Die Amerikaner wollen beim G8-Gipfel auf keinen Fall etwas Verbindliches zur Bekämpfung des Klimawandels vereinbaren. Das trifft sich gut, denn auch in Deutschland hat die neueste und bisher größte Klimawelle ihren Höhepunkt soeben überschritten. Wie das mit der öffentlichen Erregung eben so ist: Erst wird ein Thema hochgejazzt bis an die Schwelle der kollektiven Hysterie, und danach wird dann mit ähnlich heißem Atem vor ebendieser Hysterie gewarnt. Mittlerweile innerhalb weniger Wochen im selben Nachrichtenmagazin.

Da bedarf es keiner besonderen Prognosekraft, um vorauszusagen, dass im Falle eines Scheiterns beim Gipfel auch die übliche Merkel-Kritik umgedreht wird. Hieß es bisher, sie interessiere sich nur für Macht und nicht für Inhalte, so werden in einer Woche alle kopfschüttelnd fragen, wie sie sich um Himmels willen so verkämpfen konnte, das deutsch-amerikanische Verhältnis dabei schwerstens beschädigend, und das alles nur für dieses überschätzte und überhitzte Thema Klima. Viele werden den Streit als den folgenreichsten deutsch-amerikanischen Konflikt seit dem Irakkrieg werten. »Schrödert Merkel?«, so wird dann besorgt getitelt.

Die drängendste Frage, die sich im Vorfeld des G8-Gipfels stellt, lautet allerdings: Gibt es einen anderen Maßstab für das Handeln der Kanzlerin als das selbstreferenzielle diplomatische Gipfelvokabular? Angela Merkels Glaubwürdigkeit zum Beispiel? Und: Gibt es eine Realität jenseits von Moden, Taktik und Erregung?

Das Schönste zuerst: Es droht kein Weltuntergang und auch nichts, was dem nahekäme. Was droht, wenn nicht entscheidend umgesteuert wird, ist eine Erwärmung der Erdatmosphäre, die so rasch verläuft, dass Mensch und Natur erheblichen Schaden davontragen werden. Die Kosten dieser Entwicklung sind um Größenordnungen höher, als es die Kosten des Umsteuerns wären. Nichts oder wenig zu tun wäre also extrem irrational.

Und es wäre, zweite gesicherte Erkenntnis, zutiefst ungerecht. Denn diejenigen, die am wenigsten zur Erwärmung beitragen, werden am meisten unter ihr zu leiden haben. In den kommenden Tagen wird eine große Kakofonie zum Verhältnis von Klima und Fairness anheben. Die Amerikaner werden sagen, sie hätten zuletzt immerhin CO₂ reduziert, die Europäer werden auf ihre ehrgeizigen Ziele hinweisen und die Chinesen darauf, dass sie ins große Verschmutzungsgeschäft eben erst eingestiegen sind und somit ein enormes Nachverschmutzungsrecht haben.

Das alles ist verwirrend, jeder hat irgendwie einen Punkt, und alle zusammen haben wieder unrecht. Aber ganz so kompliziert ist es nun auch nicht. Die Formel zur globalen Klimagerechtigkeit kann sich jeder merken, sie lautet schlicht: 20-10-4-1. Das heißt: Zurzeit kommen auf einen Amerikaner zwanzig Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, auf einen Europäer zehn, auf einen Chinesen vier, auf einen Afrikaner kommt eine. Wären die Europäer nicht an politischen Erfolgen interessiert, sondern an moralischer Rechthaberei, dann würden sie den Amerikanern sagen: Solange ihr nicht halbiert habt, tun wir gar nichts. Natürlich argumentiert auch die amtierende EU-Präsidentin so nicht, weil sonst nur eine Spirale des Nichthandelns in Betrieb gehalten würde. Aus dem siebten Stock des Kanzleramtes hört man es zurzeit so: »Niemand wird Fortschritte machen, wenn man die Amerikaner in die Ecke stellt.«

Auf der anderen Seite kann Merkel ihre Klimapolitik nicht allein am deutsch-amerikanischen Verhältnis ausrichten, also nur nach Westen schauen. Schließlich hören die im Osten und im Süden alles mit. Und wenn die G8, die Gruppe der reichsten, auch emissionsreichsten Länder der Erde, in Heiligendamm nicht mehr zustande bringt als dünne Buchstabensuppe, so wird der Rest der Welt die Arme verschränken und sagen: Dann eben nicht.