Das Wesentliche war schon entschieden, der Ruhm, das Vermächtnis, das eigene Sterben, da kam Jörg Immendorff auf ein Märchen zu sprechen, das ihn in diesem unerträglich heißen Sommer des Jahres 2006 beschäftigte wie ein heiterer verhängnisvoller Spuk: »Des Kaisers neue Kleider«, sagte er, »Andersen, korrekt? Davon träume ich seit Wochen.«

Hätte er sich aus eigener Kraft noch umblicken können, wäre sein Blick auf das kleine Malpult gefallen, an dem seine Tochter Ida mit Buntstiften große, spitz gefaltete Linien über einen kleinen grauen Block zog.

Jörg Immendorff war von vielen, ihm nicht immer unwillkommenen Dämonen besessen, von Geistern, die ihm das geniale Zeichnen, das ironische Nachahmen, das provokante Übelnehmen, das Nichtvergessen, die Unsterblichkeit, das höhnische Herausfordern und die künstlerische Überhöhung geschenkt hatten. Am wohlsten fühlte er sich, wenn er den Befund stellen konnte: »Korrekt!« Das Eigenschaftswort stand für eine Familientradition, in der Strenge nicht verpönt war, für einen Vater, der Uniform getragen hatte, für das Verständnis von einem Deutschland, dem der Adler stets näher stand als die Taube, am meisten jedoch für ein untrügerisches Urteil über die angemessene Form einer künstlerischen Aussage. Einer Aussage über das Schöne in der Welt, den fehlenden Gott oder die Wahrheit der Kunst. Da Immendorff kein Schriftsteller war, konnte er sich sprachliches Pathos leisten.

Da hilft uns jetzt nur noch Kunst«, lautete einer dieser Sätze, und er war nicht im Entferntesten ironisch angelegt. Kunst, so glaubte, so handelte, so beharrte Immendorff, stellt, wenn sie »korrekt« betrieben wird, die gesellschaftlichen Verhältnisse vom Kopf wieder auf die Füße, erzählt die wahre Geschichte, entfernt den Tüll der Ideologie oder der Kunstkritik. Sie sagt, was Sache ist. Kunst ist nüchterner Zauber, Humor ist allerdings willkommen.

Geschmeidigkeit gehörte von jeher zu seinen Stärken

Von dieser Art Künstler hat es in Deutschland beileibe nicht viele gegeben. Dass er, der Schwerverkäufliche, bereits zu Lebzeiten gefeiert, gewürdigt und materiell hinlänglich abgesichert wurde, gehört zu den Verdiensten des sonst eher windigen Betriebs, in welchem Immendorff seiner selbst gestellten Aufgabe nachging. Naturgemäß war das kein gradliniger Weg. Mit seinen dadaistischen Aktionen unter dem Signum LIDL verschaffte er sich 1968 als junger Künstler einen wenig ruhmreichen Abgang von der Düsseldorfer Kunstakademie, einer damals zeitgemäß begriffsstutzigen Institution, die sehr spät verstand, welche Kraft sie da von sich abkappte. Der Bildzyklus Café Deutschland, der später als erste entscheidende Stufe zu Immendorffs Ruhm erklärt wurde, entstand zwischen 1977 und 1983 zu einer Zeit, als nur wenige Besucher von Kunstausstellungen die Teilung unseres Landes als einen Zustand betrachteten, dem jenseits des Feiertags am 17. Juni besondere Achtung zu schenken wäre. Die monumentale, die visionäre Skulptur Brandenburger Tor hat es nur bis Aachen, nie aber nach Berlin geschafft. Die Verlockungen des Diabolischen schließlich, das Leitmotiv, wie die Malerbiene oder die Künstleraffen, die durch alle großen Werke geisterten, sind von der wortflinken Kunstkritik meist nur als rheinischer Jux wahrgenommen worden. Das bürgerliche Geschäft hätte eben lieber einen Künstler ohne seine vermeintlichen Schattenseiten gehabt, ohne Weibergeschichten, Drogen, Klunker um die Finger, Wirtshaus auf St. Pauli oder die Anteilnahme der Hamburger Gossenpresse.

Als Immendorff die Krankheit, die ihn zum Tode führte, begriff, legte er die Scheu ab, sich zu seiner großen Liebe zu bekennen. Er ließ Gemälde erstellen, in denen er sich endlich gestattete, einer Gemeinschaft beizutreten, der er stets zugehörte. Es war die Gesellschaft der großen deutschen Maler wie Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien, der Zeichner wie William Hogarth. Jetzt bat er die Kollegen, die Geistes- und Geschmacksverwandten in sein Atelier nach Düsseldorf auf die sorgfältig grundierte Leinwand, auf das Bild im Computer, ohne seine eigenen künstlerischen Beiträge zu vergessen. Je karger seine Körpersprache wurde, desto grandioser wurde die Sprache der Bilder. Durch einen bösen Zug des Schicksals war Immendorff in jener Umgebung angelangt, in die er immer schon gehörte, zu der er sich aber lange den Zutritt versagt hatte. Regisseur wollte er bereits als Tanzeleve in Hannover sein. Geschmeidigkeit gehörte von jeher zu seinen Stärken.