Jazz Heilung in Afrika
Archie Shepp gehörte zu den zornigen Männern des Free Jazz. Mit 70 Jahren geht er den aufrechten Gang des alten Bluessängers
Es war der Auftritt des Archie Shepp Quintetts bei den Donaueschinger Musiktagen, am 21. Oktober 1967. Dreißig Minuten Geräuschchaos, Brüllen des Saxofons und der beiden Posaunen, ein Peitschen des Schlagzeugs und Treiben des Basses, eine Orgie des Free Jazz, die das Publikum zu Reihen aus dem Saal trieb: One For The Trane, die Klage um den im Juli gestorbenen 40-jährigen John Coltrane, Vaterfigur und Gott. Und dann plötzlich ein Luftholen mitten im Aufschrei, Melodieseligkeit, die große Verunsicherung, The Shadow Of Your Smile erklingt, gespielt mit Engelszungen. Schmalzende Musik eines Weißen!
Ein Verrat an der Sache des schwarzen Freiheitskampfes? Mit Vibrato und streichelnden Tönen, von einem Mann begangen, der als Anwalt der musikalischen Black Power galt?
Die Irritation um Archie Shepp dauert bis heute an. Der am 24. Mai 1937 in Fort Lauderdale geborene Saxofonist zählt neben Ornette Coleman, Cecil Taylor und Sonny Rollins zu den großen Überlebenden des Jazz, hochverehrt und doch vom Ruch des musikalischen Schismas berührt. Zu abrupt kam für viele der Wandel des schwarzen Marxisten.
1965 bezeichnete er in der Jazzzeitschrift Down Beat die USA als Land mit der »rassistischsten und übelsten Gesellschaftsordnung der Welt« und verglich sie mit Rhodesien, Südafrika und Südvietnam. Er schrieb: »Habt ihr euch schon mal gefragt, was ich mit meiner aufgestauten Wut machen werde, wenn nichts mehr sie zurückhalten kann? Unsere Rache wird schwarz sein, wie unsere Leiden schwarz sind, wie Fidel Castro schwarz ist, wie Ho Chi Minh schwarz ist.« Und dazu spielte er seine Musik, wild und aufrührerisch, nannte seine Stücke etwa Malcolm, Malcolm Semper Malcolm zu Ehren des ermordeten Malcolm X. oder Los Olvidados (Die Verlorenen).
In den siebziger Jahren wandte er sich scheinbar unvermittelt dem Blues und den Standards zu, und der Schock war groß. Die politische Forderung nach der Befreiung der Schwarzen hatte offenbar wenig mit der ästhetischen Befreiung der Musik zu tun, Freedom Now konnte mit Free Jazz weder erreicht noch verkauft werden. Er, der sich als »antifaschistischer Künstler« bezeichnete, versuchte nun mit den Mitteln des RhythmnSoul, mit Funk und Bebop die Botschaft an die BrothersnSisters zu bringen. Vergebens. Den eingängigen und swingenden Blues For Brother George Jackson wollten genauso wenige hören wie seine revolutionäre Fire Music. Und doch trauerte die Musikkritik eine Sache weißer bourgeoiser Mittelschichtsintellektueller, wie Shepp später beklagte um die Eruptionen der früheren Aufnahmen wie in Mama Too Tight oder Blase.
Es war leicht, ihn falsch zu verstehen: Archie Shepp wurde in den siebziger Jahren nicht dem Free Jazz untreu, es war vielmehr die Musik seiner Kindheit und Jugend, der er mit dem Free Jazz untreu geworden war. Aufgewachsen mit der Volksmusik der Schwarzen, die ihm sein Vater, ein nebenberuflicher Banjospieler, nahebrachte, und mit der Kirchenmusik, vermittelt durch seine Großmutter Mama Rose, die ihn in Philadelphia aufzog, als seine Eltern wegzogen. Von Anfang an sang er Lieder wie Ol Man River, liebte das Repertoire von Duke Ellington oder Billy Strayhorn, spielte Leonard Bernsteins Somewhere nicht als Parodie, sondern um der Melodie und der Liebe willen. Die Radikalisierung und Politisierung seiner Musik im New York der sechziger Jahre entwickelte sich nicht stringent in eine Richtung, sie bewegte sich in einer Gegend, in der die Sophisticated Lady neben dem Girl From Ipanema wohnte. Es waren die harschen und ungeschliffenen Sounds seines Instruments, die ihn zum Sympathisanten der musikalischen Revolution machten, nicht harmonische oder rhythmische Befreiungsbewegungen wie bei Cecil Taylor. Er verwandelte den Schrei des Saxofons in eine Kunst, in den zarten Aufschrei, den gequälten, den schmerzhaften oder den erlösenden. Er verband Ekstase mit Eleganz, zelebrierte sie im Anzug samt Weste, brachte die »Hütte zum Kochen« und hielt doch das Niveau.
Heute, vierzig Jahre nach dem Tode John Coltranes, erklärt er den Begriff »Jazz« für tot, sieht ihn nur als Markenzeichen »wie Coca-Cola oder Marlboro, etwas, das man verkaufen kann«. Vierzig Jahre nach den afrikanischen Gewändern in Donaueschingen lebt er nun in Paris, hat sich mit der Gründung des eigenen Schallplattenlabels ArchieBall selbst beschenkt, wünscht sich dazu ein eigenes Studio, einen kleinen Jazzclub, ein Hotel vielleicht, privatistische Altersträume eines Revolutionärs, der lebenslang die weißen Unterdrücker angeklagt hat.
Er spricht nicht mehr als Stimme der schwarzen Auflehnung gegen das kapitalistische System, er ist das Abbild des erfolgreichen Revolutionärs, den die weiße Mittelschicht erfolgreich integriert hat und er weiß es. Er ist Teil jener 25 Prozent Afroamerikaner, denen es gelungen ist, ihre neighbourhood zu verlassen, um ihren Kindern eine gute Schule zu ermöglichen (Archie Shepp heiratete mit 21, vier Kinder waren zu ernähren). Zwanzig Jahre lang unterrichtete er Musikgeschichte und Theaterwissenschaft in Amherst/Massachusetts, lebte von seiner »Black Music« und prophezeit doch das Ende einer Musik, die vom original thinker lebt, einer Spezies, die nicht an Schulen reproduzierbar ist.
Archie Shepp geht den schleppenden aufrechten Gang eines alten Bluessängers, jeder Schritt verzögert und doch sicher in seiner Trägheit. Der Blues ist immer gegenwärtig. » Wir sind auf eine Stufe der Entwicklung zurückgekehrt, wo die Kids auf der Straße leben homeless«, registriert er in einem Porträt, das jetzt zusammen mit Konzerten in Genf (1994) und Paris (2001) auf einer DVD erschienen ist. Kein überraschendes Resümee einer Entwicklung, die sich dadurch auszeichnet, dass die Gleichheit vor dem Gesetz keine Veränderung in den Köpfen bewirkte, dass jeder dritte Schwarze einmal im Gefängnis war, dass Integration zur Segregation führte, dass bitch und fuck und ho zu den Koordinaten der community geworden sind. Doch wo Rap und Hip-Hop positiv als Sprachrohr schwarzer Befindlichkeit gesehen wurden, als CNN der Ghettos, erschienen sie Shepp nur als Zeichen zunehmender Verelendung. Als ihm seine Großmutter Mama Rose die er im Duett mit Jasper vant Hof besang ein Saxofon kaufte, war es erschwinglich, im Pfandhaus mit seinen gebrauchten Instrumenten fand man die Statussymbole für möglichen Aufstieg und Kunst. Heute seien diese Instrumente so teuer, dass sie sich keiner leisten könne. Rap und Breakdance empfindet er nicht als Ausdruck schwarzer Kultur, sondern als Indikator von Armut die Kids tanzen auf der Straße und lassen sich von billigen Rhythmusmaschinen begleiten. Und Archie Shepp klopft sich demonstrativ den Rhythmus auf die Wangen: »Wir leben wieder auf dem Niveau der Sklaverei.«
Es ist das alte Lied, die Heilung in Afrika zu suchen, in Trommelritualen und den Klagen der Entwurzelten, und so nennt sich eine seiner neuen CDs Kindred Spirits Seelenverwandte. Es sind die Stimmen und Rhythmen der Gruppe Dar Gnawa, Nachkommen verschleppter Afrikaner aus dem Süden der USA, die in Marokko leben und ihre Musik tranceartig in tagelangen Sessions zelebrieren. Die Nähe zur Geschichte der Afroamerikaner ist zu hören, die Schicksalsgemeinschaft zu spüren, die Archie Shepp schon 1999 bewog, über das Ostinato ihrer Rhythmen und Gesänge seine hypnotischen Saxofonlinien zu legen, ein Effekt, der sich gelegentlich abnützt und eintönig wird. Das African-Night-Modell muss gelebt, nicht nur antizipiert werden.
Wer Archie Shepp in den achtziger und neunziger Jahren im Konzert erlebte, musste oft befürchten, dass ihn seine weit ausholenden Tongirlanden aus dem Gleichgewicht bringen würden. Er litt unter einer mysteriösen Lippenerkrankung, die ihn zwang, Ansatz und Mundstück umzustellen, er trank, nahm Drogen, schließlich verließ ihn nach 35-jähriger Ehe seine Frau, eine traumatische Erfahrung: »After my divorce my blues got deeper.« Oft waren es nur Zitate seines Aufschreis, die ihn in der Musik hielten. Doch nun ist wieder jener Ton lebendig, dem Archie Shepp seine Kunst verdankt: schmutzig, aggressiv, schmeichelnd, schroff, flüsternd. Alles, nur nicht glatt und erlernbar. Es ist der Klang des rauen Romantikers, in der Nachfolge eines Ben Webster, Eddie Lockjaw Davis oder Paul Gonsalves.
Er küsst das Mundstück, saugt und befeuchtet es, entlässt die Töne ebenso ins Freie, wie er sie einzusaugen scheint. Er ist kein Saxofonschwinger, kein Mechaniker der Klappen, kein Bruder Leichtfuß, er steht wie ein Fels, festgenagelt in riesigen Schuhen.
Und meist bedarf es nur eines einzigen Partners, um die stupende Stimme zum Klingen zu bringen. Auf der jüngsten Veröffentlichung, dem großartigen First Take, einem Konzert vom Mai 2003 in Montpellier, ist ihm der Pianist Siegfried Kessler Orchester und langjähriger, treuer Begleiter zugleich. Manchmal zupft der seinen Flügel wie einen Bass oder ein afrikanisches Daumenklavier, dann lässt er ihn wie eine Spieluhr tönen, sprachmächtig und eloquent bleibt Kessler, ohne die Pausen zuzuplappern. » I decided to call him Siggy«, notierte Shepp im Cover der CD, die nun nachträglich zum Requiem wurde, da sich Siegfried Kessler im Januar dieses Jahres das Leben nahm. First Take steht in einer Reihe mit grandiosen Duo-Einspielungen mit Abdullah Ibrahim (Duet), Jasper vant Hof (Mama Rose) oder Horace Parlan (Goin Home) und Archie Shepp greift darin zu seinen eigenen klassischen Kompositionen wie Steam, Le Matin de Noirs oder Ujadma, als seis das erste Mal first take. Im Bewusstsein, sie hundertmal variiert und alles gesagt zu haben und doch zu hoffen, jenen Moment zu finden, der die Gegenwart ein Konzert lang verändert. Er spielt die wahre Begleitmusik zum Leben der Schwarzen, wir hatten sie vor vierzig Jahren nur falsch verstanden.
Archie Shepp & - Siegfried Kessler: First Take
(ArchieBall 0104)
Archie Shepp Quartet & - Dar Gnawa: Kindred Spirits (ArchieBall 0501, NRW/www.mv-nrw.de)
Archie Shepp Band: New Morning The Geneva Concert (DVD 6461, inakustik)
- Datum 10.03.2009 - 16:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.23 vom 31.05.2007, S.71
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