Es scheint zwischen Wismar und Stralsund nur noch zwei Gastwirte zu geben, denen der G8-Gipfel gestohlen bleiben kann. Der eine heißt Olaf Micheel. Er ist der Inhaber des Kulturhauses in Trinwillershagen, in dem Angela Merkel vergangenen Sommer George Bush mit einem gegrillten Wildschwein überraschte. Micheel, der nun regelmäßig große Gruppen mit »Wildschwein à la Bush« bewirtet, glaubt nicht, dass sich der Erfolg noch steigern lässt. Er fliegt nächste Woche nach Mallorca.

Der andere Gipfel-Muffel ist ein Hotelier aus Kühlungsborn. Er ärgert sich seit Wochen schwarz darüber, dass das Auswärtige Amt bei ihm mehr Zimmer reserviert hat, als am Ende genommen wurden. Unter normalen Umständen wäre er Anfang Juni ausgebucht. Unter normalen Umständen müsste er sich auch keine Gedanken darüber machen, wie seine Kinder durch die Bannmeile zur Schule kommen und ob er genug Vorräte eingelagert hat, falls die Polizei alle Zufahrtswege sperrt. »Von mir aus könnten Merkel und ihre Freunde sich auf einem Ozeandampfer treffen«, sagt er. »Da stören sie wenigstens keinen.«

Bis vor ein paar Wochen haben noch viele so geredet. Der Gipfel in Heiligendamm war den Leuten lästig und auch ein wenig unheimlich. Fast 100 Millionen Euro sollte er kosten. Und was würde er bringen? Schlechte Nachrichten und einen hässlichen Zaun um ein Grandhotel herum, das sich sowieso schon abschottet. 100.000 möglicherweise gewaltbereite Demonstranten. 16.000 Polizisten und 1100 Soldaten. Die Mecklenburger fanden das wenig verlockend.

Wer dieser Tage die Küste entlangfährt, bekommt nicht nur an jeder Ecke G8-Bier, G8-Kuchen, G8-T-Shirts angeboten. Im Drogeriemarkt in Bad Doberan werden noch schnell die Decken gestrichen. Die Chefin des Lokals unterm Leuchtturm in Rerik hat ihre Tochter aus der Schule genommen, damit sie ihr die Speisekarte übersetzt. Auch die Verkäuferinnen in den Läden der Yachthafenresidenz bei Warnemünde pauken Vokabeln. Wie man hört, sollen im Säulenpalast auf der Hohen Düne die Mitglieder der US-amerikanischen Delegation absteigen. Denen müsse man schon ein »richtiges Verkaufsgespräch« bieten, sagen sie.

Die Direktorin Ute Rieger steht strahlend in der Lobby, an deren Ende man durch eine riesige Fensterfront auf die Segelschiffe am Pier schaut. Sie könne es selbst nicht fassen, sagt Rieger. Vor einem Jahr hätte sie ihre Mitarbeiter wohl noch in einen Sprachkurs prügeln müssen. Heute stünden sie mit Vokabelkarten im Laden! Manchmal glaubt Rieger, G8 habe jetzt schon mehr gebracht als jedes Motivationstraining. »Die Leute sind total engagiert.«

Ein heftiger Wind hat die letzten Regenwolken vom Himmel über Steffenshagen geputzt, als die Turmuhr der gotischen Backsteinkirche zwei schlägt und der Konditor Frank Röntgen von seiner Sekretärin endlich einen Kaffee bekommt. Er nippt kurz daran und pikt einmal mit der Gabel in das Sanddorntörtchen, das ihm heute das Mittagessen ersetzt. Dann lehnt er sich wieder in seinem Schreibtischstuhl zurück. Die Kornfelder hinter seinem Fenster leuchten phosphorgrün. Ab und an fährt ein Polizeiwagen vorbei. Die genauen Zahlen habe er nicht im Kopf, sagt Röntgen. Aber sie kalkulierten im Moment in Tonnen. Seine Kaffeehauskette Classic Café wird das Pressezentrum mit Kuchen beliefern und die Staatsgäste im Kempinski mit Weißbrot. Außerdem plant er eine Sonderedition Petits Fours in den Nationalfarben aller G8-Staaten. Diese »Gipfeltörtchen« liegen ihm am Herzen.

Röntgen schlüpft in den weißen Kittel, ohne den niemand, auch er nicht, in die Backstube hinter seinem Büro vordringen darf. Dort liegen die Prototypen auf Stahlblechen, die so sauber sind, dass die Decke sich darin spiegelt: Biskuitboden, Sahne-Marzipan-Nuss-Füllung und buntes Esspapier obendrauf. Röntgen rückt seine Brille zurecht. Man dürfe sich nichts vormachen. Die meisten Menschen, die während des Gipfels nach Heiligendamm und Umgebung kämen, seien zum ersten Mal an der deutschen Ostseeküste. »Und wenn die dann bei mir süße Stückchen mit ihrer Flagge finden, freuen die sich. Und wenn einer dann 1000 für zu Hause haben will, bin ich darauf vorbereitet.«