Paul McCartney möchte man sich als als glücklichen Menschen vorstellen, mit Kindern und Kindeskindern auf dem Schoß vor dem Kaminfeuer sitzend, wie er es selbst in einer seiner berühmtesten Songidyllen vorausgeträumt hat. Das Personal dazu wäre vorhanden, und Geld spielt bekanntlich keine Rolle mehr. Doch obwohl er im Juni tatsächlich 64 wird so ist der Mann nun einmal nicht strukturiert.

Statt sich zurückzulehnen und fünfe gerade sein zu lassen, muss er den Stein des Erbes um und um wälzen. Noch ist Love, die Beatles-Zerlegung vom letzten Weihnachtsfest, nicht aus den Läden verschwunden, da überrascht er schon wieder mit einem neuen Solowerk. Spekulationen, es handle sich um eine Abrechnung mit seiner zukünftigen Exfrau, sind grundlos. Kein Wort über Heather »The Bitch« Mills. Auf Memory Almost Full besinnt sich McCartney ganz auf seine Kernkompetenz: die Herstellung und Verwaltung beatlesähnlichen Materials.

Dass er darin inzwischen ein einsamer Meister ist fast hätte man es sich denken können. Pauls Neueste ist ein schillerndes, reich koloriertes, dabei wunderbar überraschungsfreies Alterswerk, das ganz von der generösen Geste des Erinnerns lebt. Weils so schön war damals mit den Jungs, kommt alles in großen, bunten Flocken noch einmal einhergeflogen, die Geigen aus Eleanor Rigby, die Gitarre aus Helter Skelter, das abgehackte Piano aus Martha, My Dear. McCartney, schon immer der fleißigste Beatle, arbeitet sich mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit vor und zurück durch den Werkkatalog.

Bis hin zu den Anfängen im Skiffle. Aus dem minimalistisch geschrammelten Dance Tonight schlägt einem der Bieratem der frühen Jahre entgegen, als er mit einem gewissen John Lennon zur Kirchweih aufspielte. See Your Sunshine ist Harrison ohne Harrison. Das abschließende Medley wiederum erinnert verdächtig an die zweite Seite von Abbey Road. Mit dem Unterschied, dass The End, das Stück, mit dem die Beatles-Geschichte verhallte, zu The End Of The End wird. Zuckrig, aber auch ein wenig bang stellt Paul in diesem Nachwort zum Schlusswort die Frage der Fragen: Wird man ihn vermissen, wenn er einmal nicht mehr ist?

Die Antwort lautet: Irgendwie schon. Memory Almost Full ist schließlich die beste Beatles-Platte, die die Beatles nicht mehr gemacht habe. Wir rechnen mit weiteren Großtaten bis zur Rente.

Paul McCartney: Memory Almost Full (EMI)