Strand Nummer 7 ist schon von Weitem zu hören. Alle 30 Sekunden dröhnt ein gewaltiger Knall durch den Wald aus tropischen Baumriesen. Zwischen ihren fächerförmigen Wurzeln türmt sich frischer Elefantenkot. Raschelnd stößt der Wind durch die schwarzen Blätter. In der schwülen Luft liegt der scharfe Geruch wilder Orchideen. Jenseits des Waldes erkennt man, was da knallt. An der Küste brechen sich bis zu zwei Meter hohe Wellen, die ihre Gischt weit über den Sand spülen. Sie mögen ein Grund dafür sein, dass an dem laut Time magazine »besten Strand Asiens« bis jetzt noch wenig los ist. Einsiedlerkrebse manövrieren ungestört zwischen zerbrochenen Korallen. Weit entfernt stakst ein junges indisches Paar an der Wasserlinie entlang. Vier bemalte Holzboote schaukeln in der Flut.

Barfuß und mit einer Behelfsharpune in der Linken tritt Ross Hyndman aus dem Dschungel in das gleißende Morgenlicht. »Ich bin in Thailand gewesen, in Kambodscha und in Goa. Aber nirgendwo ist die Natur so unberührt wie hier.« Hyndman ist 22 Jahre alt und verdient sein Geld als Landschaftsgärtner in Toronto. Seit fünf Wochen verbringt er seinen Urlaub auf Havelock, »vor allem mit Schnorcheln und Lesen«. Sein erstes Quartier war eine Hängematte am Strand. Mittlerweile leistet er sich eine Bambushütte für zwei Dollar pro Nacht, ausgestattet mit wenig mehr als einer nackten Glühbirne und einem tellergroßen Ventilator. Die Harpune hat er sich auf dem einzigen Markt der Insel bauen lassen: aus einem Bambusstab, einem Fahrradschlauch und einer Metallspitze. »Zwei gigantische Mantarochen habe ich damit schon erwischt.«

Auf die Andamanen fährt man nicht mal eben so. Das tun nicht einmal die Inder. Ihnen gehört der Archipel aus 550 größtenteils unbewohnten Inseln. Doch er liegt in Südostasien, 1200 Kilometer von Kalkutta entfernt. Das nächste Festland ist Myanmar, 200 Kilometer im Norden. In Europa kennt man die Andamanen vor allem durch den Tsunami, der die südlichen Inseln heimsuchte. Viele von ihnen liegen heute unter Wasser. Doch schon viel früher verband man ihren Namen mit Schreckensnachrichten. Ptolemäus, der sie im 2. Jahrhundert kartierte, nannte sie »Kannibalen-Inseln«. Auch Marco Polo, der niemals dort war, erklärte ihre Bewohner zu »hundegesichtigen Kannibalen«. Die Briten errichteten im 19. Jahrhundert eine berüchtigte Strafkolonie.

Der indischen Regierung schien bis jetzt wenig an einer Imagekorrektur gelegen. Sie schätzte den Archipel als Militärstützpunkt im Golf von Bengalen und ließ ansonsten den Dingen ihren Lauf. Der Hauptort Port Blair auf der südlichen Hauptinsel wirkt, als hätte man ein Stadtviertel Kalkuttas samt all seinen Teeständen, Schuhputzern und Straßenjungen auf einen tropischen Felsen verpflanzt. Fremdenverkehr gibt es allenfalls auf Inseln wie Havelock, das 30 Kilometer nordöstlich liegt.

Doch angesichts des rasant wachsenden indischen Marktes für Tauch- und Badeurlaube und der größeren Aufmerksamkeit aus Europa seit dem Tsunami hat New Delhi beschlossen, das Potenzial seiner jungfräulichen Strände und Korallenriffe zu nutzen. Der Flugverkehr wird ausgebaut. Und wo es bis jetzt gerade einmal 30 Hotels gibt, dürfen 50 weitere entstehen. Internationale Investoren planen auf den Inseln Luxusdomizile. Prompt sind die Grundstückspreise explodiert: Ein Hektar Land kostete auf der Insel Havelock 1987 umgerechnet 20 Euro. Heute liegt der Preis bei bis zu 150000 Euro.

Ross Hyndmans Hüttensiedlung liegt im Osten der Insel. Jeden Tag steigt er in den Linienbus ohne Fensterscheiben, der ihn auf die andere Seite, zum berühmten Strand Nummer 7, fährt. »So habe ich etwas zu tun.« In einer kleinen Bucht, die versteckt hinter einer Landzunge liegt, leben einige Backpacker eine indische Version von The Beach. Zwei Israelinnen braten barbusig in der Sonne, während ihre drei Begleiter einen dicken Joint kreisen lassen. Eine Gitarre lehnt an den ausgebleichten Wurzelstelzen einer Mangrove. Als Hyndman sich zu seinen Bekannten setzt, taucht ein schmächtiger Elefant, gefolgt von einem Mahut in Boxershorts, am südlichen Ende der Bucht auf. Jäh setzt er zum Galopp an und verschwindet im dichten Wald. Unbeeindruckt holt Hyndman ein Schachspiel aus seiner Umhängetasche und baut die Figuren auf. Das gefällt ihm an den Einheimischen: »Sie wollen einem nicht andauernd irgendwas verkaufen.«