Ich wusste Bescheid

von Hartmut Scherzer

Hartmut Scherzer (68) ist der Doyen unter den deutschen Sportjournalisten. Vielfach ausgezeichnet, berichtet er seit 1960 von allen großen Ereignissen, so von zwölf Fußballweltmeisterschaften und siebzehn Olympischen Spielen, in diesem Jahr zum 25. Mal von der Tour de France. Doch nach den Dopinggeständnissen wird diese Tour eine besondere werden. Für die Fahrer und für die Journalisten.

Auch ich gestehe. Nicht, weil auch ich gedopt habe bei der Tour de France, mit Schlaf- oder anderen Tabletten. Ich gestehe, dass ich seit meiner ersten Tour 1977 als Frankfurter Lokalbegleiter Dietrich Thuraus für die Abendpost-Nachtausgabe wusste: Hier wird massenhaft gedopt. Dennoch habe ich mich für die kommende Tour de France meine 25. akkreditiert.

In einem vertraulichen Zwiegespräch mit dem Schwur, von der Antwort nie Gebrauch zu machen (später, lange nach dem Ende seiner Karriere, entband er mich von dem Gelübde), hat mir Thurau damals reinen Wein eingeschenkt. Frage: »Didi, nur für meinen Hinterkopf, damit ich Bescheid weiß: Was läuft hier? Bist du gedopt?« Antwort: »Mit Zuckerwasser fährt hier keiner diese Berge hoch.« Später hat er mich darüber aufgeklärt, wie ein junger Fahrer in den Dopingsumpf gezogen wird. » Die anderen fahren mit dem großen Kettenblatt am Berg an dir vorbei, und du wunderst dich: Wie geht denn das? Dann wirst du aufgeklärt: Du musst was nehmen. Entweder du machst mit, oder du machst nicht mit und fährst hinterher.«

Mein letzter Tagebucheintrag nach Ende der Tour 1977 mit dem jungen Didi Thurau als Helden (die deutschen Sportjournalisten wählten ihn danach zum Sportler des Jahres) schloss mit dem Absatz: »Gedopt oder nicht gedopt, erwischt oder entkommen, bestraft oder laufen gelassen, mit diesen Zweifeln, liebe Leser, muss man das Schlussklassement der Tour de France studieren ein beklemmendes Gefühl zum Finale.«

Die Zweifel sind geblieben. Das beklemmende Gefühl aber wurde verdrängt von der Faszination, Teil dieses Abenteuers zu sein. Sonst hätte ich der Tour sofort den Rücken kehren müssen. In Gesprächen mit Kollegen haben wir oft geflachst, eigentlich müsste unter jedem Heldenepos die Fußnote stehen: vorausgesetzt, er war sauber.

Durch die Nähe zu den Rennfahrern verlässt man zwangsläufig die distanzierte Position des reinen Beobachters und fühlt sich mittendrin statt nur dabei. Wunderbar. Wie aber umgehen mit dem Zwiespalt? Der Kompromiss mit mir selbst: weiterhin die Helden glorifizieren (schließlich gilt die Unschuldsvermutung). Aber über Dopingskandale wie Festina 1998, die Razzia von San Remo 2001, den Ullrich-Absturz 2002 oder die Konsequenz der Operación Puerto 2006 kritisch berichten und kommentieren. Und keinen Erwischten wie einen Verbrecher verdammen.

Denn verantwortlich ist das System zu dem auch die Freiburger Ärzte von Telekom/T-Mobile gehörten (allein diese Enthüllung hat mich noch vom Hocker gehauen). Ich fühle mich von keinem der Geständigen derart belogen oder betrogen, dass ich es ihnen zum Vorwurf mache. Ich werde selbst Udo Bölts noch die Hand reichen, die ich einmal in einem Text für ihn ins Feuer gelegt habe. Schließlich habe ich einst mit meinen Reportagen und Geschichten über die jetzt Geständigen und den Geächteten gut verdient.

Seit mir Didi Thurau vor dreißig Jahren die Augen geöffnet hat, habe ich mich nie als Investigator betätigt. Deswegen habe ich auch kein Buch über einen Radrennfahrer geschrieben. Um nicht heucheln zu müssen. Wer noch 2003, nach dem triumphalen Comeback, ein dopingunkritisches Werk über Jan Ullrich verfasst hat und sich drei Jahre später nach dessen Tourausschluss zum obersten Scharfrichter aufschwingt, muss sich ernsthaft fragen lassen: Völlig ahnungslos gewesen?

Diese Fragen richte ich an alle, auch an uns Journalisten, die in diesen Tagen so entsetzt, naiv und scheinheilig auf die Rundumbeichten der ehemaligen Telekom-Fahrer reagieren wie gehörnte Ehemänner. Welche Paradoxie in der ganzen Dopinghysterie: Den Todesopfern des Dopings, Tom Simpson und Marco Pantani, wurden Denkmäler gesetzt. Nicht als Mahnmal, sondern zur Erinnerung an Märtyrer.

Bleibt zu wünschen, dass der jungen deutschen Radsportgeneration Ciolek, Fothen, Gerdemann das Schicksal eines Dietrich Thurau und eines Jan Ullrich erspart bleibt, dopen zu müssen, um mithalten zu können. Denn wer waren denn Ullrichs direkte Konkurrenten im Kampf ums Gelbe Trikot, nachdem er im Schlepptau seines Epo-Kapitäns Bjarne Riis 1996 Zweiter geworden war? Alles überführte, geständige oder beschuldigte Doper: Virenque, Pantani, Armstrong, Basso. Ullrich sagt immer wieder: »Ich habe niemanden betrogen und keinen geschädigt.« Da hat er recht.

Ich trage noch immer ein gelbes Livestrong-Armband. Es erinnert an die Hoffnung, den Mut, den Willen, die Lance Armstrong mit seinem Sieg 1999 bei der Tour de France nach dem Sieg über den Krebs Hunderttausenden Kranken gegeben hat. Das verdient noch immer Respekt.

Nachträglich positiv auf Epo getestete und nach seinem Rücktritt illegal veröffentlichte Urinproben-Ergebnisse aus der Comeback-Tour 1999 sind dagegen nichts.

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