Spekulationen Unter GeiernSeite 2/2
Ein Lobbyist mit Rotwein – und erschreckend guten Argumenten
Es ist ein Frühlingsabend in Berlin, und im Restaurant des noblen Adlon-Hotels sitzt ein abgekämpfter, aber zufriedener Robert J. Shapiro über einem Glas Rotwein. Der ehemalige Unterstaatssekretär im Handelsministerium der Clinton-Regierung hat Mitglieder des Bundestages getroffen, Fachleute im Finanzministerium, Journalisten. Bald wird er in Mailand erwartet. Sein Ziel lautet: Mitstreiter suchen, um Argentinien ein weiteres Mal kräftig unter Druck zu setzen. Auch mit dem deutschen Wertpapieraktivisten Stefan Engelsberger hat er sich getroffen. Shapiro ist einer, der bei vielen Anlegern Hoffnungen weckt: Schließlich ist er jemand in Washington, und seine Organisation American Task Force Argentina hat er gemeinsam mit Nancy Soderberg gegründet, einer ehemaligen Entsandten der USA bei den Vereinten Nationen. Shapiro sagt, er arbeite für große Anleger, die solche Papiere besäßen, und für eine zwischengeschaltete Kampagnen- und Lobbyorganisation.
Shapiro hat auch eine umfangreiche Informations- und Pressemappe dabei, voller Rhetorik über den »Südamerikanischen Schwindel« und mit schwach dokumentierten Berechnungen darüber, dass die Volkswirtschaften der USA und Deutschlands Milliardensummen dabei verloren hätten. Doch Shapiros stärkstes Argument ist, dass es »global bedeutend« sei, einer Regierung die Bankrotterklärung nicht allzu einfach zu machen. Und es stimmt schon: Das argentinische Umtauschgebot war außergewöhnlich harsch – bei früheren Zahlungsausfällen wie in Russland mussten Anleger auf etwa 40 Prozent ihres Kapitals verzichten, und es gab keine »Friss oder stirb«-Klauseln wie in Argentinien.
»Da entsteht ein neues Modell«, warnt Shapiro. »Andere Länder werden das Gleiche tun.« Dann würden die Normen der internationalen Finanzwelt ausgehöhlt, dann verlören internationale Anleger das Vertrauen in Schwellenländer, dann bekämen sie am Ende weniger Kredite als zuvor. Es ist ein klassischer ökonomischer Einwand gegen den sanften Umgang mit säumigen Schuldnern.
Eine weitere Instanz des Weltfinanzsystems, der IWF nämlich, ist stark geschwächt. In der Vergangenheit hatte er in Finanzkrisen meist lebensnotwendige Kredite bereitgestellt und konnte damit viel Einfluss auf das Wohlverhalten der Gläubigerländer nehmen. Vor dem Staatsbankrott Argentiniens half der IWF noch mit Finanzspritzen aus, doch bei der Umschuldung war er kaum beteiligt. In der Zwischenzeit hat Argentinien wie viele andere Länder der Region seine IWF-Schulden beglichen, um keine ungebetenen Ratschläge mehr entgegennehmen zu müssen.
Im Schuldenmachen stellen viele Schwellenländer neue Rekorde auf. Doch auf die Lösung, so wie Argentinien radikal umzuschulden, verfällt derzeit niemand mehr – und am Finanzmarkt scheint niemand eine Welle ähnlicher Ideen zu erwarten. Selten haben die Gläubiger aus den reichen Nationen Entwicklungs- und Schwellenländern so billig Kapital zur Verfügung gestellt, selten waren die Prämien für riskante Anleihen so gering. Woher rührt der Optimismus, dass all die Länder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten diesmal für ihre Schulden geradestehen?
Eine überraschende Antwort von etlichen Finanzexperten lautet: Gerade die verhandlungsgewieften und klageerfahrenen Geierfonds machten einen Schuldenausfall für Regierungen heute so unattraktiv. Sie bündelten die Verhandlungsmacht von Kleinanlegern, und es sei erwiesen, dass sie Umschuldnern die Rechnung verderben. So nannte der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini sie inzwischen »Teil der Lösung und nicht des Problems« – zumindest wäre es eine zweitbeste Lösung.
Wenn Geierfonds bei Staatsbankrotten zur festen Einrichtung werden, könnte das aber auch für die meisten Anleger zu herben Einschnitten führen, erklären britische Forscher. Langwierige Gerichtsklagen und eine vollständige Zurückzahlung des Originalwerts von Anleihen würden diese Geierfonds nämlich nicht unbedingt anstreben. Weil sie sehr billig an ihre Not leidenden Papiere kommen, können sie sich auch mit einer geringeren Zahlung zufriedengeben. Sprich: Der Durchschnittsspekulant, der seine Anleihen zum vollen Preis kaufte, steht in der Welt der Geier deutlich schlechter da. Was spräche wohl dagegen, dass neben den Schuldenstaaten auch ihre unvorsichtigen Gläubiger einen empfindlicheren Preis bezahlen sollen?
Mitarbeit: Alexandra Endres
- Datum 04.06.2007 - 06:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.05.2007 Nr. 23
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Und schön zu sehen wie sowohl Wirtschafts- als auch linke Ideologen das Leben immer wieder auf Markt, Zins und Wirtschaft reduzieren wollen. Der Markt, die Gottheit der größten "Atheisten". Er wird alles ins Lot bringen.
Gruß an die Kapitalistem im ZK und die Kollegen bei den Fonds, gemeinsam retten sie die Welt!
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