Lebenszeichen Harald Martenstein

... muss sich immer kürzer fassen

Der Chef des Ressorts Leben fragte im Jahr 2002: „Kannst du uns eine kleine Kolumne schreiben, mein Bester? Ich sagte: „Gib mir 3500 Zeichen, und ich schreibe euch eine Kolumne, die so geil ist, dass die läufigen Hunde die ZEIT aus den Briefkästen stehlen, und so heiß, dass man drauf Spiegeleier braten kann. Der Kolumnist Hacke in der Süddeutschen hat 4500, Goldt in Titanic hat noch mehr, aber mit nur 3500 mickrigen Zeichen schreibe ich trotzdem eine der besten Kolumnen Deutschlands. Versprochen. Zwei Tage später rief der Chef wieder an. „Die Artdirektoren meinen, dass nur 3300 Zeichen machbar sind. Ich sagte: „Mit 3300 wird die Kolumne nicht ganz so gut sein, aber immer noch relativ subtil, eine der besseren in Deutschland.“ Am Tag vor der ersten Kolumne rief der Chef wieder an. „Die Artdirektoren sagen, die Überschrift muss größer werden. Weißt du, Leser wollen große Überschriften. Du kriegst nur 3150 Zeichen. Ich dachte, 3150, das wird eine passable Kolumne. Schnell. Schnörkellos! Von 2002 bis 2005 schrieb ich jede Woche 3150 Zeichen.

2005 rief eine Redakteurin an, so ein junges Ding. Wann ich Zombie endlich merken würde, dass die Kolumne seit Wochen nur noch 3050 Zeichen hat, sie hätte kein Lust mehr zu kürzen. Die Artdirektoren hätten beschlossen, dass die Kolumne luftiger gesetzt sein muss. Leser wollten Luft in den Artikeln, das wisse jeder. Von 2005 bis 2007 schrieb ich jede Woche 3050 Zeichen. Die Kolumne wurde in Phase zwei ein bisschen unsubtiler, eine Spur eindimensionaler, aber das habe ich mit den üblichen Tricks vertuscht.

Dann hieß es, das ZEITmagazin kommt wieder. Ich wurde gerufen, mir saßen zwei Artdirektoren gegenüber, ein Typ und eine Frau. Die Frau sagte: „Mit 2400 Zeichen bist du noch gut bedient, Väterchen. Der Typ betrachtete seine Fingernägel und sagte: „Das sind die Gesetze des Magazinjournalismus, mein Bester. Leser wollen Bilder, Freiraum, Illustrationen. Ich sagte: „Morgen gehe ich in eine Fotoausstellung und fange an, die Fotos mit dem Filzstift zu überschreiben. Fotoausstellungsbesucher wollen Texte lesen, weißt du. Die Artdirektoren haben nicht begriffen, worauf ich anspielte. Der Chef sagte: „Na gut, gebt ihm 2800.

Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich den Beruf Artdirektor verbieten. Die vorhandenen Artdirektoren würden zu Friseuren oder Schlauchbootverleihern umgeschult, da dürften sie den ganzen Tag abschneiden und mit Luft aufblasen. Der Artdirektor verhält sich zur Kunst des sich schriftlich Ausdrückens wie der weiße Tiger Montecore zu dem Zauberer Roy, wie eine kalte Dusche zur Erotik oder wie die Klimakatastrophe zu den Gletschern der Alpen. Subtiler kann ich das mit 2800 Zeichen leider nicht ausdrücken. Dies ist nämlich Phase drei.

 
Leser-Kommentare
  1. Guten Tag, Herr Martenstein! Um Ihre Fähigkeit zum Kolumnieren beneide ich Sie schon, um das Ihnen zur Verfügung stehende Platzangebot hingegen nicht. Wenn Ihnen das dauerhaft nicht behagt, dann bewerben Sie sich doch bei der Verlagsgruppe Kreiszeitung, ich bekomme da wöchentlich um die 5000 Zeichen zugedacht mit nur dezenter Bebilderung. Dass der große Max Goldt sich so austoben darf, liegt vermutlich daran, dass er monatlich erscheint.

    Beste Grüße

    • Colon
    • 24.05.2007 um 15:56 Uhr

    Normalerweise fallen director´s cuts in der panoramatischen Moderne ja eher länger aus. Nutzen Sie also die Chance, lieber Martenstein, eine neue literarische Kunstform zu entwickeln: Das "Säulchen".

    Wir wissen es ja längst, es geht weiter im "Leben", dank directrice d´art und Amend.

    • erlau
    • 24.05.2007 um 18:42 Uhr

    Josef Ackermann hat im Magazin ganze 6 Seiten bekommen.Zugegeben als Interview. Aber verglichen mit 99,98 Prozent für Martenstein hält sich die Fangemeinde des Joseph Ackermann unter den Zeit-Lesern sicher nur im Promillebereich. Und wo sie jetzt steht! Auf Seite 8. Und nicht mehr vorndrauf im Leben.
    Gebt ihm die 3500 Zeichen wieder. Die Kolumne ist jetzt so schmal geworden wie er selbst. Das sieht doch nicht gut aus, Ihr ArtDirektoren!

    • criss
    • 24.05.2007 um 19:35 Uhr

    ...mein herzliches Beileid – am Hintern von BMW – zwischen Bree und Edeka geklemmt – das einstige stolze Flaggschiff – in tiefer Trauer...

  2. Lieber Herr Martenstein,
    warum nicht den Luxus, den Online ermöglicht, nutzen und zwei Varianten anbieten? Eine "Light"-Variante mit wenigen Zeichen, damit der Artdirektor zufrieden ist. Und eine ungebremste "Long"-Version exklusiv Online ;-) Ich würd mich drauf freuen und beide lesen.
    annette

  3. 6. schade

    Jedes Lebens-Zeichen von Martenstein ist mir hundertmal lieber als "Luft" und überschriftliche Größe. Leser wollen doch im allgemeinen lesen, oder sehe ich das falsch?

    Wie das voranschreitet, dürfen Sie in einem Jahr nur noch 2000 Zeichen schreiben. Kolumnen ab jetzt im Telegrammstil. Toll. Achtung Sarkasmus.

  4. Ich hab - wie so manch andere Leser? - gezählt: Ohne Überschrift sind's 2304 "Characters", also Anschläge. In 427 "Words", also Worten.
    Die "Art Directors" haben wohl inzwischen auch diese Suchmöglichkeit in ihrem Computer gefunden?

  5. Schade, dass Sie sich kürzer fassen sollen - müssen.
    Sie haben das nicht verdient.
    In mir kommt der leise Verdacht auf, dass Ihre freie und unkonventionelle Art der Betrachtung und Argumentation Ihrem Umfeld nicht so schmeckt.
    Ich kenne keine Kolumne einer seriösen Zeitung, die so munter drauf ist wie Sie.
    Sie zu verbieten führte sicher zu einer Palastrevolution. Dann versuchen wir es doch mal mit dem Aushungern.

    Schade - Wehren Sie sich - meine Unterstützung haben Sie!

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  • Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
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