Auf dem Podium zieht schon einer in den »politischen Kampf«, als Thomas Seibert noch einen Stapel Stühle in den Saal schleppt. Es sind mehr Leute gekommen, als er hoffen durfte, 200 vielleicht. Attacies, Antifas, orthodoxe Marxisten, Neomarxisten – ein linkes Klassentreffen im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Frankfurt am Main. »Mensch, schön, dass du da bist«, sagt Thomas Seibert, als ihm ein Mann in ausgewaschenem Jeansanzug auf die Schulter klopft.

Es ist Ende Februar, noch ist der G8-Gipfel weit weg. In Heiligendamm errichten sie gerade einen zwölf Kilometer langen Wall, damit Demonstranten das Treffen der mächtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt nicht stören können. Einer der Demonstranten wird Thomas Seibert sein. Er bereitet den »Gegengipfel« mit vor, es gibt viel zu tun. In seinem zerknüllten Terminkalender, den er aus einer engen Hosentasche fingert, sind nur noch wenige Tage frei.

Hinten im Saal lässt sich Seibert auf einen Stuhl sinken, schiebt seine angeleinte Brille ins Stirnhaar und streckt die Beine weit von sich. Er sitzt da wie einer dieser Fraktionsführer im Parlament, die immer schon wissen, wie alles läuft, bevor überhaupt irgendetwas begonnen hat. Seiberts Kampf gegen das Kapital geht jetzt seit 30 Jahren, oder seit 35, und inzwischen greift der Gegner an verwirrend vielen Fronten an. Der rheinische Kapitalismus hat im Ausland Söldnertruppen angeheuert und tritt Seibert heute als »die Globalisierung« entgegen, eine schwer zu fassende Formation. Gipfelgegner Seibert in Heiligendamm BILD

Aber auch Seibert hat sich verändert, im Oktober wird er 50. Er hat eine feste Stelle bei der Hilfsorganisation Medico International in Frankfurt angenommen, er geht regelmäßig ins Büro, er hat geheiratet und färbt sich die Haare nicht mehr hennarot. Nur eine Strähne schimmert noch rötlich. Um seinen rechten Unterarm hat er ein Nietenband geschnürt. Er trägt eine schwarze Jeans, schwarze Schuhe, ein schwarzes T-Shirt. Sein Kleiderschrank ist ein großes, finsteres Loch.

»Von uns wird keine Gewalt ausgehen«, sagt Seibert in der Mittagspause, »darauf konnten wir uns einigen.« Sein nächster Satz ist drei Minuten lang, weil er unbedingt Heiligendamm und Hoyerswerda und Jean-Paul Sartres Existenzialismus miteinander verbinden will. Der Kampf, in den sich Thomas Seibert vor einer Ewigkeit gestürzt hat, ist ein wortreicher Kampf und wird eine Ewigkeit dauern.

Das Büro von Staatssekretär Thomas Mirow im Berliner Finanzministerium macht ein wenig Angst. Auf seinem Schreibtisch liegt nicht eine einzige Akte, kein Familienfoto, nicht einmal ein Kugelschreiber. Keine Ablenkungen. Nichts Persönliches. Dreißig bis fünfzig »Vorgänge« bearbeitet Mirow am Tag. Er sieht sie durch, dann verschwinden sie wieder. Seine Mitarbeiter sagen, die wichtigen Dinge behalte er im Kopf.

Thomas Mirow steht in der Mitte seines Büros, gleich werden seine Abteilungsleiter eintreffen. Er zieht einen kleinen schwarzen Kamm aus der Innentasche seines Jacketts, legt seinen Scheitel gerade, streicht noch einmal zur Sicherheit mit den Händen übers graue Haar. Vor Sitzungen ordnet er immer seine Frisur. Mirow ist 54. Er trägt zum blauen Anzug eine rosafarbene Krawatte. Wenn er redet, dann in kurzen Hauptsätzen, Privates meidet er, Fragen beantwortet er oft mit einem Wort. Er ist ein Mann, der mit Stille arbeitet.

Die Abteilungsleiter betreten nach und nach Mirows Büro, Herren in dunklen Anzügen, gern grauhaarig. Einmal in der Woche ist Besprechung beim Staatssekretär. Mirow und seine Kollegen bereiten aufseiten der Regierung den G8-Gipfel in Heiligendamm vor. In Mirows Ministerium werden drei Themen bearbeitet: »gute finanzielle Regierungsführung« in Afrika, die Entwicklung der Anleihemärkte in Schwellenländern und mehr Transparenz bei Hedgefonds.

Es gibt Probleme. Briten und Amerikaner sähen Hedgefonds am liebsten gar nicht auf der Tagesordnung des Gipfels. Die Manager der Hedgefonds verwalten 1400 Milliarden Euro, hauptsächlich in den USA und Großbritannien. Sie verdienen sehr viel Geld. Mirow sucht Worte für globale Kompromisse.

Die Abteilungsleiter tragen aus ihren Akten vor, Washington, Potsdam, Heiligendamm – Kürzel für Konferenzen. IWF, FSF, Ecofin, im Ministerium existiert ein Verzeichnis, das alle diese Abkürzungen erklärt. Es ist 34 Seiten lang. Die Beamten haben eine eigene Sprache entwickelt, unverständlich für Uneingeweihte. Mirow sagt: »Es ist ein Code.«

Der Staatssekretär hat sich zurückgelehnt, das Kinn ein Stück nach vorn geschoben. Ab und an gibt er einen kurzen Kommentar, knappe Anweisungen. Er ist keiner, der sich mit seinen Mitarbeitern gemein macht. Viele Untergebene scheinen sich in seiner Gegenwart ein wenig zu ducken. Die Kraft der Hierarchie. Mirow steht gleich unter Peer Steinbrück, dem Finanzminister.

Ein Kollege nennt Mirow »ein Amtskind«, sein Vater war Diplomat im Auswärtigen Amt. Mirow wuchs in Frankreich auf, lebte in Bagdad, studierte in Bonn Politik. Er war Wirtschaftssenator in Hamburg, trat als Spitzenkandidat der SPD für die Bürgermeisterwahl an und verlor. Er wechselte zu Gerhard Schröder ins Kanzleramt, machte sich als Unternehmensberater selbstständig. Seit zwei Jahren ist er Staatssekretär. Seine Ernennung zum Beamten hat er abgelehnt. Mirow wollte seine Unabhängigkeit wahren.

Für Globalisierungskritiker ist er der Gegner – derjenige, der bei G7- und G8-Konferenzen verhandelt, ein Kind der Elite. Im vergangenen Dezember verübten G8-Gegner einen Brandanschlag auf das Auto von Mirows Frau. Im Bekennerschreiben stand, Mirow sitze »an mehreren strategischen Schalthebeln der Macht«. Thomas Mirow hebt sein Kinn. »Hochärgerlich ist das«, sagt er. Mirow hegt eine tiefe Abneigung gegen jede Art von Ideologie. Extreme empfindet er als Schwäche, ungehörig irgendwie. Während seines Studiums Anfang der siebziger Jahre hat er in Bonn erlebt, wie linke Studenten den von ihm sehr verehrten Politikprofessor Karl Dietrich Bracher beschimpften. »Das hat mich sehr abgestoßen«, sagt Mirow. Er konnte es nie vergessen.

Fragt man Thomas Seibert, warum er ein Linker wurde, setzt er sich in einen verqualmten Opel Astra, den Dienstwagen der Hilfsorganisation Medico, und gibt Gas. »Müsste noch reichen«, sagt er, als er die taumelnde Tanknadel sieht. Er fährt von Frankfurt ins nahe Rüsselsheim und parkt dort vor einer grauen Siedlung. Dickerbusch II. Da, in dem Hochhaus, sei er aufgewachsen. Dickerbusch II, Thomas Seibert hasste dieses Leben. Sein Vater fertigte bei Opel Zeichnungen von Motoren an. Schichtarbeit. Morgens fuhr der Vater rein in die Stadt, abends raus zum Erholen. Wollte sich Thomas Seibert draußen mit Freunden treffen, musste er das auf einem Parkplatz tun. Das ganze Leben schien so unverrückbar wie dieser Parkplatz.