Lyrik-Extra Die Romantik war ihr Schicksal
Blumfeld, Tocotronic, Herbert Grönemeyer, Jan Delay: Warum versteigt sich die deutsche Songlyrik so oft im trübsinnigen Nichts?
Dichten ist Kompensation. Es sind die Blassen, die Schmalen, die Verletzten, die, denen die Haare in die Stirn fallen und die feuchte Hände haben und die zusammenschrecken, wenn man ihren Namen ruft, denn sie erwarten von der Welt, dass sie ihnen fremd bleibt, ein Rätsel, im Nebel.
Ich bin der Weg
ich annuliere das Nichts
mit Worten, die wandern
von einem zum ander’n
wander’ auch ich
Schönstes 19. Jahrhundert ist das, die edle Vergeblichkeit, der Wanderer über dem Nebelmeer, Caspar David Friedrich trägt heute den Scheitel rechts, heißt Jochen Distelmeyer und hat eine Band gegründet, die Blumfeld heißt. Ohne die verblasene Melodie klingen die Verse des Liedes The Lord of Song noch verwehter; Distelmeyer hat es als lyrischer Schwadroneur zu einigem Ruhm gebracht, vor allem bei jenen Musikhörern, die die Krankheit vieler deutscher Intellektueller teilen: Sie haben sich nie von der Romantik erholt, sie verwechseln Trübsinn mit Tiefgang, sie lieben die Pose der Einsamkeit, des Schwerverständlichen. Blumfeld sind auf Abschiedstour. Das kürzlich wiederveröffentlichte Album Old Nobody beginnt allerdings mit einem Gedichtvortrag von Distelmeyer. »Eine Frage im Raum / in sprachlosen Zeiten / Du kursierst als Pulsar / Durchquerst luftleere Welten / und wirst zum Begriff / gegen alle Natur«.
Erkenntniskitsch könnte man das nennen, eine bedeutungsschwere Bedeutungslosigkeit, Gespensterzauber. Aber weil das, was schwärmerische Gymnasiasten produzieren, in diesem Land gern als Lyrik durchgeht, wurden Blumfeld all die Jahre gelobt. Wie anders waren da zum Beispiel die deutschen Rapper der späten neunziger Jahre, Moses P oder die Fantastischen Vier, die die deutsche Sprache in spielerische Höhen hoben, ihr eine Leichtigkeit gaben, die sonst nur das Englische hat. Blumfeld dagegen sind die Band jenes Jahrzehnts, das hinter uns liegt: Blasse Jungs malten da blasse Menschen vor blassen Kulissen, das war die Leipziger Schule; blasse Jungs komponierten traurige Lieder für blasse Jungs, das war die Hamburger Schule.
Ein Licht im Dunkel des Verstandes
Ein Fleck Sonne dann und wann
Dringt durch mich. Ich bin gespannt
In der Stille fängt das Chaos an.
Auch Tocotronic, mit Blumfeld die wichtigste Band ebendieser Hamburger Schule, träumten sich fort, zelebrierten die Untergangslyrik, verloren sich in einer Art Neonromantik. Es ist ein sanfter Defätismus, der diese Verse durchzieht, die fast adjektivfrei dahingehen, Substantiv an Substantiv gereiht und Subjekt an Subjekt, es wimmelt von Toten, von Staub und von Unendlichkeit. »Der Weg war weit« reimt sich auf »Ich war wie Treibholz der Zeit«. Gern lassen sie sich von der Sprache auf Rätselwege führen, »Cäsar – Antichrist / Das ist Dein Geschick / Und es ist doppelt geknüpft«. Zwischen diesen wabernden Begriffen entstehen Zustände, findet und verliert sich die Wirklichkeit. »Schlaf«, so lautet der Refrain einer dieser Hymnen der Nichtidentität, »Du bist es nicht.«
Es sind Abgesänge ohne Adressaten, Selbstgespräche einer Gruppe von Postironikern. »Wir müssen durch den Spiegel gehen«, heißt es bei Tocotronic; aber die Ironie ist für deutsche Popmusiker das, was für Laokoon die Schlangen waren. Sie können sich nicht befreien, sie ringen und verheddern sich, ob sie wollen oder nicht.
Als Blumfeld ihre letzte CD Verbotene Früchte veröffentlichten, da gab es in der Fangemeinde eine aufgeregte Diskussion darüber, ob die Naturbilder nun ernst gemeint seien oder eben Pose, ironisch, möglicherweise provokant einer Zeit ins Gesicht gedichtet, die im konservativen Rollback begriffen ist. Und auch die schöne Zeile der Wutromantiker von Tocotronic, die ihre CD von 2005 Pure Vernunft darf niemals siegen nannten, ist in diesem Zusammenhang zu lesen. Mit dem Begriff der Ironie sind diese Verse jedenfalls nicht zu fassen, »wenn der Wahnsinn flammend grüßt«, »ein Licht im Dunkel des Verstandes«, dagegen ist Hölderlin schon fast klarsichtig.
Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
Das sind Verse, das ist Musik für eine andere Wirklichkeit. Aber so ist das, sie sitzen mitten im welthistorischen Wirbel, Amerika wankt, China steigt, Hunger, Kriege, Klima – und die deutschen Künstler kultivieren ihre Neurosen und pflegen ihre seelischen Schrebergärten. Wohin einen aber andererseits das sogenannte Engagement lyrisch führen kann, das zeigt im schlimmsten Fall Herbert Grönemeyer, der ja so entspannte Zeilen gedichtet hat wie »Ok, es ist schon ok / es tut gleichmäßig weh«. Damals in Mensch ging es noch um Trauer und individuelles Leid; dass die Rettung der Welt nun der Sprache selten guttut, das merkt man am aktuellen Grönemeyer-Album 12. Hier ist die einfache Botschaft der Hammer, und der Text ist der Amboss.
Welche Armee ist heilig
Du glaubst nicht besser als ich
Die Bibel ist nicht zum Einigeln
Die Erde ist unsere Pflicht
Sie ist freundlich, freundlich,
wir eher nicht
Grönemeyer präsentiert Lebenshilfe von gnostischer Einfältigkeit, Weltethos voll pathetischer Leersätze, die er zum G8-Protest wieder hervorkramen wird. Die romantische Wanderer-Metaphorik lässt auch er nicht aus; »Ich mag den Weg, ich mag das Ziel / den Exzess, das Selbstexil«, so dichtet es bei Tocotronic. Grönemeyer klingt dann unverkennbar so:
Zieh deinen Weg
Folg deinen eigenen Regeln
Zieh deinen Weg
Keine Angst vor Richtig und Falsch
Wer die Wahrheit kennt
Ist niemals überlegen
Vertritt deinen Punkt
Aber zeug immer von Respekt
Es ist eine fehlgeleitete Ernsthaftigkeit, die aus diesen Zeilen spricht – und wenig zu tun hat mit jener entgrenzten und entfesselten Sprache, die etwa die deutschen Rapper durch die Manege führen. Jan Delay zum Beispiel, der »Heroin« auf »Töpperwien« reimt und »Gefühl« auf »Acryl«, der seine Songs Mercedes Dance nennt und eine ziemlich neue Sprache findet für ein ziemlich bekanntes historisches Thema. »Sie wählten Archie und der brachte die Fäule / ja es waren die Kartoffeln, die den Dämon erschufen / Und alle Flasher mussten abhauen, oder kamen in die Dusche / Seitdem ist hierzulande alles finster / Für Stil und Humor herrschten 70 Jahre Winter / Ja, der Flavour ist braun und der Groove, der ist Marsch / Und wir haben keinen Stock, sondern ’nen Wald im Arsch«.
Die deutsche Geschichte also, dieser ewige Streichelzoo, hier einmal ins Jahr 2007 gebeamt. Auch Tocotronic kreisen um dieses Thema, Kapitulation heißt ihre neue CD, die Anfang Juli erscheinen soll, »das schönste Wort in deutscher Sprache«, wie sie sagen; sie wollen die Worte anfassen, abtasten, begreifen, wo Jan Delay mit ihnen eher jongliert, sie aus dem Dunklen entlässt, in dem deutsche Begriffe im Gegensatz zum Englischen so oft gefangen sind. Ähnlich gehen auch die Fantastischen Vier vor, die sich auf ihrer aktuellen CD Fornika einmal mehr als experimentelle Sprachartisten zeigen.
komm rein online
oh nein und ob
scheißt drauf pack aus reiß auf beiß drauf
gib an nicht auf Licht an Licht aus
immer mehr viel mehr gibs dir gibs her
Reim ist Sein, das ist ihr schwäbisches Credo, Ironie ist ihre Reißleine, sie führen den Antikapitalismus als smarte Verführungshaltung vor, sie sind selbstreferenziell, ohne weltverloren zu sein, sie sind selbstbewusst, ohne die Welt retten zu wollen. Sie trampeln ziemlich gut gelaunt auf der Oberfläche unserer Zeit herum, weil sie wissen, dass Worte eben Worte sind, kein Senkblei in die Seele, sondern das schnellste Mittel, um von A nach B zu kommen.
Dass auch zu Gitarrenmusik Texte geschrieben werden können, die so etwas wie Leichtigkeit haben, das zeigen Tomte, auch eine Band der Hamburger Schule, mit dem programmatischen Titel ihrer CD Buchstaben über der Stadt. Es ist ein eher beiläufiges Weltgeplänkel, das der Sänger Thees Uhlmann da zusammendichtet, ein schemenhafter Utopismus, wie er im Song So soll es sein erscheint.
den Rest werden wir nehmen
wir werden trauern in einer wortlosen Welt
wir werden pur und simpel lachen
wir werden schwimmen im Geld
Zwar kommt auch Uhlmann nicht ohne die Worte Angst, Leben, Weg und Sterben aus, existenziell muss es schon sein, aber die losen Enden der Geschichten baumeln auf angenehme Art im Raum, der ein großstädtischer ist, bewohnt von Menschen, die ihre Naivität nicht ganz verlassen hat. Es geht nicht um den Alltag, es geht nicht um den besonderen Moment, es geht um irgendetwas dazwischen.
ich sage die Sonne scheint so oder so
die Wolken entscheiden ob du sie siehst
man könnte sagen dass man das
stärker liebt was man seltener sieht
Auch Tomte lieben den Nebel, der sich um Worte bildet, auch sie sind der Meinung, dass »es hilft, die Welt durch den Rauch zu sehen«. Auch sie beschreiten den schmalen Pfad zwischen Pathos, Authentizität und Dilettantismus, der die Lyrik der deutschen Songtexter so oft ausmacht. Auch sie finden, »es gibt Aufgaben, die zu erfüllen wären«, so heißt es in dem Song Walter & Gail, »den Traurigen die Welt erklären«. Auch für sie ist Dichten Kompensation. Aber vor der deutschen Romantik retten sie sich hinaus in die Welt.
- Datum 25.05.2007 - 03:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
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hilft der jungen Generation, die ja der hauptsächliche Konsument der Musikindustrie dieses Branchenteils ist, nicht unbedingt zu einer besseren Geisteshaltung weiter. Zu Beginn seiner Zeit sang Blumfeld noch optimistisch noch "wir sind frei" und ich mochte es. Doch die ewigen Weltuntergänge und Abgesänge allerorten und nun auch hier stumpfen so langsam ab, der "mittelalte" Musikliebhaber wendet sich von solchen Grundhaltungen eher ab, weil Depression als Dauerprogramm vorgetragen eben auch bestenfalls depressiv - und in der Folge eher destruktiv macht. Und davon haben wir in der jungen Generation schon mehr als genug, oder nicht? Es müßten neue Perspektiven her...mag sein, daß in der Wiederaufbauphase produzierte Tralala-Musik nicht besonders gehaltvoll war, aber die Menschen die etwas Positives suchten, das ihnen durch den Tag half, waren damit besser bedient. Wo sind die neuen musikalischen Konzepte in diesem unserem Lande?
Nicht alle deutschsprachige Popmusik ist so dümmlich und zT auch handwerklich schlecht getextet - nur sucht der Autor leider ausschliesslich im Mainstream. Immer wieder findet ein ernsthaft Interessierter aber Lichtblicke in der Sprachödnis, die es verdienten, genannt zu werden.
Gruppen wie Wortfront zum Beispiel haben sehr wohl Ironie, Witz, Herz UND literarisch geschulte Sprache. Nur bekommt diese Gruppe zwar Nischenpreise wie den Preis der deutschen Schallplattenkritik, in angeblichen A-Schicht-Zeitungen wie der Zeit kommen sie aber nicht vor - hat das vielleicht doch etwas damit zu tun, dass auch die Zeit auf Masse schielt? Dafür spräche, dass der Autor und Komponist der Gruppe, Dr. Roger Stein als Autor sehr wohl schon vorkam - für einen höchst billig auf "Seichtigkeit" zielenden Bericht über sein wissenschaftliches Buch "Das Dirnenlied" - also wieder mehr 'Masse statt Klasse' (obwohl auch dieses Buch durchaus eine intelligentere Würdigung verdient hätte).
Die Musik und die Texte der Gruppe, die durchaus sowohl gescheit als auch kulinarisch sind, wird von den allermeisten Journalisten, Kritikern und offenbar auch Veranstaltern allerdings als "zu klug" angesehen, und nach dem Motto "Klug bringt nicht genug Publikum" links liegen gelassen. (Ich selber habe sie beim Stöbern im Internet gefunden, und war - man merkt es wohl bei diesen Zeilen - absolut begeistert.)
Bei derartiger Rezeption von Intellekt wäre es ja kein Wunder, wenn die deutsche Popmusik zu Traurigkeit neigt. (Ganz davon abgesehen, dass Humor UND Qualität mit zum Schwierigsten in der Kunst gehören)
Allerdings - wenn wir bei der Massenwirksamkeit bleiben - stimmt der Befund nicht so ganz, denn gerade Gruppen wie Wir sind Helden, Dendemann, Juli, Virginia Jetzt und dergl spielen ziemlich gekonnt mit "trauriger Text vs heitere Musik" und umgekehrt - ein heiteres, manchmal gar nihilistisches und vor allem: möglichst jede Bösartigkeit vermeidendes Element ist nicht leugbar. Und es ist ja als MUSIK konzipiert, nicht als reine Lyrik, das heisst, auschliesslich auf den Text zu schauen, und die Musik in die Beurteilung nicht einzubeziehen gibt nur ein halbes Bild. Ich hätte mir mehr gewünscht, wenn der Autor auf die rein sprachlichen, dichterischen Mängel mehr eingegangen wäre als auf angebliche Traurigkeit im Übermass - denn wenn wir uns den deutschen Literaturkanon ansehen - auch hier dominiert zweifelsohne seit Jahrhunderten der Weltschmerz. Nicht ohne Grund auch im Französischen und Englischen ein DEUTSCHES Wort. In diesem Bereich sind also die vom Autor genannten Gruppen durchaus in einer stimmigen Linie mit der deutschen Tradition.
Zuerst stimmt nicht, dass Tocotronic immer ironiefreie Texte gedichtet haben. Bis K.O.O.K., wo Ironie freilich sehr fein versteckt war - man denke nur an den "Hit"-Titel Let There Be Rock - war das nie eine Band, die sich dem reinen Trübsinn verschrieben gehabt hätte.
Dann verstehe ich nicht, warum Ironie oder Sarkasmus notwendige Ingredienzen guter Musiklyrik sind. Sind die sinnlosen oder hingeschleuderten Zeilen der Leichtgewichtler Tomte oder der Spaßrapper Die Fantastischen Vier deswegen gehaltvoller, weil sie positiv sind? Ist Positivität ein Kriterium?
Auch: Die Romantik ist immerhin die einflussreichste künstlerische Strömung, von der noch Moderne und Postmoderne zehren. Dazu gehört: Sind wir nicht in einem postironischen Zeitalter? Hat der Autor das noch nicht bemerkt? Mir scheint, Herrn Diez ist insofern ein recht eingeschränkter Literatur- bzw. Lyrikbegriff vorzuwerfen.
Das ist eine reichlich eingeschränkte Sichtweise, Blumfeld und Tocotronic auf „Romantik“ zu begrenzen und schielt vielleicht eher in die Richtung, ihnen das aufklärerische Moment abzusprechen, wofür Bands der sogenannten „Hamburger Schule“ immer einstanden.
Eine Band wie „Tomte“ gehört auch sicher nicht zu diesem Begriff, wie im Artikel behauptet wird, denn obwohl sie aus Hamburg kommen, passen sie allein temporär schon gar nicht zum Phänomen dazu.
Mit der eingeforderten Leichtigkeit und Dauerironie beschreiben Sie ohnehin eher die Attribute der „Spaßgesellschaft“, gegen die sich die erwähnten Bands einmal richteten. Das aber war anfangs der neunziger Jahre, und wo bitte sind heute die musikalischen Tendenzen, die an diese Art von Popkultur anzuknüpfen vermögen? Es gibt sie (noch) nicht.
Endlich! Danke, Georg Diez! Jetzt braucht es noch einen Beherzten, der - firm in Tonfolgen - die aufgeblasenen Parvenüs aufspießt und ihre hart erarbeitete musikalische Unbedarftheit seziert. Und dann ab ins Ressort Parterreakrobatik mit den maßlos überbewerteten Pop-Zombies!
blasse Jungs komponierten traurige Lieder für blasse Jungs, das war die Hamburger Schule.
...die erst von studierten Journalisten der bürgerlichen Presse hochgejubelt wurde. Und nun wieder runter...
(Schlicht gesagt: ich fand diese Bands und ihre Lieder schon immer doof)
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