Nach Hirschen haben Jan Wagner und Björn Kuhligk auf ihrer Harzreise oft vergeblich Ausschau gehalten. Vielleicht, weil der scheue Waldbewohner längst eine urbane Szenekarriere hingelegt hat, als St.

Jägermeisters Schnapsmaskottchen. Deutsche Weltstars kommen aus der Provinz, daher, wo das Herz des Landes immer noch schlägt. Wohl auch deshalb sind die beiden Dichter Wagner und Kuhligk im September 2006, 180 Jahre nach Heinrich Heine, auf dessen Spuren durch den Harz marschiert. Von Göttingen über Goslar zum Brocken, 200 Kilometer. Eine Hommage, ein Experiment: Die deutsche Seele mit dem Wanderstiefel suchen geht das noch? Und wie! Fichtenmonokultur und Unesco-Fachwerk, das Grauen der Frühstückspensionen und das Schweigen der Waldstraßen fügen sich zu einem Harzalbum aus Eindrücken, Fotos, Gedichten. Zweistimmig.

Jan Wagner schreibt sich gern aus der Welt heraus, Björn Kuhligk schaut ihr eher scharf ins Auge. Der Glanz alter Bergbaustädte ist ja längst zu Gartenzwergrabatten geschrumpft, und statt Rotwild sind in Osterode importierte Waschbären die Touristenattraktion, gleichsam ausgewilderten Disneyfiguren. Klar, die Globalisierung hat auch den Brocken erklommen, auf dem sogar die Toiletten outgesourct sind. » Nun ist der Brocken ein gesamtdeutscher auf den Höhe seiner Zeit: sportlich, asozial und eine riesige, genau nach Bedürfnissen aufgeteilte Erlebnishalde«. Dieser Sarkasmus tut gut. Auch schützt er die zärtliche Offenheit, den zweiten Grundton des Buchs. Die Autoren bleiben weich, beeindruckbar, entdecken die gereimten Urworte der Harzer Wasserwerke, das Moosfell der Felsen, lassen sich von der »sich selbst feiernden Naturballung« der Wälder ins stille Frohsein versetzen: »Würde man hier leben man hätte doch täglich den Wunsch, darin aufzugehen, zu verschwinden. Eine Tagesaufgabe wäre es, die Blaubeeren zu beobachten.«

Leider ist dem Menschen das genügsame Blaubeerenleben verwehrt. Uns bleibt die Poesie: »reifste schurkerreien rené küßt erich reif kreischen, tieresrufe« ein Liebesdrama hat Jan Wagner anagrammiert, dass es fetzt. Schierker Feuerstein, ein Kräuterschnaps, ist für Brockentouris so kultig wie Jägermeister für die Metropolenjugend.

Bloß, wenn man das Buchstabenspiel bei Jägermeister versucht, kommt Ärgerseim heraus. Unschlagbar, die Provinz.

Björn Kuhligk/Jan Wagner:

Der Wald im Zimmer. Eine Harzreise