DIE ZEIT: Herr Professor Rost, sind Eltern von hochbegabten Kindern zu beneiden oder zu bemitleiden?

Detlef H. Rost: Weder noch. Hochbegabte Kinder sind Kinder wie alle anderen auch.

ZEIT: Haben Sie das vor 20 Jahren geahnt, als Sie mit der Langzeitstudie begonnen haben?

Rost: Nein, ich war offen für jedes Ergebnis. Damals war das Wort »Hochbegabung« ein Unwort. Am Anfang habe ich anonyme Drohungen bekommen, ich wurde in eine rechtskonservative Ecke gestellt.

ZEIT: Heute beklagen Sie dagegen eine Hochbegabtenförderhysterie in Deutschland.

Rost: Ich mache das an den vielen Artikeln und Initiativen fest. Mütter rufen mich an und fragen: »Mein Kind ist zwei Jahre, wie kann ich es optimal fördern?!« Dann sage ich ihnen: »Zu einer normalen Entwicklung eines Kindes gehört das freie Spiel und dass sich das Kind wohlfühlt.« – »Ja, aber es soll ja später einmal Abitur machen!« Das ist kein Witz! Viele Eltern sind hochgradig verunsichert und wollen möglichst früh die Intelligenz ihrer Kinder testen lassen. Aber man geht ja auch nicht zum Arzt, um »nur so« messen zu lassen, wie groß der Fußknöchel vom zweiten Zeh ist. Eine Begabungsdiagnostik ist dann angezeigt, wenn es zum Beispiel darum geht, dass ein Kind eine Klasse überspringt. In unsere Beratungsstelle laden wir nur diejenigen ein, bei denen sich nach einem telefonischen Vorgespräch ein Verdacht auf Hochbegabung erhärtet.