Lyrik-Extra In sorgsamer Zerpflückungsrunde
Kann man poetisches Schreiben lernen? Oder Dichter backen? Ein Besuch im Lyrikseminar Hildesheim.
Verse, Wörter, Silben, Laute, viel mehr sei es doch nicht, sagte der alte Schlegel, warum also so viel Scheu vor Lyrik? Jeder Biedermann traut sich, seinem Nachbarn zum Geburtstag eine Ode zu drechseln, aber Hanns-Josef Ortheil, der seit einem Vierteljahrhundert viele Romane geschrieben hat, Essays zur Literatur, Betrachtungen zur Musik, der die Poetikdozentur in Bamberg hält und vor acht Jahren den Diplomstudiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim gegründet hat, Ortheil sagt, an Lyrik traue er sich nicht. Das Seminar für die jungen Poeten überlasse das denen, die etwas davon verstünden, sagt er und verweist auf Bastian Winkler. Jahrgang 1977. Ein Gedichtband. Im Clamot Verlag, der gerade Publikationspause hat. Absolvent von Hildesheim und nun Leiter des Grundkurs Lyrik.
Ein kleiner Mann mit sanfter Höflichkeit, Winkler sagt: »Das ist hier ja keine Dichterfabrik. Eher ein Experiment.« Es gehe nur darum: sich austauschen. Das Handwerk verfeinern. Vielleicht den Ort finden, an dem man schreibt.
Der Weg zu Bastian Winkler und seinem Lyrikseminar führt in eine Landschaft, die sich nachdrücklich poetisch gibt. Heraus aus der Stadt! Die Kronen der Chausseebäume liegen wie Pompons auf den Flanken der Hügel, die frische Saat ist in exakten Litzen auf die Äcker gestanzt. Ein Flusslauf, Weiden, die Pferdehürden. Und mittendrin die Domäne Marienburg. Burgturm und strenge Fassaden, dazwischen der Hof, auf dem junge Leute hin und her eilen oder beratend beieinanderstehen unter Holzschnitzereien, die durch Jahrhunderte geschwärzt erscheinen. Eine Simulation übrigens. Das herrschaftliche Haus hat sich ein Eisfabrikant an die Burg setzen lassen, Stil: möglichst uralt, es ist ein Vielzweckgehäuse, so wie sich ja auch die neue Lyrik gerne in Epos oder Sonetthülle wirft. Nun also trifft sich junges Volk vor dem Kamin des Herrn Fabrikanten.
Vorbereitungstreffen Lyrikseminar. Versammelt sind: Studenten (5), darunter 2 Frauen, Probetexte (3), Trinkflaschen (4), iBook (1).
Sarah Rehm, Jahrgang 1982, liest ihr Gedicht Die freie Stadt, sie liest langsam, träge voranschreitend, geradezu weihevoll. »Im kopf ein loch / wie in den mauern / an den gartentoren / kinder der gypsies/ trauern um / die kurzzeit der touristies…«
»Okay«, sagt Bastian Winkler: »Was passiert?« Jule Körber, neben Sarah Rehm, schon zwei Jahre länger in Hildesheim, mit Vorsicht: Es sei ja keine Beschreibung, man brauche da ein Wissen, das vorausgesetzt werde. Einer sagt, »das Abkupfern von Touristies aus Gypsies« finde er gelungen, ein anderer hält genau hier die Grenze zum Kalauer überschritten, ein Dritter stimmt dem zu, findet aber gerade das Kalauerhafte gut. Ihm wird widersprochen. Ob Kalauer nicht, ganz ehrlich, ein bisschen fehl am Platze seien, meint Kai Splittgerber, einer der Ältesten hier. Aber dann, dritte Strophe, die Zeilen »stellen wir uns vor / was da koma ta, ta, tat…« – gut, sagt ein Matthias Karow, gleich wird er seinen eigenen Text herzeigen.
- Datum 25.05.2007 - 14:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
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Aus der Krone einen Zacken -Dichter kann man sich nicht backen!Bäcker und auch Setzer nicht.Wer das meint, ist nicht ganz dicht.Backen kann man einen Kuchenmit Schüttelreim - und muss versuchen,diesen teuer zu verkaufen.Um Geld zu haben für das Saufen.
dichtungdie lichtungdes geistesdu weißt eskann niemals gelingenkann aber besingenden zustand der träumeöffnet so räumedie hinter dem horizont liegen- keine eintagsfliegendu brauchst schon geduldund kannst ohne schuldauf dem wege noch drehndich nochmals umsehnschreibeund bleibevier sehr gute zeilenverweilenin den köpfen andererund sind so auch wandererzwischen den weltenwenn auch höchst selten
schöne Preriepoesie, werter @hagego
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