Gerade erst waren beide in der Tagesschau, sie am Mittwoch, am Donnerstag er. Sie hätten aber auch gleichzeitig auftreten können, denn es ging um dasselbe Thema, um den G8-Gipfel in Heiligendamm. Und doch hätten die Gegensätze zwischen ihnen nicht krasser sein können.

Denn sie, Ingeborg Schäuble, sprach von den Hungernden in aller Welt und von den Versäumnissen auf dem Themenplan dieses Elefantentreffens.

Er, Wolfgang Schäuble, warnte vor gewalttätigen Linksradikalen, die die Konferenz der acht mächtigsten Industrienationen stören wollen.

Hier der Bundesinnenminister, der oberste Sicherheitshüter Deutschlands, dort die Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe, einer der renommiertesten Nichtregierungsorganisationen im Lande.

Während Frau Schäuble in Berlin-Mitte vor die Presse trat und den Gipfel kritisierte, durchwühlten zwar nicht auf Geheiß, aber mit stillschweigendem Einverständnis von Herrn Schäuble in Berlin-Kreuzberg Sondereinheiten der Polizei Wohnungen und Treffpunkte von mutmaßlich militanten Gipfelgegnern. Es war, als stünden die Schäubles an diesem Nachrichtentag in zwei widerstreitenden Lagern: der harte Minister und die sanfte Samariterin, getrennt durch einen zwölf Kilometer langen Stahlzaun, der in Heiligendamm die Mächtigen vor den Globalisierungskritikern schützen soll.

Ingeborg Schäuble hält das für eines dieser Bilder, die Journalisten gern konstruieren und in grellen Farben ausmalen. Auch Wolfgang Schäuble findet, dieser Vergleich sei ein wenig an den Haaren herbeigezogen. » Meine Ingeborg als Demonstrantin am Zaun? Auf die würde ich zuerst den Wasserwerfer richten lassen«, sagt er und lacht.

Sie habe für Gewalt genauso wenig übrig wie er. Protest müsse gleichwohl sein. Er habe viel Verständnis dafür, dass Menschen bei einem solchen Mammutereignis auf die Ungerechtigkeiten in der Welt aufmerksam machen wollten. » Das ist nicht nur erlaubt, sondern im Kern auch gewollt.« Und natürlich müsse man sich fragen: Wofür dieser gewaltige Gipfelaufwand? Der sei nur gerechtfertigt, wenn am Ende auch etwas herauskomme, für den Weltfrieden, den Klimaschutz, die Afrikahilfe. » Da sind Ingeborg und ich absolut einer Meinung und die Kanzlerin übrigens auch.«