Es ist ein kleiner Roman. 126 häufig nur halb voll geschriebene Seiten, Leerseiten dazwischen, die die Tage ankündigen, an denen eine Füchsin getötet, eine Frau beerdigt, ein Pfarrer verwandelt und ein Geheimnis gelüftet wird. Halb volle Seiten! Doch was heißt das schon, wenn auf einer einzigen Seite mitten im eiskalten Weiß der Schneewehe, wo der Jäger einer ganz raren erdfarbenen Füchsin feststeckt, die keinen Schatten wirft, aber viel Geld einbringt ein Satz alleine steht und ein ganzes Dunkel entfacht: »Die Nacht war kalt und nahm kein Ende.« Das ist die eigentliche Exposition für diesen schaurig-schönen Roman, in dem es jedoch auch »Totensonnen« (»so nennen die Dichter ihren Freund, den Mond«, heißt es) und andere Lichtpunkte gibt, die dazu führen, dass »sich das Glück dieser Erde zu verdoppeln« scheint.

Sigurjón B. Sigurdsson, als Autor kurz Sjón, ist in Island nach einer Reihe von Lyrikbänden, Romanen, Songtexten für Björk und dem Drehbuch für Lars von Triers Dancer in der Dark kein Unbekannter mehr. Wir werden von ihm mitgenommen in den isländischen Januar 1883, auf die Hochebene von Asheimar und in das Dorf Dalur, wo Menschen, Geist und Geld genauso rar sind wie diese erdfarbenen Füchse - die Gletscher, die Kälte und die Ausdauer eines Jägers und das Herz eines einzigen Menschen aber sehr groß.

Eigentlich ist es zu spät für die isländische Saga, sie wird zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert angesiedelt, aber eben nur eigentlich.

»Erdschwarze Füchse sehen Steinen so verblüffend ähnlich, dass es wie Hexerei erscheint«, heißt es im ersten Satz des Romans, und tatsächlich ist das Jahr 1883 hier in der isländischen Kälte dem Mittelalter ähnlicher als jener Zeit, in der man den Menschen längst heraus glaubt aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Wir befinden uns in einer Gegend, in der Naturgewalten über den Menschen herrschen, Jäger in die Seele der Tiere schauen können (vice versa), in der Kindern mit Down-Syndrom direkt nach der Geburt Mund und Nase zugehalten werden und die Elektrizität im Widerstreit mit Gott steht.

Und gäbe es nicht einen, der mehr wissen will und eine zuvor wie ein Tier gehaltene junge Frau bei sich aufnimmt, um ihr ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, wäre kein Drama zu erzählen, keine noch so leise Liebesgeschichte, und ein Geheimnis würde auch nicht gelüftet. Das ist Fririk B. Frijónsson, Pflanzenforscher, Gelehrter, Aufklärer und Opiumpfeifenraucher nach französischem Vorbild, der von seinen Eltern das Hofgut Brekka in Dalur geerbt hat - vielleicht ist er auch das Alter Ego des klugen Erzählers Sigurjón B.

Sigurdsson.

Als die junge behinderte Frau stirbt, Abba, die eine eigene Sprache pflegt, Vogelfedern sammelt und in ihr Buch »DiE Voegl dER WelT von Abba auf breKKa« einsortiert, beginnt die Natur sich zu bewegen, und ebenso verbirgt sich hier, im eigentlich schon zweiten Teil des Romans, der Beginn der Handlung. Aber da hat der Erzähler uns längst fortgerissen, denn genauso geschickt, wie er den Jäger und die Füchsin im Schnee miteinander ein Versteckspiel treiben lässt, führt er uns leichtfüßig, anschaulich und eigenwillig rhythmischen Schrittes hinein in das unmittelbare Geschehen der Geschichte, die im ersten Teil nur von einer Nacht im Schnee, von einem Finger auf dem Gewehrabzug erzählt und davon, dass der Jäger der Pfarrer Baldur Skuggason ist.

(Nach dem übrigens die Originalausgabe Skugga-Baldur benannt ist, für die Sjón 2005 den Literaturpreis des nordischen Rates erhalten hat.)

Der Pfarrer nun aber ist jener, der mit den Tieren sprechen kann und nächtlichen Träumen glaubt (sein Verhängnis!), aber er ist auch einer, an dem etwas gerächt werden muss. Wie anders soll man sonst lesen, wie hier Naturgewalten: Schnee und schließlich Lawinen, einen wahrhaft über die Gletscher beuteln, bis er schließlich, verletzt und eingeklemmt in einer Felsspalte, kurz bevor der Tod kommt, im Delirium eine junge Frau und schließlich die tote Füchsin auferstehen lässt, in deren Fell er schlüpfen wird. Aber da sind wir noch nicht am Ende. Bis hierhin könnte man meinen, die Natur räche sich für jenen Gewehrschuss, der das rare und deshalb in doppeltem Sinne kostbare Tier tötete, denn »der Berg warf den Gewehrschuss zurück«. Aber es gibt weitaus mehr zu rächen, und man hat allen Grund zu vermuten, dass Fririk, der Ziehvater von Abba, seine aufgeklärte Intelligenz gegen die Kraft archaisch-religiösen Denkens einzusetzen weiß. Das Bewusstsein ist Fadenzieher jedes Handelns, sei es zwischen dem Jäger und der Gejagten, zwischen Vorkämpfer und Widerpart, das Unbewusste ist eine Marionette, Schicksalsfigur oder ihr Handlanger.

Wie man es schafft, diese Zusammenhänge in einen so kleinen Roman einzubetten, führt uns Sjón in seinem Schattenfuchs (das ist Pfarrer Baldur) vor: Kraftvoll knapp sind seine Figuren gezeichnet, mit sparsam gesetzten Leitmotiven werden Verschränkungen, Spiegelungen, die Verwandlung des Jägers in den Pfarrer und schließlich in die Füchsin so kunstvoll erzählt, dass man einfach nur sagen kann: Chapeau, oder: Runter mit der dicken Mütze!

Und so zärtlich, wie jene Abba heimlich in ihrem Wäldchen und mit dem liebsten Buch auf der Brust, würde man gerne auch selbst einmal beerdigt werden - wenn das schon sein muss. Schattenfuchs ist ein ganz großer Roman!

Sjón: Schattenfuchs

Roman - aus dem Isländischen von Betty Wahl - Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2007 - 126 S., 16,90 Euro