Interview »Ich bin ein Magazinkind«

Die Schauspielerin Jessica Schwarz hat dem Kiosk ihrer Eltern viel zu verdanken

Frau Schwarz, Sie haben eine ganz besondere Beziehung zu Magazinen und Zeitschriften.

Ja. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Meine Eltern hatten einen Zeitschriftenladen. Unten war der Laden, dahinter die Küche. Und oben im dritten Stock war unsere Wohnung. Wenn ich aus dem Haus ging, musste ich durch einen Tunnel von Zeitschriften, rechts und links bis zur Decke hoch.

Haben Sie auch mithelfen müssen?

Klar. Ich weiß noch, mittwochs und samstags hat meine Mutter die Remis gemacht. Und ich auch.

Anzeige

Remis?

Remitenten. Die Zeitschriften, die wir wieder zurückschickten, weil sie keiner kaufte. Unsere Küche hatte 25 Quadratmeter, die war voll mit den Remis. Vor allem samstags war das ein riesiger Haufen. Wir mussten Pakete schnüren, mit Plastikschnüren. Ich hatte Risse in den Händen von den vielen Schlaufen.

Wir hoffen, Sie haben deswegen kein Magazintrauma.

Nein, ich liebe Zeitschriften. Ich bin ein echtes Magazinkind. Wissen Sie, ich war bei meinen Freunden und Freundinnen sehr begehrt. Ich saß an der Quelle. Ich sag nur: Comics, Panini-Bilder Kurz vor Silvester hatten wir auch Feuerwerkskörper. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, mein Vater hat geahnt, was meine Schwester und ich heimlich alles verteilt haben.

Wie fing es an?

Ich konnte schon lesen, bevor ich in die Schule kam. Ich habe Comics geliebt. Am Anfang war es Micky Mouse, dann Spuk und Gespenster, die kamen immer samstags. Dann kam die Zeit von Yps, später Asterix und Obelix, Clever und Smart oder Tim und Struppi.

Und dann, vermuten wir mal, begann bald die Bravo-Zeit.

Ja, Bravo, Bravo-Girl, Mädchen . Aber ziemlich gleichzeitig fing ich auch an die Vogue, Elle und Cosmopolitan zu lesen . Da waren tolle Bilder drin, schöne Sachen für Mädchen, Kosmetik, Mode, Schminktipps. Es klang alles nach großer Welt, nach Abenteuer.

Wer waren damals Ihre Helden?

Cindy Crawford, ganz klar. Ich wollte werden wie Cindy Crawford, wirklich. Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Helen Christensen, die Topmodels der frühen Neunziger waren meine Heldinnen. Claudia Schiffer, großartig! Von den Männern fand ich Markus Schenkenberg toll. Und Pierre Cosso aus den Filmen Cinderella und La Boum . Und Tom Cruise in Top Gun . Den Film habe ich sehr oft gesehen, schaue ihn mir noch heute immer an, wenn er läuft.

Sie wollten Cindy Crawford werden…

…und habe meine Eltern unendlich genervt, weil ich immer gesagt habe, ich will auch solche Kleider tragen, ich will auch solche Reisen machen. Und immer wenn ich irgendwo einen Model-Wettbewerb in einer Zeitschrift fand, sagte ich: Oooch, bitte…

Irgendwann hat es dann geklappt.

Mein Vater hat eines Tages einen Wagen gemietet, und wir haben eine wunderschöne Tour durchs hessische Land gemacht. Immer wieder hat er angehalten und Bilder von mir gemacht. Und sie an Bravo Girl geschickt. Eines Tages kam die Antwort: Ich wurde zum Casting nach Frankfurt eingeladen, zunächst waren es noch 100 Kandidatinnen, dann 20. Erst erschien ein ganz kleines Bild von mir, dann ein großes. In unserem Städtchen Michelstadt waren die Ausgaben immer sofort ausverkauft.

Was dachten Sie, als Sie das große Bild von sich sahen?

Richtig so, das dachte ich. Ich hatte mir das immer vorgestellt: Die Aufnahmen von den Models mit meinem Gesicht drin. Ich wollte das immer. Wann immer es eine kleine Modenschau in Michelstadt gegeben hat, ich war dabei. Mein erstes Foto erschien in der Lokalzeitung, da war ich drei.

Inzwischen sind Sie Dauergast in beinah sämtlichen Magazinen, als Schauspielerin, als Model, auch als Objekt der Klatschpresse. Sind Sie inzwischen ein wenig ernüchtert?

Ich bin sicher vorsichtiger geworden, auch misstrauischer. Bei einigen Fotos von mir, denke ich, mein Gott, hätte es da kein schöneres gegeben? Manchmal bin ich richtig froh, wenn ich sehe, ich stehe nirgends drin. Aber meine grundsätzliche Freude an Zeitschriften und Zeitungen lass ich mir nicht nehmen.

Was gefällt Ihnen an Magazinen?

Wichtig ist die Mischung, dass viele verschiedene Bereiche angesprochen werden. Ich bin, was Zeitschriften angeht, eine Vielfresserin. Ich liebe es zum Beispiel mir einen Packen Zeitschriften zu kaufen, vom Spiegel , Gala bis Dazed and Confused . Ich liebe Reportagen, aber ich kann mit Freundinnen auch nur über Mode- und Kosmetik-Anzeigen reden.

Über Anzeigen?

Ja, einerseits über die Ästhetik, aber auch ganz schlicht darüber, welche Schauspielerinnen welche Kampagnen machen. Scarlett Johansson kann ich inzwischen fast nicht mehr sehen. Bei Hilary Swank denke ich: Musste sie jetzt auch noch den Vamp machen?

Was haben Sie über all die Jahre gelernt?

Mich machen Zeitschriften neugierig auf die Welt. Deshalb lese ich sie. Und wissen Sie, ich war in unserem Laden immer sehr fasziniert von den vielen, vielen besonderen Zeitschriften, über Angelsport, über Eisenbahnen, über Tätowierungen. Wir hatten ja alles. Dann kamen diese Leute, die schon dem neuen Angelheft entgegenfieberten. Es ist nicht mein Ding, aber ich finde es großartig. Sagen Sie, darf ich hier auch ein kleines, neues Magazin empfehlen, was eine Freundin von mir herausgibt?

Bitte.

Jungsheft, heißt es, Pornografie für Mädchen. Ein kleines, feines Magazin. Schöne Bilder, sehr ästhetisch, gar nicht schmutzig. Anders als es Männer machen. Da drin gibt es eine Prominentenkolumne, Charlotte Roche hat schon geschrieben. Und demnächst bin ich dran.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert

Jessica Schwarz, 30, begann ihre Karriere als „Bravo-Girl des Jahres“. Danach war sie Model und Moderatorin bei „Viva“. Inzwischen arbeitet sie als Schauspielerin, bald ist sie in Heinrich Breloers Verfilmung der „Buddenbrooks“ in der Rolle der Tochter Tony zu sehen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service