»Mein Name ist Mary Ellen McCormack. Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Ich darf nicht mit anderen Kindern spielen. Ich war auch noch nie draußen, auf der Straße. Wenn Mama weggeht, sperrt sie mich im Zimmer ein. Ich schlafe auf dem Boden auf einem Stück Teppich. Mama hat mich fast jeden Tag geschlagen und ausgepeitscht – warum, weiß ich nicht. Ich möchte nicht zurück zu Mama.«

Das kleine Mädchen, das im Jahr 1874 vor einem New Yorker Gericht aussagt, sieht aus wie fünf, ist allerdings, wie später festgestellt werden wird, tatsächlich bereits zehn Jahre alt. Es weist am ganzen Körper Spuren von Schlägen und Peitschenhieben auf. An der Stirn ist eine klaffende Schnittwunde zu sehen, die, so erklärt Mary Ellen dem Gericht, von einer Schere stammt, mit der ihre Stiefmutter Mary McCormack, die sie »Mama« nennt, sie geschlagen hat. Mary Ellen ist erst vor Kurzem mit Hilfe der methodistischen Gemeindeschwester Etta Wheeler befreit worden – aus einem kleinen verliesartigen Zimmer in einer dunklen engen Wohnung, das sie die letzten sechs Jahre nicht hat verlassen dürfen.

Diese Befreiung war nicht einfach gewesen. Die Polizei hatte zunächst jede Unterstützung verweigert. Sie könne ohne handfeste Beweise nichts unternehmen, und es gebe andererseits auch kein Gesetz, das es erlaube, in die Wohnung einzudringen, um ebendiese Beweise zu sichern. Auch alle anderen Behörden konnten oder wollten nichts tun; Einrichtungen, die sich dem Schutz von Kindern verschrieben haben, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Wheeler war verzweifelt und gab die Hoffnung bereits fast völlig auf – bis ihr ihre kleine Nichte riet: »Wenn du dich so um das kleine misshandelte Mädchen sorgst, dann geh doch zu Mr. Bergh. Schließlich ist das arme Ding wie ein kleines Tier.«

Henry Bergh, wohlhabend und angesehen, Reederssohn und Exdiplomat, war Gründer und Präsident der American Society for the Prevention of Cruelty to Animals, der Amerikanischen Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten gegen Tiere. Auf Bitten von Wheeler nahm er sich des Falles an, und tatsächlich konnte Mary Ellen unter der Mithilfe des mächtigen Mannes und seiner Tierschutzorganisation endlich befreit werden.

Etta Wheeler gelang es, den Fall vor das höchste Gericht der Stadt New York zu bringen. Hier wurde nun die ganze schreckliche Geschichte offenbar.

»Erziehung« mit Rute und Peitsche