Geht es der SPD jemals richtig gut? Man kennt sie eher im gefühlten Zustand der Dauerkrise als in jenem der Selbstzufriedenheit. Im Augenblick hat die Partei tatsächlich Probleme: Der demografische Wandel trifft sie mit voller Wucht, sie schrumpft und schrumpft. Die Sozialdemokraten stellen nur noch in fünf von sechzehn Ländern den Regierungschef. Der erkennbare politische Nachwuchs schwankt zwischen freiwilliger Überanpassung und einer zähneknirschenden Loyalität zum Führungspersonal. Was die SPD in der Großen Koalition beschließt von der Einführung der Rente mit 67 über die Senkung der Unternehmenssteuern bis zu Tornado-Einsätzen in Afghanistan , kommt im eigenen Lager wesentlich schlechter an als bei den Unionsanhängern.

Vor zwei Wochen (ZEIT Nr. 21/07) hat Bernd Ulrich nach den Gründen für den schlechten Zustand der SPD geforscht. Sein Befund: Die Sozialdemokratische Partei habe sich für »nationales Selbstmitleid« statt für »internationale Solidarität« entschieden - außerdem lege sie ihren Anhängern nicht eindeutig genug »Verzicht« nahe, um die Ökokatastrophe abzuwenden. Beides untergrabe ihr »moralisches Fundament«. Ist die Diagnose richtig? Und vor allem: Legt sie nicht eine Therapie nahe, die nur eins sicher bewirken wird nämlich den Patienten umzubringen?

In der Ökologiefrage favorisiert die SPD schlicht eine andere Strategie als die ihr anempfohlene heroische Verzichtsethik. Sie wirbt für eine Effizienzrevolution in der Nutzung von Energie, Material und Rohstoffen und für den Ausbau erneuerbarer Energien Vorgehensweisen, die Deutschland zu einem internationalen Spitzenreiter in Sachen Ökoeffizienz gemacht haben. Sie will wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung den Atomausstieg weiter betreiben. Darüber hinaus propagiert die SPD einen nachhaltigen Fortschrittsbegriff, der Wachstum nicht allein quantitativ begreift. Was sie nicht äußert, ist die explizite Empfehlung an ihre Anhänger, weniger sinnlose Konsumgüter zu kaufen. Das mag man ihr vorhalten aber wo hat diese Form der volkspädagogischen Gardinenpredigt jemals Erfolg gehabt? Und ist es nicht auffällig, dass keine andere Partei, auch nicht die Grünen, mit Askeseempfehlungen um Stimmen wirbt?

Wie sieht es weiterhin mit dem Vorwurf der mangelnden »internationalen Solidarität« aus? Richtig ist sicher, dass Sozialdemokraten sich mit dem größten nationalen Solidaritätsprojekt der vergangenen Jahre, mit der deutschen Einheit, schwertaten. Aber war es wirklich die Angst, für »den Fortschritt der da im Osten« einen Preis bezahlen zu müssen?

Oder fremdelte die SPD aus rein politischen Gründen: Weil ihre maßgeblichen 68er-Vertreter die Zweistaatlichkeit so tief verinnerlicht hatten, dass »deutsche Einheit« für sie undenkbar war?

Man kann es für einen schweren Fehler halten, dass noch 1987, nur zwei Jahre vor der Maueröffnung, das SPD-SED-Papier unterzeichnet wurde (»Der Streit der Ideologien um die gemeinsame Sicherheit«), aber ein Beleg für Besitzstandswahrung und mangelnde Bereitschaft zum Teilen ist das nicht.

Für Dritte-Welt-Läden und fair gehandelten Kaffee hat die SPD bis heute Sympathie bewahrt, aber hauptzuständig war sie für diese Form der Solidaritätsbekundung nie. Und darüber hinaus? Womit lässt sich das angebliche Solidaritätsdefizit der Sozialdemokraten belegen? Etwa damit, dass sie die Globalisierung nicht genug bejubelten? Wäre tatsächlich Emanzipation zum Beispiel der Werktätigen in China, Indien, Afrika der Kern des Globalisierungsprozesses, dann hätten sich die Genossen natürlich uneingeschränkt zu freuen über »Millionen Arbeitnehmer, die mehr und mehr zu Wirtschaftssubjekten von Bedeutung werden«. Kein Sozialdemokrat wird denn auch dem chinesischen, indischen, afrikanischen Arbeiter sein karges Auskommen und sein Streben nach Glück verübeln aber er wird es deutschen Unternehmern, Lobbyverbänden und Wirtschaftspublizisten verargen, wenn sie die Not anderswo gegen den Wunsch der Arbeitnehmer hierzulande ausspielen, von ihrer Arbeit (bei hiesigen Preisen) auch leben zu können. Die osteuropäischen Gastarbeiter, die auf deutschen Schlachthöfen schuften und in Containern gehalten werden wie Leibeigene sollen sie dem anspruchsvollen deutschen Arbeitnehmer ein Vorbild an Bescheidenheit sein?