Er war in der Tat ein schrecklicher Prophet seiner Zeit, ein Genie der Provokation, ein Apostel der monströsen Dreifaltigkeit von Henker, König und Papst. Joseph de Maistre, 1753 als Sohn eines savoyischen Senatspräsidenten geboren und 1821 als verarmter und vergessener Schriftsteller gestorben, hat alle historischen Höhen und Tiefen seines Zeitalters am eigenen Leib erfahren müssen. Von Jesuiten erzogen, zeigt er sich in frühen Jahren als Freimaurer und theosophisch-mystisch inspirierter Intellektueller. Er wird Advokat und einflussreicher Senator, nach seiner Exilierung 1792 sieht man ihn als Haupt eines glanzvollen Intellektuellenkreises in Lausanne. Später treibt er sich mittellos in Venedig herum, gerät nach St. Petersburg als Gesandter und Vertrauter des russischen Zaren und kann 1817 endlich ins nachrevolutionäre Frankreich zurückkehren, wo der ausgekühlte Mystiker als Konterrevolutionär und Apologet eines restaurativ-klerikalen Frankreichs und Europas von sich reden macht.

Hat der junge de Maistre noch den Untergang eines sonnenköniglichen »Regiments« begrüßt, das der »Verachtung der Guten und dem Hass der Bürger« verfallen war, so beklagt er nach Flucht und Exil als hoher Beamter des sardischen Königs in Turin das »subjektlose Ungeheuer der Revolution« und wird zu einem der bedeutendsten Begründer von Ultramontanismus und politischer Romantik. Und dennoch findet Joseph de Maistre, der Propagandist des europäischen Monarchismus, gegen Ende seines Lebens wenig Gegenliebe bei den Mächtigen der Zeit. Er stirbt einsam und ohne jede öffentliche Ehrung.

Allerdings schränkt das die ideengeschichtliche Wirkung dieses unerbittlichen Analytikers der Zeitverhältnisse, der auf deutsche Dichter und Denker-Köpfe wie Friedrich Schlegel, Adam Müller und Heinrich von Kleist eminenten Einfluss gewinnt, keineswegs ein. Martin Burckhardt kann in seinem exzellenten Vorwort zu diesem Band ausgewählter Texte zeigen, welchen Motiven die empirisch gesättigte politische Theologie immer wieder nachspürte. » Fast alle Irrtümer stammen aus Worten«, weiß de Maistre, der Verächter des naturrechtlichen Aufklärungsparlandos: »Die Vernunft kann nur reden.

Es ist die Liebe, die singt.« Deshalb sei es allein »unser Wahn, der die Dinge am Laufen hält«. Für de Maistre lässt sich eine befriedete Zukunft des Menschengeschlechts, wie sie einst möglich gewesen und erst durch das Revolutionszeitalter zerstört worden sei, nur noch im Zeichen erneuerter katholischer Gläubigkeit wiedergewinnen. In diesem Sinne kritisiert er auch die politische Ordnung des Wiener Kongresses von 1814, in deren zivilisatorische Kraft er kein Vertrauen setzen kann.

In seinen Schriften legt sich eine finstere Anthropologie in zunehmend bedrohlichen Geschichtsbildern aus. Auf dem Henker beruhe »alle Macht und alle Unterordnung«, er sei der »Schrecken und das Band der menschlichen Vereinigung«, heißt es. Dem »animalischen Reich« des Krieges wird eine »unabweisbare Evidenz« unter den Menschen zugeschrieben, zu deren »innerstem Wesen« die Sünde gehöre. Mal um Mal durchstoße die »Bösartigkeit« des Menschen die dünne Folie der Zivilisation, und unweigerlich kehrten in einer entchristianisierten Zukunft Despotie und Sklaverei auf die Tagesordnung der Weltgeschichte zurück. Deshalb eifert der tiefgläubige Apologet de Maistre so sehr gegen die »Zweifelsucht« der aufs Buch versessenen Aufklärer und geißelt ihre »sprech- und schreibselige Unruhe«, deshalb lobt er das zivilisierende Idiom des Lateinischen, verdammt hingegen allen Nationalismus und insbesondere jede Einschränkung der allein selig machenden katholischen Religion.

Wer eine Ahnung davon erhalten möchte, welche intellektuellen und politischen Irrlichter der revolutionäre Zeitbruch von 1800 in Europa hervorgetrieben und wie sich die bald heraufziehende Welt der Ideologien mit eifernden Freund-Feind-Konfessionen und quasireligiöser Inbrunst aufgeladen hat, der findet in diesem Buch erstaunlich geistreiches Material.

Joseph de Maistre: Vom Papst