Kino Archäologie der AngstSeite 2/2

Denn zu jedem seiner Morde, mit denen er sich von der Peripherie des Napa Valley und der Bay Area langsam bis ins Zentrum von San Francisco vorarbeitet, bekennt sich der gesichtslose Täter und schickt zugleich ein Rätsel an den San Francisco Chronicle und ein paar andere Zeitungen, eine kryptische Botschaft von Zeichen, Buchstaben, Symbolen, die auf der Titelseite gedruckt werden soll – wobei auch hier die Lösung des Rätsels weniger wichtig ist als die simple Tatsache des medialen Störfeuers. Fincher und sein Kameramann Harry Savides, dessen Bilder eine zeitentrückte, schattenhafte Erwachsenheit haben, verbringen darum auch viel Zeit in Zeitungsredaktionen, sie verwenden viel Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie Nachrichten damals hergestellt wurden, wie Kommunikation funktionierte oder eben noch nicht funktionierte. Der schwere Telefonhörer, das altmodische Autoradio, der naive, wohlmeinende Fernsehmann, die bürokratischen Hürden in der Steinzeit des Datenverkehrs: Erst wenn die Tat an die Öffentlichkeit gerät, die sich damals zögerlich formierte, entsteht das Virus, das eine Gesellschaft erfasst und lähmt.

Wie Fincher nun diese Geschichte erzählt, mit welcher Ruhe und Sicherheit, ist verblüffend zu sehen; vor allem, wenn man sich erinnert, wie hilflos er in Panic Room agierte, als selbst das so begnadete Angstgesicht von Jodie Foster leer und leblos blieb. In Zodiac zeigt sich nun, dass Fincher nicht nur ein formbesessener Stilist ist, sondern ein Regisseur, der Schauspieler extrem gut führen kann. Robert Downey Jr. zeigt einmal mehr, dass er der große vergessene Schauspieler seiner Generation ist, die Leinwand wölbt sich fast nach vorn, mit solcher Lust und Wut drängt er sich in den Film. Mark Ruffalo ist der getriebene, verzweifelte, verlorene Inspector Toschi, der noch Jahre nach den letzten Morden den Täter verfolgt, ihn schon gefasst hat, dann aber wieder gehen lassen muss. John Carroll Lynch ist der freundlichste Bösewicht, den man sich denken kann. Und Jake Gyllenhaal findet solch eine zarte Verstörtheit für den Cartoonisten Graysmith, dass man es kaum merkt, als sich seine Frau, schön bebrillt gespielt von Chloë Sevigny, aus seinem Leben schleicht. Er hat es ja selbst kaum gemerkt.

Diese Obsession, diese Verlorenheit an die Macht des Mythos bestimmt den zweiten Teil, der mäandernd ausgreift und der Zeit ihren Raum gibt; Fincher stellt diesen Zeitaspekt deutlich aus, er gibt jeden neuen Tag präzise mit Untertitel an, er bildet den Wandel ab im Bild eines Hochhauses, das im Zeitraffer entsteht.

Aber die Zeit vergeht. Was bleibt, ist allein die Angst; und eben die Besessenheit, die all die Menschen erfasst hat, in deren Leben sich der Zodiac-Killer gefressen hat. Die Pointe bei der ganzen Sache ist, dass der Mythos die Geschichte überdeckt – und damit die mögliche Lösung des Falles. Denn, und da greift Fincher zurück auf den Anfang, so unschuldig, wie sie wirkten, waren die beiden ersten Opfer gar nicht. Der Tod ist eben doch selten zufällig; er ist ein grausames Mittel, die Welt zu ordnen.

 
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