Zum Jubiläum ein Nobelpreisträger, das scheint dem Anlass gerade gerecht zu werden. Als die kommunale Veranstaltungsreihe Wiener Vorlesungen zu Beginn dieser Woche in ihr zwanzigstes Jahr ging, reiste der amerikanische Neurowissenschafter Eric Kandel, geboren 1929 in Wien, zu einem Festvortrag im Wiener Rathaus an. Sowohl die Person als auch das Thema des Referenten, der über Biologie und Kultur der Erinnerung sprach, symbolisieren, wofür dieses außergewöhnliche Forum stehen möchte. Einerseits soll es Natur- und Geisteswissenschaften eine Schnittstelle mit der urbanen Öffentlichkeit bieten, anderseits will es sowohl an die Vertreibung des Geistes aus Wien nach der NS-Okkupation vom März 1938 erinnern als auch die Vertriebenen wieder mit ihrer ursprünglichen Heimatstadt wenn schon nicht versöhnen, so doch zu einem konstruktiven Dialog verführen. Im traditionell wissenschaftsfeindlichen Wiener Klima ein ehrgeiziger Anspruch.

Doch nach zwei Jahrzehnten kann die international ziemlich einzigartige Vorlesungsreihe auf eine beachtliche Bilanz verweisen: 20 Jahre, 1000 Veranstaltungen, 3000 Vortragende aus allen Teilen der Welt, 250 Buchpublikationen, in denen viele der Vorträge veröffentlicht wurden. Die meisten der Vorlesungen, die häufig bei freiem Eintritt in der Kathedralen-Atmosphäre des neugotischen Festsaales im Rathaus gehalten werden, finden überraschend regen Zulauf. Selbst wenn ein britischer Gelehrter in englischer Sprache an einem sonnigen Samstagnachmittag zu dem komplexen Werk des Mathematikers und Logikers Kurt Gödel referiert, ist der Saal mit mehr als tausend Zuhörern gut gefüllt, die dem begrifflichen Hochseilakt folgen.

»Mir reicht es nicht, wenn die Leute nur artig lauschen«, sagt Hubert Christian Ehalt, Wissenschaftsreferent der Stadt und Gründer sowie rastloser Organisator der Vorlesungen, »ich bin erst dann zufrieden, wenn sich die Besucher auch bei komplexen Themen auf Diskussionen mit den Referenten einlassen.« Zu Debatten bot sich reichlich Gelegenheit: mit Jean Baudrillard über Kultursoziologie, mit Pierre Bourdieu über Globalisierung, mit Anton Zeilinger über Quantenphysik, mit Eric Hobsbawm über die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, mit Marion Gräfin Dönhoff über Öffentlichkeit und Moral, mit Bruno Bettelheim über Freud und die Sprache der Psychoanalyse oder mit Ernst Gombrich über das Wesen der Alten Meister. Die Liste mit den Vortragenden der vergangenen 20 Jahre bietet einen beeindruckenden Querschnitt durch die Elite der scientific community, und wenn Ehalt über seinen Alltag erzählt, purzeln die Respekt heischenden Namen von Geistesgrößen im Dutzend und im Minutentakt.

Wird die Welt von einem vernetzten Zahlenspiel zusammengehalten?

Im Büro des 58-jährigen Sozial- und Kulturhistorikers türmen sich überall Bücher und Manuskripte zu Stapeln von gefährlicher Höhe. Wie bei einem Reflexionsgenerator sprudeln aus seinen Sätzen Einsichten, Erkenntnisse und Deutungsmuster. Seinen programmatischen Anspruch formuliert er gerne plakativ: »Aufklärung statt Vernebelung« heißt es da oder »Differenzierung statt Vereinfachung« oder »Auseinandersetzung statt Belehrung«. Doch ebenso wie das Programm seiner Vorlesungsreihe kennt der Mann keine Grenzziehungen oder Berührungsängste. Von der Volkskultur der Wiener Vorstadt spannt er unbekümmert den Bogen zur Erkenntnistheorie, von der Logik zur Religionsphilosophie, von der Gesittung zur Gesinnung. Seine fröhliche Wissenschaft ist ein offenes System, ein merkwürdig labyrinthisches Phänomen, das ungeheuer zahlreiche Zugänge zu besitzen scheint und zu dem ihm unentwegt neue Fragestellungen einfallen – jedenfalls mehr, als es je Antworten geben kann. Liegen die Rätsel der Welt in einem vernetzten Zahlenspiel verborgen? Ist die Entwicklung der Genetik Zufall, oder hat sie Methode? Lauert in dem globalen Ökosystem das Verderben?

Für den leidenschaftlichen Aufklärer ist alles von Interesse, sein Erkenntnishunger unstillbar. Daher jagt eine Vorlesung die andre, auf das Martin-Buber-Kolleg folgt die Charles Darwin Lecture, nach dem Nestroy-Symposium ist das Nobelpreisträgerseminar an der Reihe. Und der Originaltitel der Ringvorlesung zum Jubiläumsjahr vereinigt »Quanten, Gene, Energie, Entropie, Raum, Zeit, Zufall, Konstruktionen, Diskurse, Ethik…«. Fehlt da noch was aus dem Katalog der Hermeneutik?

Im Verständnis der Wiener Vorlesungen ist die Welt der Wissenschaft ein üppig wuchernder Tropengarten, von keinerlei Artensterben bedroht. Orchideenfächer gibt es in ihren Vortragshallen nicht, und wahrscheinlich übt dieses prächtige Vielerlei den großen Anreiz aus, den die Veranstaltungsreihe auf ein stetig wachsendes Publikum ausübt. Wissensvermittlung, das hat Hubert Christian Ehalt bewiesen, muss keine trockene akademische Disziplin, sondern kann durchaus ein Metier sein, das die Neugierde und das Bedürfnis nach Einsicht in das eigene Dasein stillt. »Durchleuchtung der Welt« nennt Ehalt sein Programm.

Schon bevor der Universitätsprofessor in die Stadtverwaltung wechselte, hatte er sein Konzept eines möglichst breiten wissenschaftlichen Diskurses an den Wiener Volkshochschulen erprobt. Schon damals stürzte er sich auf eine Vielzahl von Funktionen: Vortragender, Ideenspender, Herausgeber von Buchreihen, Organisator, Netzwerker. Seit je hat sich Ehalt dabei einer »kämpferischen Wissenschaft« verschrieben, die kritische Positionen gegen Ökonomisierung, Biologismus oder Kulturphänomene im Alltagsfaschismus formulieren will.

Die größte Errungenschaft in diesem Labor für urbanen Wissenstransfer dürfte es aber gewesen sein, die skeptischen Gewaltigen einer Magistratsbürokratie, die ganz auf die Spektakelkultur der Donauinselfeste eingeschworen ist, von der Sinnhaftigkeit einer wissenschaftlichen Vortragsreihe auf hohem internationalem Niveau überzeugt zu haben. Mittlerweile ist es nämlich längst keine Alibiaktion mehr, wenn sich die Aktenfestung Rathaus regelmäßig in eine Stadtuniversität verwandelt. »Mein großer Vorteil«, meint Ehalt, »war es, dass ich in einem Alter in den Dienst der Stadt getreten bin, in dem ich nicht mehr abzudisziplinieren war.« Heute, sagt er, wenn er die einander fremden Stämme aus Forschung, Wirtschaft oder Bürokratie, mit denen er täglich zu tun hat, beobachte, dann fühle er sich mitunter »wie ein Ethnologe«. Des einen Alltagsleid ist eben des anderen Erkenntnisfreude.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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