Lieber Herr Schmidt, als Sie 1975, zusammen mit Valéry Giscard d’Estaing, den ersten Weltwirtschaftsgipfel in Rambouillet einberiefen – hätten Sie sich damals vorstellen können, dass es mal zu Massendemonstrationen und Ausschreitungen kommen würde, ganz egal, wo der Gipfel stattfindet?

Demonstrationen dieser oder jener Art waren auch damals durchaus denkbar. Aber wir haben keinen öffentlichen Aufwand betrieben. Wir haben uns in einem Wohnzimmer getroffen, in einem Schlösschen außerhalb von Paris. Und die Medien wurden über viele Kilometer auf Abstand gehalten. Es kam auch niemand auf die Idee, seinem Mitarbeiter zu sagen: Geh mal raus und erzähl unserer Presse, was ich soeben gerade Kluges geredet habe. Es waren private Treffen, keine riesigen Trosse nahebei. Inzwischen sind die Gipfeltreffen leider verkommen zu Medien-Events, und die Teilnehmer sind selbst schuld daran.

Ist das ein Grund dafür, dass die Treffen so provozieren?

Wahrscheinlich ja. Was da verhandelt werden muss – zum Beispiel Globalisierung oder Rüstung und Abrüstung oder Klima –, ist allerdings schon Reizthema genug.

Wie war denn das bei Ihnen: Der erste Gipfel ist ja unter dem Schock der Ölkrise ins Leben gerufen worden, es war ein Krisengipfel. In den Augen Ihrer Gegner wollten Sie nichts anderes als die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufrechterhalten und den Wohlstand der reichen Länder bewahren.

Ja, das sagen die heute. Das haben die damals noch nicht gesagt.

Was war denn tatsächlich Ihr Anliegen? Haben die Themen, die in Heiligendamm verhandelt werden – Afrika, Armut, Klima –, damals irgendeine Rolle gespielt?

Wir haben darüber nachgedacht, aber diese Themen waren nicht der Grund, den Weltwirtschaftsgipfel zu erfinden. Wir wollten der Gefahr einer durch die Ölpreisexplosion ausgelösten Weltinflation begegnen und den zu befürchtenden ökonomischen und politischen Konsequenzen. Darin waren wir auch erfolgreich.

Was sagen Sie denn heute den Hunderttausenden Jugendlichen, die behaupten, die Industrienationen bewahrten ihren Wohlstand auf Kosten der armen Länder?

Der Vorwurf ist durchaus gerechtfertigt. Andererseits bleibt unklar, wie man diesem Vorwurf entsprechen könnte. Wenn den Entwicklungsländern in Asien, Lateinamerika und Afrika durchgreifend geholfen werden soll, dann müsste das zulasten des Lebensstandards in den wohlhabenden Ländern gehen. Aber hier würden die Regierungen abgewählt, wenn sie eine wesentliche Verringerung des Lebensstandards in Kauf nehmen sollten. Deswegen tun sie es nicht. Hier liegt einer der eingeborenen Fehler der Demokratie.

Ist es ein Erfolg der Globalisierungsgegner, dass sich die G8-Staaten in Heiligendamm mit den Themen Armut, Afrika und Klima befassen?

Das müssen sie in jedem Falle tun, ob mit oder ohne Demonstrationen. Die Proteste sind verständlich, aber sie erleichtern das Geschäft nicht.

Finden Sie nicht, dass der Preis inzwischen zu hoch ist für Weltwirtschaftsgipfel, die hinter Mauern, Stacheldraht und Sperrzäunen stattfinden?

Ja, das hängt damit zusammen, dass die Regierungen viel zu viel Aufwand betreiben. Wenn man sich im kleinen Kreis irgendwo weit weg in der Landschaft träfe, so wie früher…

Aber Heiligendamm ist ja auch weit weg.

Nein, Heiligendamm ist dicht bei Berlin und dicht bei Hamburg, in einem hochbevölkerten Staat, nämlich in Deutschland.

Sollen sie sich denn auf dem Mond treffen?

Ja, oder wie einst auf einer Insel oder in einem Golfhotel, weit abgelegen in einem Tal zwischen hohen Bergen.

Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo