Recherche UndercoverSeite 5/5
Die Einzige, die sich nicht hinter einem falschen Namen versteckt, ist Manuela*, die Dienstälteste. Sie ist seit der Hochzeit mit ihrem arabischen Ehemann zum Islam konvertiert und trägt Kopftuch. Sie zieht alle Register: „Wie ist denn Ihr Name?! Wenn Sie mir jetzt nicht sofort die Telefonnummer Ihrer Tochter geben, werden Sie es mit dem Ordnungsamt zu tun bekommen. Sie stellen sich mir gegenüber quer. Ihren Namen will ich wissen! … Darum kriegen Sie auch alles schriftlich, weil wir keine Betrüger sind … Weil anscheinend nur Ihre Tochter fähig ist, mir korrekt zu antworten. … Ist das denn so schwer, Ihren Namen zu sagen? Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? … Weil wir uns nicht irgendwo in der Dritten Welt befinden, sondern in Deutschland. Auch Sie müssen lernen, wie man sich in Deutschland verhält. Haben Sie was zum Schreiben in der Hand? Können Sie überhaupt schreiben?! … Sind Sie schwarz in Deutschland? … Wo hat man Sie betrogen? Haben Sie jemals gehört, dass der Deutsche Jugendschutz einen betrügt! … Ja, dann gucken Sie lieber nicht so viel Fernsehen, das kann schädlich sein. Also, ich möchte mit Ihnen nicht weiter diskutieren. Dann haben Sie eben Pech gehabt. Ich schicke Ihnen das Ordnungsamt!“
Ich muss gestehen, dass ich bereits an meinem zweiten Arbeitstag in dieser geschlossenen Gesellschaft mit den anderen um die Wette telefoniere. Anfangs bin ich noch erleichtert, wenn ich auf eindeutige Ablehnung stoße; vor allem die deutschen Kneipiers wehren sich. Dann gibt mir der Teamleiter zu verstehen: „Jetzt mach endlich mal ’n Abschluss. Geh an die Ausländer ran!“ Mein Selbstversuch führt nun zu einer mir selbst unheimlichen Persönlichkeitsveränderung: Um dazuzugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich bin aufgenommen in die Betrugsfamilie. Nach der Arbeit rufe ich bei der Stadt Köln an. Ich erhalte die Auskunft, dass ein Wirt, der sich trotz mehrfacher Aufforderung weigert, einen aktuellen Auszug des Jugendschutzgesetzes auszuhängen, mit 25 Euro Ordnungsgeld rechnen muss.
Am nächsten Tag versuche ich während der Pause, unser kriminelles Treiben im Kollegenkreis zur Sprache zu bringen. „Dürfen wir wirklich sagen ‚im Auftrag des Deutschen Jugendschutzes? Wir beauftragen uns doch selbst. Ist da noch nie was passiert, eine Anzeige oder so? Und der Trick, dass die Tafel nirgendwo zu haben sei?“ Zuerst betretenes Schweigen, dann antwortet Clarissa fast beschwörend: „Da wird auch nix passieren.“ Und alle behaupten und glauben es am Ende selbst: Der Chef hat es so gesagt und damit allein zu verantworten, es geht alles mit rechten Dingen zu! Von ihrer Unschuld am stärksten überzeugt ist Manuela: „Die Erste, die hier nicht mehr arbeiten würde, wenn ich was mit meinem Gewissen und Glauben nicht vereinbaren könnte, das wäre ich.“
Nach der Pause kommt der Teamleiter. „Neue Order vom Chef. Die Jugendschutztafel läuft fantastisch. Wer 69 Euro dafür ausgeben kann, der zahlt auch 89. Und jetzt statt mit Holz- mit Aluklapprahmen.“
Da ziehe ich es vor, mein Gastspiel zu beenden. „Ich muss dringend zum Zahnarzt“, sage ich. – „Bleib nicht zu lange weg, und bring eine ärztliche Bescheinigung mit“, ermahnt mich der Chef, „du hast wirklich Talent als Callagent.“
* Name von der Redaktion geändert
Über ihren Rechtsanwalt lässt die Firma CallOn verlauten, dass sie die gesetzlichen Bestimmungen beachtet. Von ihren „Adressbrokern“ lasse sie sich „vertraglich zusichern, dass die Angerufenen ihr Einverständnis erteilt haben, telefonisch kontaktiert zu werden“. CallOn gibt zu, die eigene Telefonnummer bei Anrufen zu unterdrücken. Der Inhaber von ZIU-International erklärt, sein Anwalt habe ihm mitgeteilt, er handele absolut gesetzeskonform.
Günter Wallraff erzählt im Video-Interview, warum er nach langjähriger Pause nun wieder undercover recherchiert »
- Datum 02.07.2009 - 08:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
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Die sehr eindrückliche Reportage legt sehr schön offen, wie grotesk es mittlerweile in der gesamtdeutschen Arbeitswelt zugeht.
Das Belügen, Betrügen, Bedrängen und Überreden zu einer stinknormalen Wirtschaftsleistung geworden ist, ist ja nicht neu, doch die infame Ausbeutung des Prinzips Hoffnung über CALL-CENTER ist geeignet, per Brainwash sämtliche Prinzipien der Vernunft ausser Kraft zu setzen.
Dass die Leiter dieser Einrichtungen Berufszyniker sein müssen, ist klar.
Was mit den Menschen, die sich dort betätigen, nach Feierabend passiert bedarf dringend der Untersuchung.
Es gibt inzwischen im ZEIT-Dunstkreis (damit meine ich sowohl LESER als auch REDAKTEURE) viel zu wenig Leute, die wirklich noch wissen, was AUßERHALB ihrer - noch! - geschützten Wohlstandsblase vor sich geht!
Hier ist ein wenig drastische Aufklärungsarbeit dringend vonnöten!
... dass es einmal menschen gibt, die sich ein geschaeft auf solch verlogenen werten aufbauen und menschen, die abhängig von einem job sind, dazu zwingen, unmoralisch zu handeln. sich selber freisprechen durch ein papier, welches jeder mitarbeiter zu unterschreiben hat. unglaublich! auf der anderen seite dann doch auch menschen, die diese sache mitmachen. ganz die verantwortung auf die abhängigkeit des jobs zu schieben ist nicht vertretbar! erst dadurch wird dieser ganze nepp moeglich gemacht.
und das dies nichtmal gesetzlich belangt werden kann! was soll man dazu noch sagen? so eine gesellschaft wollt ihr?! was sind das fuer menschen, die sich soetwas ausdenken? habt ihr denn gar kein gewissen, keine rueckrad? alles fuer's geld? traurig.
"ganz die verantwortung auf die abhängigkeit des jobs zu schieben ist nicht vertretbar"
Im Artikel wird auch davon geschrieben, dass man Leuten die Stütze kappt, wenn sie solche Jobs nicht annehmen. Insofern wäre der Staat für diese Misstände mitverantwortlich. Dem Rest deines Artikels kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ohne viel Fantasie zu haben könnte man bei Outboudcallcentrern den Begrif der "geistigen Prostitution" einführen. traurig
"ganz die verantwortung auf die abhängigkeit des jobs zu schieben ist nicht vertretbar"
Im Artikel wird auch davon geschrieben, dass man Leuten die Stütze kappt, wenn sie solche Jobs nicht annehmen. Insofern wäre der Staat für diese Misstände mitverantwortlich. Dem Rest deines Artikels kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ohne viel Fantasie zu haben könnte man bei Outboudcallcentrern den Begrif der "geistigen Prostitution" einführen. traurig
Wie wärs mal Günther Walraff als Sachbearbeiter des Arbeitsamtes
und einen direkten Blick in die Machenschaften der Behörde ?
Sicherlich sehr aufschlussreich !
Günter Wallraff hat die Chance, mit diesem Artikel einen Selbstläufer zu starten. Es wird doch zahlreiche entnervte Callcenter-Aussteiger geben, die ihn mit weitergehenden Informationen versorgen können.
Solche Firmen gehören sich der Gewerbeaufsicht, Wettbewerbshütern und der Presse zum Fraß vorgeworfen.
Ach ja, und was tut die Politik, um dem Treiben Einhalt zu gebieten?
Wie wäre es denn, wenn Günter Wallraff mal zur Abwechslung seine eigene Stasi-Vergangenheit schonungs-und lückenlos aufdecken würde? Dann wäre es vielleicht möglich, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen...
"ganz die verantwortung auf die abhängigkeit des jobs zu schieben ist nicht vertretbar"
Im Artikel wird auch davon geschrieben, dass man Leuten die Stütze kappt, wenn sie solche Jobs nicht annehmen. Insofern wäre der Staat für diese Misstände mitverantwortlich. Dem Rest deines Artikels kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ohne viel Fantasie zu haben könnte man bei Outboudcallcentrern den Begrif der "geistigen Prostitution" einführen. traurig
Hervorragend recherchiert. Danke, Günther Wallraff.
Als Bürger bin ich fassungslos, dass der Staat diesem tagtäglichen telefonischen Hausfriedensbruch tatenlos zusieht. Noch beschämender ist, dass Erwerbslose quasi per Sozialgesetzbuch gezwungen werden, sich diesen üblen Firmen anzudienen. Es wird Zeit, dass die ganze verkommene Call-Center-Branche endlich geächtet wird!Ich hoffe, der Wallraff-Artikel ist ein erster Schritt dazu!
@topomoos:
Verächtet Ärzte, da diese verkommene Branche Rezepte ausstellt, wo keine notwendig sind
Verächtet Apotheken, da diese verkommene Branche Medikamente verkauft, die total überteuert sind
Verächtet die Feuerwehr, da diese verkommene Branche die Brände selbst legt
Verächtet Friseure, da diese verkommene Branche alles über einen Kamm schert
@topomoos:
Verächtet Ärzte, da diese verkommene Branche Rezepte ausstellt, wo keine notwendig sind
Verächtet Apotheken, da diese verkommene Branche Medikamente verkauft, die total überteuert sind
Verächtet die Feuerwehr, da diese verkommene Branche die Brände selbst legt
Verächtet Friseure, da diese verkommene Branche alles über einen Kamm schert
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