Lyrik-Extra Die Romantik war ihr SchicksalSeite 4/4

Dass auch zu Gitarrenmusik Texte geschrieben werden können, die so etwas wie Leichtigkeit haben, das zeigen Tomte, auch eine Band der Hamburger Schule, mit dem programmatischen Titel ihrer CD Buchstaben über der Stadt. Es ist ein eher beiläufiges Weltgeplänkel, das der Sänger Thees Uhlmann da zusammendichtet, ein schemenhafter Utopismus, wie er im Song So soll es sein erscheint.

den Rest werden wir nehmen
wir werden trauern in einer wortlosen Welt
wir werden pur und simpel lachen
wir werden schwimmen im Geld

Zwar kommt auch Uhlmann nicht ohne die Worte Angst, Leben, Weg und Sterben aus, existenziell muss es schon sein, aber die losen Enden der Geschichten baumeln auf angenehme Art im Raum, der ein großstädtischer ist, bewohnt von Menschen, die ihre Naivität nicht ganz verlassen hat. Es geht nicht um den Alltag, es geht nicht um den besonderen Moment, es geht um irgendetwas dazwischen.

ich sage die Sonne scheint so oder so
die Wolken entscheiden ob du sie siehst
man könnte sagen dass man das
stärker liebt was man seltener sieht

Auch Tomte lieben den Nebel, der sich um Worte bildet, auch sie sind der Meinung, dass »es hilft, die Welt durch den Rauch zu sehen«. Auch sie beschreiten den schmalen Pfad zwischen Pathos, Authentizität und Dilettantismus, der die Lyrik der deutschen Songtexter so oft ausmacht. Auch sie finden, »es gibt Aufgaben, die zu erfüllen wären«, so heißt es in dem Song Walter & Gail, »den Traurigen die Welt erklären«. Auch für sie ist Dichten Kompensation. Aber vor der deutschen Romantik retten sie sich hinaus in die Welt.

 
Leser-Kommentare
  1. hilft der jungen Generation, die ja der hauptsächliche Konsument der Musikindustrie dieses Branchenteils ist, nicht unbedingt zu einer besseren Geisteshaltung weiter. Zu Beginn seiner Zeit sang Blumfeld noch optimistisch noch "wir sind frei" und ich mochte es. Doch die ewigen Weltuntergänge und Abgesänge allerorten und nun auch hier stumpfen so langsam ab, der "mittelalte" Musikliebhaber wendet sich von solchen Grundhaltungen eher ab, weil Depression als Dauerprogramm vorgetragen eben auch bestenfalls depressiv - und in der Folge eher destruktiv macht. Und davon haben wir in der jungen Generation schon mehr als genug, oder nicht? Es müßten neue Perspektiven her...mag sein, daß in der Wiederaufbauphase produzierte Tralala-Musik nicht besonders gehaltvoll war, aber die Menschen die etwas Positives suchten, das ihnen durch den Tag half, waren damit besser bedient. Wo sind die neuen musikalischen Konzepte in diesem unserem Lande?

  2. Nicht alle deutschsprachige Popmusik ist so dümmlich und zT auch handwerklich schlecht getextet - nur sucht der Autor leider ausschliesslich im Mainstream. Immer wieder findet ein ernsthaft Interessierter aber Lichtblicke in der Sprachödnis, die es verdienten, genannt zu werden.

    Gruppen wie Wortfront zum Beispiel haben sehr wohl Ironie, Witz, Herz UND literarisch geschulte Sprache. Nur bekommt diese Gruppe zwar Nischenpreise wie den Preis der deutschen Schallplattenkritik, in angeblichen A-Schicht-Zeitungen wie der Zeit kommen sie aber nicht vor - hat das vielleicht doch etwas damit zu tun, dass auch die Zeit auf Masse schielt? Dafür spräche, dass der Autor und Komponist der Gruppe, Dr. Roger Stein als Autor sehr wohl schon vorkam - für einen höchst billig auf "Seichtigkeit" zielenden Bericht über sein wissenschaftliches Buch "Das Dirnenlied" - also wieder mehr 'Masse statt Klasse' (obwohl auch dieses Buch durchaus eine intelligentere Würdigung verdient hätte).

    Die Musik und die Texte der Gruppe, die durchaus sowohl gescheit als auch kulinarisch sind, wird von den allermeisten Journalisten, Kritikern und offenbar auch Veranstaltern allerdings als "zu klug" angesehen, und nach dem Motto "Klug bringt nicht genug Publikum" links liegen gelassen. (Ich selber habe sie beim Stöbern im Internet gefunden, und war - man merkt es wohl bei diesen Zeilen - absolut begeistert.)
    Bei derartiger Rezeption von Intellekt wäre es ja kein Wunder, wenn die deutsche Popmusik zu Traurigkeit neigt. (Ganz davon abgesehen, dass Humor UND Qualität mit zum Schwierigsten in der Kunst gehören)
    Allerdings - wenn wir bei der Massenwirksamkeit bleiben - stimmt der Befund nicht so ganz, denn gerade Gruppen wie Wir sind Helden, Dendemann, Juli, Virginia Jetzt und dergl spielen ziemlich gekonnt mit "trauriger Text vs heitere Musik" und umgekehrt - ein heiteres, manchmal gar nihilistisches und vor allem: möglichst jede Bösartigkeit vermeidendes Element ist nicht leugbar. Und es ist ja als MUSIK konzipiert, nicht als reine Lyrik, das heisst, auschliesslich auf den Text zu schauen, und die Musik in die Beurteilung nicht einzubeziehen gibt nur ein halbes Bild. Ich hätte mir mehr gewünscht, wenn der Autor auf die rein sprachlichen, dichterischen Mängel mehr eingegangen wäre als auf angebliche Traurigkeit im Übermass - denn wenn wir uns den deutschen Literaturkanon ansehen - auch hier dominiert zweifelsohne seit Jahrhunderten der Weltschmerz. Nicht ohne Grund auch im Französischen und Englischen ein DEUTSCHES Wort. In diesem Bereich sind also die vom Autor genannten Gruppen durchaus in einer stimmigen Linie mit der deutschen Tradition.

  3. Zuerst stimmt nicht, dass Tocotronic immer ironiefreie Texte gedichtet haben. Bis K.O.O.K., wo Ironie freilich sehr fein versteckt war - man denke nur an den "Hit"-Titel Let There Be Rock - war das nie eine Band, die sich dem reinen Trübsinn verschrieben gehabt hätte.

    Dann verstehe ich nicht, warum Ironie oder Sarkasmus notwendige Ingredienzen guter Musiklyrik sind. Sind die sinnlosen oder hingeschleuderten Zeilen der Leichtgewichtler Tomte oder der Spaßrapper Die Fantastischen Vier deswegen gehaltvoller, weil sie positiv sind? Ist Positivität ein Kriterium?

    Auch: Die Romantik ist immerhin die einflussreichste künstlerische Strömung, von der noch Moderne und Postmoderne zehren. Dazu gehört: Sind wir nicht in einem postironischen Zeitalter? Hat der Autor das noch nicht bemerkt? Mir scheint, Herrn Diez ist insofern ein recht eingeschränkter Literatur- bzw. Lyrikbegriff vorzuwerfen.

  4. Das ist eine reichlich eingeschränkte Sichtweise, Blumfeld und Tocotronic auf „Romantik“ zu begrenzen und schielt vielleicht eher in die Richtung, ihnen das aufklärerische Moment abzusprechen, wofür Bands der sogenannten „Hamburger Schule“ immer einstanden.
    Eine Band wie „Tomte“ gehört auch sicher nicht zu diesem Begriff, wie im Artikel behauptet wird, denn obwohl sie aus Hamburg kommen, passen sie allein temporär schon gar nicht zum Phänomen dazu.
    Mit der eingeforderten Leichtigkeit und Dauerironie beschreiben Sie ohnehin eher die Attribute der „Spaßgesellschaft“, gegen die sich die erwähnten Bands einmal richteten. Das aber war anfangs der neunziger Jahre, und wo bitte sind heute die musikalischen Tendenzen, die an diese Art von Popkultur anzuknüpfen vermögen? Es gibt sie (noch) nicht.

  5. Endlich! Danke, Georg Diez! Jetzt braucht es noch einen Beherzten, der - firm in Tonfolgen - die aufgeblasenen Parvenüs aufspießt und ihre hart erarbeitete musikalische Unbedarftheit seziert. Und dann ab ins Ressort Parterreakrobatik mit den maßlos überbewerteten Pop-Zombies!

  6. blasse Jungs komponierten traurige Lieder für blasse Jungs, das war die Hamburger Schule.

    ...die erst von studierten Journalisten der bürgerlichen Presse hochgejubelt wurde. Und nun wieder runter...
    (Schlicht gesagt: ich fand diese Bands und ihre Lieder schon immer doof)

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