{1} In den vergangenen Jahrzehnten haben immer mehr Frauen aufbegehrt gegen die Anrede Gottes als Vater. Sie assoziieren bei der Vorstellung von einem Vatergott keine Gestalt, der sie vertrauen, die sie lieben könnten, sondern umgekehrt Willkürherrschaft und Gewalt. Dieser Protest der Frauen hat Erschrecken und Unverständnis ausgelöst und tut das noch. Es ist, als rüttelten Frauen an den Grundfesten des christlichen Glaubens. Obwohl niemand bestreiten will, dass es verkehrt ist, sich ein Bild von Gott zu machen, scheint es nun doch so, als sei »Vater« kein bloßes Bild, menschlich-allzumenschlich wie alles, was wir von der Gottheit sagen können, sondern doch eine richtige Bezeichnung. Bei diesem wie bei so manchem Thema, das Frauen ins Gespräch bringen, zeigt es sich, wie wenig die männlichen Theologen bisher darüber nachgedacht haben, was Frauen wohl bewegt, und das, obwohl sie seit vielen Jahrhunderten davon überzeugt sind, sie seien die berufenen Seelsorger, Beichtväter und Lehrer der Frauen.

{2} Es ist bei der Vorstellung von Gott dem Vater nicht gleichgültig, was eine Frau sich unter einem Vater vorstellt. Was sie als kleines Mädchen erlebt hat, hat dieses Vaterbild geprägt. Wenn erwachsene Frauen von ihrem Vater erzählen, kommen recht unterschiedliche Erfahrungen zur Sprache. Nicht selten ist der Vater für die Tochter unerreichbar fremd gewesen, er interessierte sich nicht für sie, war meistens abwesend und für die Tochter nicht zu sprechen. Manchmal ließ er die Tochter sogar deutlich spüren, dass er lieber einen Sohn gehabt hätte. Andere Töchter haben einen unberechenbaren Vater erlebt, der urplötzlich Wutanfälle bekam und brüllte, dann wieder schweigsam und in sich gekehrt war - sie konnten nie wissen, wie sie mit ihm dran waren. Die nächsten hatten einen schwachen Vater, er war dem Leben nicht gewachsen, war eine Spielernatur, der die Familie in Armut stürzte, der Frau und Kinder im Stich ließ. Oder er war alkoholsüchtig und brachte Schande über die ganze Familie. Ganz entgegengesetzt dazu haben einige Töchter nicht nur einen starken und brillanten Vater erlebt, sondern sogar einen, der sie liebte und zu seiner Vertrauten machte. Diese Töchter waren und sind in ihren Vater so verliebt, vergöttern ihn so sehr, dass neben ihm nichts auf der Welt mehr Platz hat, auch sie selbst nicht. Neben diesem Vater erschien die Mutter wie ein peinlicher Schatten, und die Tochter lernte zusammen mit ihr das eigene Geschlecht zu verachten.

{3} Dann sind da die Töchter, die noch als erwachsene Frauen zittern, wenn sie an den Tyrannen denken, der sich ihr Vater nannte, eiserne Grundsätze hatte und sie mit unerbittlichem Ernst oder auch mit Gewalt durchsetzte. Wieder andere haben einen Vater erlebt, an den sie nur mit Hass und Schauder denken. Sie sprechen allenfalls zu Therapeutinnen über ihn, und dass ihre Zahl größer ist als vermutet, wird erst in jüngster Zeit bekannt. Es sind die Töchter, die von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden und an ihn nur wie an einen Teufel denken können, der ihnen die Seele raubte. Am besten scheinen noch die Töchter dran zu sein, deren Vater gestorben ist, als sie klein waren, im Krieg gefallen oder von einer Krankheit weggerafft. Sie bewahren sich ein Idealbild von Vater, sehnen sich ein Leben lang nach ihm.

Aber zu beneiden sind auch sie nicht, weil sie meinen, dass ihnen etwas Wichtiges fehlt, und ihm nachtrauern. Das sind nur einige Beispiele typischer Vatererfahrungen von Töchtern, und sie sind alle nicht dazu angetan, als wünschenswertes Vorbild für einen Vater im Himmel zu dienen. Denn ausgerechnet der Vater, der von seiner Tochter vergöttert wird, ist auf lange Sicht gefährlich für sie, weil sie nie von ihm loskommt und kein selbstständiges Leben führen kann.

{4} Dabei ist die Problematik der Vater-Tochter-Beziehung nicht etwa eine Erscheinung der Neuzeit - auch was Märchen und Mythen aus der Vergangenheit melden, bestätigt, dass Töchter von ihrem Vater nichts Gutes zu erwarten haben. Ohne Ausnahme wird immer dann, wenn von einem Vater und seiner Tochter die Rede ist, eine Schreckensszenerie geschildert. Der Vater setzt das Leben seiner Tochter aufs Spiel, um eigene Ziele zu erreichen. Geradezu typisch ist der Märchenanfang, wonach ein Mann im Wald einen Fremden trifft, der ihm Reichtum verspricht, wenn er ihm das gibt, was ihm bei der Heimkehr zuerst entgegenkommt. Unversehens hat der Mann dann immer seine Tochter dem Teufel überliefert. Nach anderen Märchen und Mythen ist es nicht der Teufel, sondern ein wildes Tier, zum Beispiel ein Drache, der das Land bedroht und dem der königliche Vater seine Tochter opfert. Andere Väter sperren ihre Töchter in einen Turm, damit kein Liebhaber sie bekommt oder damit sie keine Kinder zur Welt bringen können. Oder der Vater gibt dem Freier der Tochter so schwere Aufgaben, bevor er sie heiraten kann, dass der Freier unweigerlich ums Leben kommen muss.

Töchter haben von ihrem Vater nichts Gutes zu erwarten, sondern Gefangenschaft oder einen schrecklichen Tod. Damit spiegeln Märchen und Mythen die Wirklichkeit im Patriarchat, wo individuelle erfreuliche Ausnahmen immer nur die leider ganz andere brutale Regel bestätigen, wonach Töchter für den Mann Mittel zu seinen Zwecken sind, nicht aber Individuen, zu denen er eine Beziehung aufnehmen würde.

{5} Wer nun erwartet, dass die Bibel ein ganz anderes Vaterbild zeichnet, sieht sich getäuscht, zumindest immer dann, wenn es um die Beziehung zur Tochter geht. Im Alten Testament finden sich vielmehr die gleichen Muster, die auch in Mythos und Märchen anzutreffen sind.