Lyrik-Extra Nie wieder Versfüßchen
Wie liest man eigentlich Gedichte? Die schönsten aus den vergangenen 25 Jahren – ein Lektürebericht.
Weil die Dichtung alle überfordert, weil sie schwer zu verstehen und schwer zu verkaufen ist, beginnen wir mit ein paar einfachen Fragen. Die Fragen stelle ich nicht der Dichtung schlechthin, sondern dem gerade erschienenen 25. Jahrbuch der Lyrik, in dem die schönsten Gedichte aus sämtlichen Jahrbüchern der Lyrik gesammelt sind, die Christoph Buchwald seit einem Vierteljahrhundert herausgibt. Diese Gedichte sind in einer Zeit entstanden, die den meisten Lesern gegenwärtig ist. Sie müssten also lesbar sein, ganz ohne Anmerkungsapparat, den ältere Dichtung oft erfordert. Die Gedichte der letzten 25 Jahre, das ist eine hoffentlich begründete Hoffnung, sind keine Sache für Experten. Sie verdichten im buchstäblichen Sinn des Wortes eine Zeit, an der wir alle Anteil haben. Die erste Frage lautet deshalb: Kann man die schönsten deutschen Gedichte aus den letzten 25 Jahren ohne jede Spezialausrüstung einfach lesen und verstehen?
Das erste schönste Gedicht aus dem Jahr 1979 – wir erinnern uns, die Mauer stand noch, Biermann war seit drei Jahren ausgebürgert, die Startbahn West noch nicht gebaut, Tschernobyl noch am Netz, der Kalte Krieg noch ziemlich kalt – heißt dichter, ist von Gerrit Bekker und beginnt so:
Ich bin das Kind
das aus dem Nest der Krähe stürzte –
wie Woge stürzte
ich
an einem Tag
mit schüchtern Arrr!
den Schnabel weitgerissen,
als ließe sich’s Verderben
beißen.
Ich bin der Vogel, schwarze –
damals aus dem Nest
und meine Flügel brachen nicht für immer.
Hier bin ich aufgestanden, an einer Mauerkante
bösen Buben auf das Bett
und auf die Hand zu sehn.
Bin zu verstehn. – (…)
Ist das überhaupt ein Gedicht? Oder nicht vielmehr eine Kurzerzählung mit Zeilenbruch? Eine Frage, die man der freien, ungebundenen und ungereimten Lyrik, die alle lyrischen Benimmregeln wie ein zu enges Hemd abgelegt hat, immer wieder stellt. Die Antwort ist in diesem Fall nicht sehr schwierig: Der Zeilenbruch mag schwach motiviert sein, aber ein Gedicht ist das hier bestimmt. Wie man sich da sicher sein kann? Ganz einfach, weil hier nichts »erzählt« wird, was man auch in Prosa erzählen könnte. Die Alchemie, der Bedeutungshof einzelner Signalwörter (Nest, Verderben, gebrochene Flügel, Mauerkante) und die lyrische Dynamik (stürzen, aufstehen, verstehen) bringen eine Spannung hervor, »verdichten« sich zu einem Eigensinn, der sich nicht einfach in Normalsprache übersetzen lässt.
Wenn das so ist, und das ist fast immer so, darf man sich allerdings fragen (2. und hässlichste Frage), ob man Gedichte überhaupt verstehen kann. Und das, im Vertrauen gesagt, ist nun auch schon das Hauptproblem, das viele Leser, aber auch wir hauptamtlichen Literaturdeuter mit der modernen und gegenwärtigen Lyrik haben: Sie lässt sich so ungeheuer schwer ins Verständliche »übersetzen«.
Hören Sie hier ein Gedicht von Michael Lentz
- Datum 26.05.2007 - 08:32 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
- Kommentare 16
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DANKE,
du liebe Zeit, dafür, die Lyrik noch einmal zum Thema zu machen, bevor sie in Deutschland genauso ausgestorben sein wird wie Wolf, Uhu und Kragenbär.
Lyrik lebt wie die Musik und die Bildende Kunst auch von der lebendigen Kultur, dem Interesse und Engagement eines kompetenten Publikums.
Leider wird in Deutschland viel zu wenig dafür getan, ein solches Publikum bei der Stange zu halten.
Insofern halte ich die Überschrift "Nie wieder Versfüßchen" für den Ausdruck eines traurigen Irrtums, der etwa lautet: "Wir brauchen keine Verswissenschaft, wir hören einfach auf unser Bauchgefühl, wenn wir im Italienurlaub das herumfliegende Eispapier betrachten".
Dabei leiden viele Zeitgenossen darunter, daß ihnen in ihrer Gymnasialzeit elementares Grundwissen über die Versfüße (wie auch über die klassische Sonaten-Hauptsatzform, etc.) weitgehend vorenthalten wurden.
Daß diese keine verswissenschaftliche Gedichtinterpretation (mehr) lesen können, versteht sich, sollte aber nicht mit dem Problem verwechselt werden.
Pfingstsonntag
mein Organismus hatte ein Orgasmus
mit dem zweiten sieht man besser?
(wunderbar)
ein Teil von mir blieb liegen
als ich aufgestanden bin
(teilbar)
ich las die Zeit
ueber unverst@ndliche Dichtung
(lesbar)
die Vorsilbe un ist wichtig
mit nur 2 Buchstaben
kann man verschlossen oeffnen
die Vorsilbe deutet nur auf 50%
seiner selbst
(offenbar)
ein ei von gestern
habe ich zum Fruehstuck geknackt
(geniessbar)
die Kueche hat keinen Himmel
(ueberschaubar)
trotzdem lockt mich das Freie
und ich beschliesse dort-hin-zu-gehen
ein Schritt in die Freiheit
(unhaltbar)
http://www.zeit.de/2007/2...
http://de.wikipedia.org/w...
http://de.wikipedia.org/w...
Beim Betrachten der modernen Dichtung frage ich mich oft: „Was würden Goethe und Schiller dazu sagen?“ Ob Verswissenschaft oder Bauchgefühl: Poesie sollte einen gewissen Schönheits-Anspruch an sich selbst stellen und nicht nur wie ein „Brainstorming“, wenige, für Uneingeweihte nicht erklärbare, oft sogar unschöne Worte beinhalten. Hier möchte ich Immanuel Kant zitieren, der u. a. folgende Aussage machte: […] In der Dichtkunst kann sich das Vermögen ästhetischer Ideen "in seinem ganzen Maße" zeigen[…] oder weiter […]Die Dichtkunst verdankt fast gänzlich dem Genie ihren Ursprung und nimmt den obersten Rang unter den Künsten ein.[…] Ist denn die ästhetische Urteilskraft, in der das Gefühl der Schönheit wurzelt, in der heutigen Gesellschaft nahezu verloren gegangen?
Gibt es überhaupt ein objektives Prinzip des Geschmacks oder der Schönheit? Schiller sah Kunst als Erlebnis. Er war der Überzeugung, dass nur das Werk schön zu nennen sei, das dieses Erlebnis der ästhetischen Freiheit auszulösen vermochte. In seinen Kallias-Briefen schrieb er: „…Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung.“ Diese Freiheit gelangt uns dadurch zum Bewusstsein, dass wir nicht genötigt werden, nach einem Grund der Erscheinung zu fragen, der außerhalb des Gegenstandes liegt. Schön sei die Form, die sich selbst erklärt.
Die Ästhetik ist in der modernen Lyrik leider größtenteils verloren gegangen. Da kann nichts mehr fließen, da gibt es keine Sprachschönheit mehr, wenig Aussagekraft. Schade! Wo sind die Dichter und Denker von einst? Armes Deutschland!
Poesie
Verschlungen
ist das Band der Poesie,
im kurzen Rausch erstickt der Schwall der Worte
und wer mit Andacht lauscht,
erhebt sie still zu hoheitsvollem Orte,
nur Einfalt senkt herab sie in die Tiefen;
beschwörend, heilig, wen die Musengeister riefen,
mit Tönen wohl aus purem Moll und Dur.
Verliert sich zwischen Ewigkeiten ihre Spur,
so schwingt das Band sich eng um Reim und Vers,
zieht aus den Orten des Vergessens die Gedanken
und leitet sie vom Herzen himmelwärts.
www.himmelspoesie.de
Liebe Frau Seidel, ich danke Ihnen für Ihnen Beitrag, denn Sie bringen es auf den Punkt!
Ich kann mit diesen wirren und zusammengebraubten Werken, die sich heutzutage als Gedicht oder Lyrik "verkaufen", ebenfalls wenig bis nichts anfangen. Es scheint mir eine Ausgeburt dieser Zeit, in der eine ordentliche Satzbildung und Rechtschreibung nicht mehr zur Tagesordnung gehören, sondern die Ausnahme sind. Selbst Bücher sind mittlerweile davon nicht mehr verschont.
Vor kurzem habe ich mir allerdings ein Lyrik-Büchlein zugelegt, von dem ich voll und ganz begeistert bin. Dieser Autor benutzt oft ebenfalls wenige Worte, aber sie sind so excellent gewählt, dass ein Mehr sogar stören würde - und trotzdem vermag er mit "spärlichen" Worten mehr auszudrücken als andere mit der vielfachen Menge. Diese (nicht gereimten) Gedichte berühren bei mir Herz und Seele; man spürt buchstäblich das Herzblut des Autoren. Das Büchlein hat mittlerweile einen festen Platz auf meinem Nachttisch und ich lese es wieder und wieder. Gefunden habe ich es zufällig beim Stöbern in amazon ... falls es Sie interessiert, der Autor heißt Thomas Lawall und der Band "Nach dem Regen".
Liebe Frau Seidel, ich danke Ihnen für Ihnen Beitrag, denn Sie bringen es auf den Punkt!
Ich kann mit diesen wirren und zusammengebraubten Werken, die sich heutzutage als Gedicht oder Lyrik "verkaufen", ebenfalls wenig bis nichts anfangen. Es scheint mir eine Ausgeburt dieser Zeit, in der eine ordentliche Satzbildung und Rechtschreibung nicht mehr zur Tagesordnung gehören, sondern die Ausnahme sind. Selbst Bücher sind mittlerweile davon nicht mehr verschont.
Vor kurzem habe ich mir allerdings ein Lyrik-Büchlein zugelegt, von dem ich voll und ganz begeistert bin. Dieser Autor benutzt oft ebenfalls wenige Worte, aber sie sind so excellent gewählt, dass ein Mehr sogar stören würde - und trotzdem vermag er mit "spärlichen" Worten mehr auszudrücken als andere mit der vielfachen Menge. Diese (nicht gereimten) Gedichte berühren bei mir Herz und Seele; man spürt buchstäblich das Herzblut des Autoren. Das Büchlein hat mittlerweile einen festen Platz auf meinem Nachttisch und ich lese es wieder und wieder. Gefunden habe ich es zufällig beim Stöbern in amazon ... falls es Sie interessiert, der Autor heißt Thomas Lawall und der Band "Nach dem Regen".
rp
Liebe Frau Radisch,
die Zeilen von Philip Larkin haben mich auch berührt und ich habe lange gesucht, um das Gedicht zu suchen, von dem Sie sprechen, leider erfolglos.
Ich wünsche mir genauere Angaben.
Liebe Frau Seidel, ich danke Ihnen für Ihnen Beitrag, denn Sie bringen es auf den Punkt!
Ich kann mit diesen wirren und zusammengebraubten Werken, die sich heutzutage als Gedicht oder Lyrik "verkaufen", ebenfalls wenig bis nichts anfangen. Es scheint mir eine Ausgeburt dieser Zeit, in der eine ordentliche Satzbildung und Rechtschreibung nicht mehr zur Tagesordnung gehören, sondern die Ausnahme sind. Selbst Bücher sind mittlerweile davon nicht mehr verschont.
Vor kurzem habe ich mir allerdings ein Lyrik-Büchlein zugelegt, von dem ich voll und ganz begeistert bin. Dieser Autor benutzt oft ebenfalls wenige Worte, aber sie sind so excellent gewählt, dass ein Mehr sogar stören würde - und trotzdem vermag er mit "spärlichen" Worten mehr auszudrücken als andere mit der vielfachen Menge. Diese (nicht gereimten) Gedichte berühren bei mir Herz und Seele; man spürt buchstäblich das Herzblut des Autoren. Das Büchlein hat mittlerweile einen festen Platz auf meinem Nachttisch und ich lese es wieder und wieder. Gefunden habe ich es zufällig beim Stöbern in amazon ... falls es Sie interessiert, der Autor heißt Thomas Lawall und der Band "Nach dem Regen".
Bevor ich hier meinen Kommentar abgebe, erlaubt mir, mich vorzustellen: ich bin 22, Biologiestudentin und Dichterin mit Leib und Seele. Seit zwei Jahren schreibe ich Gedichte und veröffentliche auch in diversen Internetforen. Meine Gedichte haben allesamt saubere Metra und Reime, und ja, da bin ich sehr stolz drauf.Als ich diesen Artikel und die Kommentare gelesen habe, juckte es mich einfach furchtbar in den Fingern, meine Meinung kundzutun.
Im Grunde wäre ich als Künstlerin die letzte Person, die einem Menschen vorschreibt, wie er seine Texte zu schreiben hat. Oder seine Kunst zu gestalten. Nur... wenn ich 7 eur Eintritt für das Museum für moderne Kunst zahle und dann vor einer leeren Leinwand stehe mit dem Titel "Die Leere" fühle ich mich.... wie sag ich's nett... verarscht. Oder wenn ich 20 Euro bezahle für das "Jahrbuch der 'Lyrik'", und die "Gedichte" darin eher an das literarische Pendant zu der Fingerfarbezeichnung eines Kindergartenkindes erinnern. Wahllos zusammengestammelt, auf irgendeine neopostmodern-dadaistische Weise Bedeutung suggerierende Wortfetzen, deren Dicht.... Zusammenschreibung meines Empfindens nach keine zwei Minuten gedauert haben kann.Wie gesagt, ich bin Künstlerin und will niemandem verbieten seine Künste so zu betreiben, wie er lustig ist.Aber das unter den Namen der Lyrik zu setzen, kommt mir falsch vor. Gut, ich finde es eine Unverschämtheit. Sollen sie sich doch für ihr Wortgestückel ein eigenes Wort einfallen lassen, darin sind sie doch so gut. Das traurige ist ja, dass ich wohl kaum eine Chance hätte bei einem Lyrikwettbewerb mit meiner stilistischen "Zwangsjacke". Und wohl nie veröffentlichen werde, weil sowas heute nicht gefragt ist.
Wer jetzt gänzlich an der deutschen Dichtung verzweifelt, dem sei gesagt, dass es durchaus noch andere "richtige" (nein wartet, streicht die Anführungszeichen) Dichter gibt, denen Sonett, Reim und Metrum kein Fremdwort ist. In den diversen Internetforen ist das Verhältnis zu den modernen "Dichtern" meist recht ausgeglichen. Nur sind es nicht die, wir, die die Wettbewerbe gewinnen, zu "poetry-slams" gehen (oh Mann, DAVON fange ich hier besser garnicht erst an...) oder veröffentlicht werden. Wir sind zu unmodern...
Doch manchmal verzweifele auch ich an der deutschen Lyrik, vor allem dann, wenn meine Gedichte mit folgendem Satz kommentiert werden (da rollen sich mir die Zehennägel auf):
"Dein Gedicht ist ja ganz nett, aber ich mag lieber Gedichte ohne Reim..."
mhhmm
...ich mag auch lieber Musik ohne Töne.....
Dunkel, der Wald -
Herbst wird es bald.
Ich habe
das Rehlein abgeknallt.
Dir wird es kalt?
Ich werde alt!
Ich wollte nicht schießen,
Natur - nur genießen.
Doch die Mondnacht,
ein ganz heller Fleck,
in dunkler Bedrohung,
hat mich vor Verrohung
des Nachts nicht beschützt.
Sie hat meine Schwäche
schamlos ausgenützt.
fratzen
am firmament
blitzend
und zuckend
die wurzeln
verkrampfen
im lehmigen boden
hastig
der fuchs
in der mondnacht
nass prasseln
die tropfen
ein uhu
schreit schaurig
gegen die
blitze
der schwarzen
verhüllung
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