigen Anruf ausdrücklich zugestimmt hat. Alle verneinen.

Das Ziel eines jeden Anrufes bei CallOn ist es, eine Kontonummer zu ergattern, für die Abbuchung. Von uns Neulingen schafft das niemand. Nur eine von uns kommt überhaupt dazu, nach der Bankverbindung zu fragen, doch der Angerufene verweigert die Antwort. Unser Teamleiter sagt: „So geht das nicht! Das darf gar nicht als Frage kommen. Du musst sagen, dass der Gewinn nur überwiesen werden kann, wenn wir die Kontonummer haben. Und mitspielen kann natürlich auch nur der, der zahlt. Ist doch klar.“

Er empfiehlt uns: „Das Gespräch weich aufbauen, dann festklopfen! Behauptet, wir hätten vor Jahren schon mehrfach den Jackpot geknackt. Das können die ja doch nicht überprüfen. Und immer nur positiv argumentieren. Wenn euch jemand blöd kommt mit dem Argument: ‚Ich will gar kein Lotto spielen, haltet dagegen: ‚Das ist ja richtig, deswegen rufe ich Sie ja an.“ Hartz-IV-Empfängern und anderen Mittellosen sollen wir flüstern: „Auch Sie sollten endlich mal auf der Sonnenseite des Lebens stehen! Haben Sie nicht auch mal Lust, in die Karibik zu fahren?“ Wen das nicht anmache, dem dürfe man deutlicher kommen: „Unsere Mädels haben gerne den Spruch drauf: ‚Wenn Sie dann den Scheck von uns kriegen, fahren wir zusammen in die Karibik! Wenn ihr es geschafft habt, dass der Kunde sich auf unser Spielsystem einlässt, fragt ihn sofort: ‚Mit welcher Bank arbeiten Sie vertrauensvoll zusammen? Nennt er sie, klickt auf den Bildschirm, da kriegt ihr die Bankleitzahl, die sagt ihr ihm, und schon ist ein Stück Vertrauen mehr aufgebaut.“

CallOn verfügt in der Nähe der Küchenzeile über zwei Tische mit zehn Stühlen. Hier können die Mitarbeiter ihre Pause verbringen, vorgeschrieben ist eine Viertelstunde pro Schicht. Zu unserem leicht frustrierten Fünferhaufen setzt sich Frank*, ein Vollprofi. Er macht täglich zwei Schichten, die eine von 9.30 Uhr bis 14.15 Uhr, die andere von 15.30 Uhr bis 20.15 Uhr. Und er macht, behauptet er, täglich zehn Abschlüsse, mindestens. Dem gemeinen Callagenten zahlt CallOn in den ersten vier Wochen acht Euro Stundenlohn, von der fünften Woche an zehn Euro. In jeder Schicht gibt es – ab dem vierten Geschäftsabschluss – eine Prämie von 5,25 Euro pro Abschluss. Bei kaum zu erzielenden acht Abschlüssen verdoppelt sich die Prämie.

Frank rät uns, im Gespräch mit möglichen Kunden auf die Reihenfolge zu achten. „Wer zuerst von den Kosten redet, der kriegt die Bankverbindung nie. Wenn die fragen, wieso brauchen Sie denn meine Bankdaten? Ja, wir müssen schließlich wissen, wohin wir Ihnen den Gewinn überweisen! Die Reihenfolge ist wichtig. Und um die geht es, um nichts anderes, das müsst ihr im Schädel haben, Leute: die Bank, die Bank, die Bank.“ Und wer Skrupel habe, solle sich einfach einen Künstlernamen zulegen, „das machen fast alle hier“.

Um sich gegen Kundenklagen abzusichern, lässt CallOn seine eigenen Mitarbeiter Folgendes unterschreiben: „Ich erkläre hiermit, dass alle geworbenen Kunden über die Modalitäten ausreichend von mir informiert worden sind und ich nur die wahrheitsgemäßen Zahlen, Daten und Fakten weitergegeben habe. Ich bin über meine Verpflichtung, den Kunden nur wahrheitsgemäß die Angaben zu übermitteln, ausreichend informiert worden.“

Wer nach diesen Anweisungen verkauft, verkauft nicht. Wer deshalb lügt oder Informationen unterschlägt, hat das selbst zu verantworten. Das hat CallOn von jedem seiner Mitarbeiter schriftlich.

Dennoch ist CallOn kein schwarzes Schaf, jedenfalls nicht nach dem „Ehrenkodex“ der Branche, den das Call Center Forum Deutschland e. V., einer der beiden Lobbyverbände, 2006 festgeschrieben hat. Der Text zitiert zwar das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, eine Kritik am „Cold Call“, dem Anruf ohne vorherige Einwilligung, sucht der Leser jedoch vergebens.

Nach meinem zehnstündigen Probetag bei CallOn wird mir einige Tage später mitgeteilt, dass man „trotz meiner Qualifikation aufgrund der Vielzahl der eingegangenen Bewerbungen“ eine Festanstellung nicht anbieten könne.

Bei CallOn hatte ich eine Kollegin kennengelernt, die von der Arbeitsagentur zu einem Callcenter namens ZIU-International geschickt worden war. Dort, erzählte sie mir, seien ihr Verkaufspraktiken abverlangt worden, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Nachdem sie der Arbeitsagentur den Fall unterbreitet hatte, informierte die nicht etwa die Gewerbeaufsicht, sondern bestrafte die Frau mit einer Sperrzeit. Kein Geld, kein Hartz IV, keine Arbeitslosenunterstützung. Sie habe das Ende ihres Beschäftigungsverhältnisses selbst zu verantworten, hieß es. Man darf keine Skrupel haben im Callcenter. Und mancher kann sich einfach keine Skrupel leisten.

Mein nächstes Callcenter wird also ZIU-International. Auf dem Weg dorthin kommt es zu einer denkwürdigen Begegnung. Meine morgendliche Abfahrt habe ich möglichst lange hinausgezögert, noch einen zusätzlichen Espresso getrunken, die taz überflogen und meine Perücke korrigiert. Es ist schon eine Überwindung, sich derart zu verleugnen und einen Menschen zu spielen, der man nicht sein will. So kommt es, dass ich den Stau auf der Zoobrücke nicht einkalkuliert habe, auf dem Pfälzer Ring mit überhöhter Geschwindigkeit Zeit zu gewinnen versuche, schließlich hinter dem Wiener Platz verkehrswidrig abbiege und dabei auch noch den Gegenverkehr behindere. Im Rückspiegel erkenne ich, wie ein Polizist auf dem Motorrad hinter mir herrast, sich dann mit schwungvoller Eleganz vor mich setzt und mich zum Halten veranlasst. Mir wird mulmig. Ich habe weder Fahrzeug- noch Führerschein, noch Personalausweis dabei. Ich versuche es mit einem Bluff: „Herr Kollege, ich bin verdeckt im Einsatz und habe es sehr eilig.“ – „Welche Dienststelle?“, fragt er routiniert. „Haben Sie Ihren Dienstausweis bei sich?“ Bevor ich mir wegen einer doch eher harmlosen Verkehrsübertretung am Ende eine Anzeige wegen „Amtsanmaßung“ einhandle, gebe ich mich doch lieber zu erkennen. „Ich meine das mit dem verdeckten Einsatz natürlich im übertragenen Sinne“, stammele ich, „ich bin wirklich bei der Aufdeckung einer ganz kriminellen Sache. Mein Name ist Günter Wallraff .“ Da schaut er mich durchdringend an, schüttelt den Kopf und sagt: „Der sind Sie nicht, das Gesicht kenn ich.“ Daraufhin kläre ich ihn auf, über die falschen Haare, die fehlende Brille, den fehlenden Bart, alles. „Punkt neun muss ich an meinem Einsatzort sein“, sage ich, „sonst ist die ganze Sache gefährdet. Ich kann Ihnen ja ein Bußgeld zahlen.“ Ich scheine ihn überzeugt zu haben, denn der Polizist winkt ab und verzichtet auf das Bußgeld. Wir verabschieden uns mit Handschlag. Er ruft mir nach: „Viel Erfolg. Und schreiben Sie auch mal was Gutes über die Polizei.“ – „Darauf können Sie sich verlassen“, erwidere ich.

ZIU-International ist ein junges, aufstrebendes Unternehmen, das auch in den Internetstellenanzeigen der Arbeitsagentur zu finden ist. Im Gegensatz zu CallOn will man bei ZIU-International einen Lebenslauf von mir. Den habe ich mir in der Nacht zuvor zusammengebastelt, nun stelle ich mich in Köln-Mülheim vor. Der Inhaber, Anfang 30, überfliegt meinen Lebenslauf mit respektvollem Nicken. Ich habe einige Auslandsaufenthalte angegeben, die sich schwer überprüfen lassen, „Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen (östliches Mittelmeer und Nordatlantik-Route)“ und „drei Jahre Reiseführer in Namibia“. Er selbst, sagt er, habe seine „innovativen Verkaufstechniken“ im Köln-Turm beim Callcenter ECS Group gelernt und später weiterentwickelt. „Wir sind hier fast wie eine Familie“, sagt der Chef und geht auch schon zum Du über. Ich erfahre, dass er dabei ist, sich zu vergrößern, 450 Quadratmeter Parterre sollen dazugemietet werden, seine Experten entwickelten gerade weitere Verkaufsideen.

Mein Job soll es sein, Auszüge des Jugendschutzgesetzes an Kneipiers, Wirte und Imbissbudenbesitzer zu verkaufen. Das Papier mit dem aktuellen Jugendschutzgesetz wird von ZIU in einen Ikea-Rahmen gesteckt, der 4,50 Euro kostet, und per Barnachnahme für 69 Euro an den Käufer geschickt. Dass man sich den Text im Internet kostenlos herunterladen kann, wissen die wenigsten Wirte.

Ich sitze mit fünf Kollegen – vier Frauen und einem Mann – im Büro. Ich frage mich: Warum geben sie sich dafür her? Wer zwingt sie dazu? Die Frau bei CallOn, die bei ZIU ausgestiegen war, hatte ihre früheren Kollegen in Schutz genommen: Es seien oft Verzweifelte, die über lange Zeit arbeitslos gewesen seien und sich an den letzten Strohhalm klammerten. Die nun am Telefon Energie und gute Laune versprühen müssten, obwohl es ihnen dreckig gehe. Aber welche Auswirkungen hat eine solche Arbeit auf die Beschäftigten? Einmal unterstellt, dass hier keine Betrüger am Werke sind, die lustvoll andere ausnehmen. Schon die Einrichtung des Büros gibt eine Antwort: An der Wand hängt eine Tafel, auf der die Verkaufsabschlüsse namentlich erfasst werden. Wer einen neuen Abschluss zustande gebracht hat, geht nach vorn und notiert das. So entsteht automatisch Erfolgs- und Konkurrenzdruck. Und alle können stolz sein auf ihre Tätigkeit, sie handeln schließlich im höheren Auftrag, im staatlichen Interesse zum Schutze der Jugend. Eine sanfte, vertrauenerweckende Stimme neben mir sagt gerade sehr überzeugend: „Sie bekommen das wirklich nirgendwo außer bei uns. Das war früher so, dass Sie das im Einzelhandel und in der Metro kaufen konnten. Aber weil die Gastronomen sich nicht gekümmert haben, wurden wir beauftragt, es Ihnen zu schicken.“ Eine Lüge. Bei der Metro ist das aktuelle Jugendschutzgesetz für 10,70 Euro zu haben.

Bei türkischen Dönerbuden-Besitzern, griechischen Tavernen-Inhabern und italienischen Eisverkäufern funktioniert die Masche von ZIU-International besonders gut. Viele der Angerufenen haben sprachliche Defizite, sind leicht zu verunsichern und glauben, es mit einer Behörde zu tun zu haben, deren Anordnungen sie Folge leisten müssen. Besonders rigoros springt unser türkisch-deutscher Teamleiter Murat* mit seinen Landsleuten um. Schon seine Stimme überbietet an Lautstärke und Gewichtigkeit alle anderen. Er meldet sich: „Horst Müller ist mein Name. Ich rufe im Auftrag des Deutschen Jugendschutzes an. Jetzt gehen Sie erst mal nachschauen, von wann Ihre Jugendschutztafel überhaupt ist!“, ordnet er an und zwinkert mir dabei zu. Dann droht er: „Herr Turan, jetzt hören Sie mir mal gut zu. 1985! Wir haben jetzt 2007. Die ist seit 22 Jahren ungültig! Wenn das Ordnungsamt kommt, zahlen Sie 300 Euro Strafe. Verstehen Sie, das sind Gesetze, Pflicht. Wir kommen sonst mit dem Ordnungsamt vorbei.“ Dann erklärt er mit verbindlicher Beamtenstimme: „Es handelt sich um eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 69 Euro. In drei Tagen wird Ihnen der Briefträger das neue Jugendschutzgesetz per Nachnahme bringen. Und tragen Sie dafür Sorge, dass es auch gut sichtbar aushängt.“ Danach sagt Murat zu mir: „Der ist schon 15 Jahre hier, betreibt einen Dönerladen und spricht kaum Deutsch.“ – „Warum sprichst du mit deinen Landsleuten kein Türkisch?“, will ich wissen. „Vor den Deutschen haben sie mehr Angst und Respekt“, antwortet er – und außerdem: „Isch bin ene kölsche Jung.“

Clarissa*, laut Favoritentafel die Zweittüchtigste im Team, zieht es wie Teamleiter Murat vor, ihre Verkaufsgespräche unter einem Tarnnamen zu führen. „Ich habe den Namen der Frau angenommen, die ich am meisten hasse“, sagt sie. Einmal zeigt sie echtes Mitgefühl mit ihrem Opfer. Im Nachhinein. „Ich hatte eben so einen Süßen dran. Der tat mir richtig leid, der fraß mir förmlich aus der Hand. Der hätte sich den Text besser mal selber ausgedruckt.“

Die Einzige, die sich nicht hinter einem falschen Namen versteckt, ist Manuela*, die Dienstälteste. Sie ist seit der Hochzeit mit ihrem arabischen Ehemann zum Islam konvertiert und trägt Kopftuch. Sie zieht alle Register: „Wie ist denn Ihr Name?! Wenn Sie mir jetzt nicht sofort die Telefonnummer Ihrer Tochter geben, werden Sie es mit dem Ordnungsamt zu tun bekommen. Sie stellen sich mir gegenüber quer. Ihren Namen will ich wissen! … Darum kriegen Sie auch alles schriftlich, weil wir keine Betrüger sind … Weil anscheinend nur Ihre Tochter fähig ist, mir korrekt zu antworten. … Ist das denn so schwer, Ihren Namen zu sagen? Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? … Weil wir uns nicht irgendwo in der Dritten Welt befinden, sondern in Deutschland. Auch Sie müssen lernen, wie man sich in Deutschland verhält. Haben Sie was zum Schreiben in der Hand? Können Sie überhaupt schreiben?! … Sind Sie schwarz in Deutschland? … Wo hat man Sie betrogen? Haben Sie jemals gehört, dass der Deutsche Jugendschutz einen betrügt! … Ja, dann gucken Sie lieber nicht so viel Fernsehen, das kann schädlich sein. Also, ich möchte mit Ihnen nicht weiter diskutieren. Dann haben Sie eben Pech gehabt. Ich schicke Ihnen das Ordnungsamt!“

Ich muss gestehen, dass ich bereits an meinem zweiten Arbeitstag in dieser geschlossenen Gesellschaft mit den anderen um die Wette telefoniere. Anfangs bin ich noch erleichtert, wenn ich auf eindeutige Ablehnung stoße; vor allem die deutschen Kneipiers wehren sich. Dann gibt mir der Teamleiter zu verstehen: „Jetzt mach endlich mal ’n Abschluss. Geh an die Ausländer ran!“ Mein Selbstversuch führt nun zu einer mir selbst unheimlichen Persönlichkeitsveränderung: Um dazuzugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich bin aufgenommen in die Betrugsfamilie. Nach der Arbeit rufe ich bei der Stadt Köln an. Ich erhalte die Auskunft, dass ein Wirt, der sich trotz mehrfacher Aufforderung weigert, einen aktuellen Auszug des Jugendschutzgesetzes auszuhängen, mit 25 Euro Ordnungsgeld rechnen muss.

Am nächsten Tag versuche ich während der Pause, unser kriminelles Treiben im Kollegenkreis zur Sprache zu bringen. „Dürfen wir wirklich sagen ‚im Auftrag des Deutschen Jugendschutzes? Wir beauftragen uns doch selbst. Ist da noch nie was passiert, eine Anzeige oder so? Und der Trick, dass die Tafel nirgendwo zu haben sei?“ Zuerst betretenes Schweigen, dann antwortet Clarissa fast beschwörend: „Da wird auch nix passieren.“ Und alle behaupten und glauben es am Ende selbst: Der Chef hat es so gesagt und damit allein zu verantworten, es geht alles mit rechten Dingen zu! Von ihrer Unschuld am stärksten überzeugt ist Manuela: „Die Erste, die hier nicht mehr arbeiten würde, wenn ich was mit meinem Gewissen und Glauben nicht vereinbaren könnte, das wäre ich.“

Nach der Pause kommt der Teamleiter. „Neue Order vom Chef. Die Jugendschutztafel läuft fantastisch. Wer 69 Euro dafür ausgeben kann, der zahlt auch 89. Und jetzt statt mit Holz- mit Aluklapprahmen.“

Da ziehe ich es vor, mein Gastspiel zu beenden. „Ich muss dringend zum Zahnarzt“, sage ich. – „Bleib nicht zu lange weg, und bring eine ärztliche Bescheinigung mit“, ermahnt mich der Chef, „du hast wirklich Talent als Callagent.“

* Name von der Redaktion geändert

Über ihren Rechtsanwalt lässt die Firma CallOn verlauten, dass sie die gesetzlichen Bestimmungen beachtet. Von ihren „Adressbrokern“ lasse sie sich „vertraglich zusichern, dass die Angerufenen ihr Einverständnis erteilt haben, telefonisch kontaktiert zu werden“. CallOn gibt zu, die eigene Telefonnummer bei Anrufen zu unterdrücken. Der Inhaber von ZIU-International erklärt, sein Anwalt habe ihm mitgeteilt, er handele absolut gesetzeskonform.

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