Als Gitarrist hat sich David Torn lange Zeit versteckt gehalten. Er saß in Studios, spielte, bastelte, fabrizierte Texturen für Filmkomponisten wie Ryuichi Sakamoto, Carter Burwell und Mark Isham, schrieb Soundtracks für Steven Soderbergh und Martin Scorsese, garnierte Pop-Alben von David Sylvian, David Bowie, Tori Amos. Doch seinen eigenen Namen hielt Torn eher im Hintergrund. Wenn man einmal davon absieht, dass er neben all der hoch organisierten Studioarbeit eine Band unterhielt: Prezens, wie die Zeit, die es nicht gibt. Immer gerade vorbei, verbrannt, versprengt.

Prezens ist ein hoch energetisches Quartett und eine kompromisslos improvisierende Band, die, wie er sagt, seinen »Traum der idealen Gruppe« verwirklicht, »einer Gruppe von Individualisten, jeder für sich voller Selbstbewusstsein, jeder auf den anderen eingestimmt«. Im Studio hat Torn deren Improvisationen aufgezeichnet und mit Hilfe von Sampler und Sequencer ein Album komponiert, das sich anfühlt wie das Kondensat einer langen Entwicklung, klar strukturiert, ungeheuer reichhaltig und für den schnellen Genuss viel zu verdichtet.

Man muss sich Prezens, das Album, gönnen. Man muss sich die verschiedenen Soundschichten im Ohr zergehen lassen, muss ihnen die Zeit zugestehen, sich zu entwickeln und die eingeschlossenen Klangaromen freizusetzen: wie die Hammondorgel von Craig Taborn in die Richtung von Tony Williams epochalem Trio Lifetime winkt, wie Tim Bernes Saxofon in allen Lagen zwischen gebundenem Jazz und freier Improvisation gleichzeitig Spannung und Kontrolle verspricht, wie Tom Raineys Schlagzeug vital und feinsinnig die Rhythmen umkreist. Und natürlich all die Anspielungen von David Torn selbst, der eher als lebendiger Gitarrensampler agiert denn als ein Virtuosen-Egomane alter Schule. Jimi Hendrix und Wes Montgomery bilden das Fundament, darüber schichten sich Querverweise auf Fred Frith, Bill Frisell, Adrian Belew, Marc Ducret, Elliott Sharp: auf die lange Reihe jener, die der E-Gitarre neue Klänge abgerungen haben. Garstig und wild kann diese Mixtur werden und im nächsten Moment sanft und einschmeichelnd, neblig verhangen und dann wieder glasklar und scharf, klassisch und ausgewogen in der Form. Dahinter verschwindet einmal mehr der Name ihres Schöpfers: David Torn.

David Torn u.a.: Prezens (ECM 1877)