Pop Ich habe einen TraumSeite 2/2
Ich fliege im Traum nicht mehr so viel wie früher. Vielleicht weil ich mein Unterbewusstsein für eine Weile seinen eigenen Abenteuern überlassen habe. In letzter Zeit habe ich Schlaf vorwiegend als Ruhezeit betrachtet. Und nicht als Parallelwelt, in der ich ein zweites Leben führen kann. Je mehr man körperlich von sich verlangt, desto mehr muss der Schlaf Erholung bringen.
Vor ein paar Wochen zum Beispiel stand ich morgens in Toronto auf, arbeitete den ganzen Tag, drehte nachts ein Video und stieg am nächsten Morgen in ein Flugzeug nach Berlin. Als ich dort ankam, war ich 43 Stunden lang wach gewesen. Manchmal hätte ich gern einen dieser Transporter, in denen man atomisiert und an anderer Stelle wieder zusammengesetzt wird, um, wie in Raumschiff Enterprise, ausgeruht anzukommen. Wenn du dauernd um die Welt reist, muss dein Rhythmus immer elastischer werden.
Vor einiger Zeit war ich in einer Schlafklinik. Denn ich schlief beinah überhaupt nicht mehr. Und wenn ich einschlief, war es, als wäre ich tot. Manchmal schlief ich einige Nächte nicht, dann wieder fiel ich mitten am Tag in tiefsten Schlaf. Auf Tournee bekommt man einfach zu wenig Ruhe. Es gab nur Wachsein oder komaähnliche Bewusstlosigkeit.
Die Schlafklinik war eine sonderbare Erfahrung. All diese Elektroden an meinem Schädel. Man schläft in einem Labor und wird die ganze Nacht beobachtet. Die Ärzte sagten mir, dass ich mich mehr um Routine und feste Gewohnheiten kümmern müsse. Das Ganze war wohl ein Symptom meines neuen Lebens, das ziemlich in Bewegung geraten ist.
Meine Träume sind noch da, auch wenn ich sie nicht aufschreibe. Sie können mir den Ton eines ganzen Tages vorgeben, egal, ob ich mich an sie erinnere oder nicht. Selbst wenn ich sie nur noch als flüchtigen Duft am Grunde meiner Seele wahrnehme. Ich wünschte, ich hätte noch die Disziplin, sie festzuhalten. Ich sollte wieder damit anfangen.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
Leslie Feist
, 31, sang schon als Schülerin in Punk-Bands, später auf den Alben anderer Gruppen, ehe ihre Solokarriere begann. Berühmt wurde sie 2004 mit dem Soloalbum "Let It Die", in diesem Jahr erschien "The Reminder"
- Datum 29.05.2007 - 05:17 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2007 Nr. 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren