Dichterin der Augen das verrät schon der Titel Lichtrisse, der von Paul Celan stammen könnte. Wunderbare Bereitschaft, alles wahrzunehmen, was die Welt darbietet. Nicht nur "Tage, lichtdurchkreuzt", "Erdlicht", sondern die matteren Farben: "Goldlaub", "Ferner Staub über frisch gepflügten Äckern". Und die Schatten, die zum Licht gehören. Und die Wolken, die eine "Tonleiter im Fluß" malen, ja singen.

Dichterin des Ohres die 1966 in Ulm geborene Autorin schaut die Welt nicht nur an, sie lauscht auf jeden Laut: "Wo Sekunden wie Lieder vergehen" - "Singende Triebe, singspielende Amsel, schneeknisternder Schritt" - "Molltöne im Geäst", bis hin zu "Tönen, die weich stimmen, Sonaten im Herz".

Dichterin der Körper wer so mit wachen Sinnen Natur und Jahreszeiten besingt, schließt Aug und Ohr auch nicht in der Kammer. Lange nicht gab es so schöne, offen verschwiegene Gedichte über (körperliche) Liebe. Wenn von "Falten", von "Narben" gesprochen wird, bleibt Altern, bleiben Wunden nie ausgegrenzt. Da wird der Titel, Lichtrisse, auf andere Weise wahr.

Beginnt nicht gleich das erste Gedicht mit dem Wort "barfuß"? Und stets bleibt die nackte Sohle gegenwärtig. " Daumen, Graben, das Schenkelbett, / Den weichsten Punkt kennst du im Schlaf" - "Und, als wäre Henry Purcell zu hören, erklingen Weichmelodien, / Aber es ist nur unsere Haut die aneinander reibt."

Zu entdecken: eine große Dichterin.

Christine Langer: Lichtrisse

Gedichte - Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2007 - 116 S., 16,- Euro