Laut Zbigniew Brzezinski gibt es nur ein machtpolitisches Szenario, das den USA Angst machen muss: eine Koalition zwischen China, Russland und Iran. Was der einstige Sicherheitsberater Jimmy Carters als den einzig bedrohlichen antihegemonialen Akteur ins Auge fasst, deckt sich geografisch mit dem Raum, den das Mongolenreich in der Zeit seiner größten Ausdehnung kontrolliert hat. Dieser Raum ist zugleich mit den Regionen identisch, die der britische Geopolitiker Halford John Mackinder als pivot area, als Angel der Weltherrschaft, ausgemacht hat. Mackinder war darin der theoretische Gegenspieler des Amerikaners Alfred Thayer Mahan, der auf die See als den Schlüssel der Weltherrschaft gesetzt hat. Für Mackinder ging es darum, die Herren der pivot area von der offenen See wegzuhalten - Mahan hingegen setzte darauf, dass die großen Seemächte nicht nur die offene See, sondern auch die Küstenregionen kontrollierten. Was Iran anbetrifft, so laufen beide geopolitischen Konzeptionen auf dasselbe hinaus: Er darf unter keinen Umständen Bestandteil einer antiamerikanischen Koalition werden.

Brzezinskis Überlegungen sind freilich weniger geopolitisch als stärker geoökonomisch grundiert. Was die sino-russisch-iranische Koalition in seinen Augen für die USA bedrohlich macht, ist die Verbindung zwischen dem Fleiß der chinesischen Bevölkerung, den vielfältigen Ressourcen Russlands und seiner Lage als nordasiatische Landbrücke sowie den Öl- und Gasreserven Irans und der Kontrolle des Mittleren Ostens. Brzezinski hat seiner Warnung freilich den Hinweis hinzugefügt, dass eine solche Koalition nur bei einer Abfolge verheerender Fehler der amerikanischen Politik zustande käme.

Sicherlich darf man den russisch-chinesischen Widerstand gegenüber den von den Amerikanern im UN-Sicherheitsrat angestrebten Iransanktionen nicht mit einer solchen Koalition verwechseln - tatsächlich gibt es zwischen den dreien erhebliche Interessengegensätze. Aber dass derlei überhaupt denkbar wird, zeigt gravierende Mängel in der amerikanischen Strategie an.

Nun könnte man einwenden, die seit einem Vierteljahrhundert notorisch konfrontative Politik der USA gegenüber Iran sei eine Konsequenz dessen und keineswegs ein Verstoß dagegen: Wenn die Herausforderung darin besteht, dass zum wiedererstarkten Russland und dem aufsteigenden China als dritter Partner Iran hinzukommt, so folgt daraus, dass, erstens, Russland und China auf Abstand zueinander zu halten sind, was Washington seit den siebziger Jahren durchaus gelang, und, zweitens, Iran entweder die Rolle einer regionalen Großmacht verwehrt oder er auf die eigene Seite gezogen werden muss. Die US-Politik neigt im Grundsatz eher dazu, Iran den Aufstieg zur Vormacht zur versperren. Das zeigt die amerikanische Drohung, notfalls auch mit militärischen Mitteln gegen das iranische Nuklearprogramm vorzugehen, die weitgehende Beschränkung iranischen Zugriffs auf westliche Technologie und schließlich der Versuch, durch den Regimewechsel in Bagdad einen politisch attraktiven Gegenspieler in der Region aufzubauen. Das war nicht immer so: In den Zeiten des Schahs galt Iran als verlässlicher Bündnispartner des Westens. Seit der iranischen Revolution jedoch setzen die USA, von zaghaften Annäherungen in der Clinton-Ära abgesehen, auf Konfrontation, ohne damit ihr Ziel wirklich zu erreichen: den Iran schwach und isoliert zu halten.

Der jüngste Irakkrieg erscheint angesichts des strategischen Dilemmas der USA in einem anderen Licht. Wie können die Amerikaner ihr irakisches Desaster beenden oder sich zumindest daraus zurückziehen, ohne in der Folge Iran Vorteile zu verschaffen? Der Stillstand in der US-Debatte über einen Rückzug aus dem Irak ist nicht zuletzt eine Folge dessen. Hätte bloß der politische Einfluss neokonservativer Ideologen die westliche Vormacht nach Bagdad geführt, so müsste man nur zur Sichtweise des politischen Realismus zurückkehren, um das Irakengagement zu beenden. Aber es gibt keine den Irak betreffende Entscheidung, die nicht zugleich eine für Iran wäre. Und diese ist, wenn Brzezinskis Diagnose zutrifft, eine über die weltpolitische Position der USA. Deswegen sind auch die aus der Perspektive des Realismus formulierten Vorschläge zur amerikanischen Mittelostpolitik eher vorsichtig und tastend.

Der Irakkrieg hat die amerikanischen Optionen gegenüber Iran erheblich eingeschränkt. Eine der Schwächen des Plans war, den destruktiven Einfluss der Nachbarn auf das irakische Projekt nicht genügend ins Kalkül einzubeziehen. Die außergewöhnliche Begegnung von amerikanischen und iranischen Diplomaten in Bagdad vom Wochenanfang wirkt da wie eine sehr späte Einsicht. Es war naheliegend, dass weder Syrien noch Iran an einem Erfolg der USA im Irak interessiert sein konnten trotz der erbitterten Feindschaft, die sie von Saddam Hussein trennte: für Syrien, weil damit die Herrschaft des Assad-Clans infrage gestellt wurde - für Iran, weil ein Gelingen des amerikanischen Irakprojekts den Einfluss Irans in der Region dauerhaft gefährdet hätte. Man musste also damit rechnen, dass beide Mächte alles daransetzen würden, den Irak zu destabilisieren. Ein Zerfall würde Iran zwangsläufig zur Vormacht der Region machen.

Wie lange die Amerikaner ihre Politik im Irak noch durchhalten, entscheidet also über die machtpolitische Position Irans in der Region. Und die Zeit spielt für Teheran: Man muss eigentlich bloß abwarten, bis die USA von den fortgesetzten Rückschlägen zermürbt sind und ihre Truppen abziehen. Es wäre nicht nur für Amerika, sondern den Westen insgesamt verhängnisvoll, wenn sich der Aufstieg Irans im Zeichen einer antiwestlichen Politik vollzöge. Die amerikanische Militärpräsenz im Irak und die Chancen zu einem Wechsel der Iranpolitik sind zeitlich deckungsgleich. Das ist keine komfortable Situation für den Westen.