Bald nach der dreihundertsten Seite dieses voluminösen Buches platzt einem der beiden Helden der Kragen. Er stürzt aufgebracht ins Zimmer seines Sekretärs und ruft ihm zu: »Ich werde Krawall machen. Die werden es noch bereuen, dass einem Unschuldigen das passieren konnte.« Denn er hat soeben ein aufwühlendes Dossier gelesen, Dokumente eines üblen Justizirrtums, dessen Opfer der andere Held des Romans, ist, ein junger Mann, der drei Jahre lang unter falschen Anschuldigungen im Gefängnis gesessen hat und nur unter Vorbehalt freikommen konnte. Die Vorwürfe, die zu seiner Verurteilung geführt haben, waren so hanebüchen, die Verdachtsmomente so an den Pferdehaaren herbeigezogen, die man an seiner Kleidung gefunden haben wollte, dass der Empörte, der sich nun in den Fall einmischen wird, nur noch sagen kann: »Ich bitte Sie, Woodie, das ist doch ein Witz.«

Die Wirkung der explosiven Szene auf den Leser ist so elementar befreiend, als gäbe es in der Mitte von Kafkas Proceß einen Deus ex Machina, einen Retter, der die bürokratische Hölle zu durchdringen verstünde und den Albtraum des Josef K. in plausibelstes Erwachen auflöste. Denn auch den Helden George bei Julian Barnes hatte jemand verleumdet, eine ganze Gesellschaft, der seine Hautfarbe, sein fremd klingender Familienname, sein scheues Wesen nicht passten. Er gehörte zu jenen Menschen, die ein Naturtalent zu victimization haben; von Jugend an hatte er die dümmsten Verleumdungen auf sich gezogen und sich als junger Erwachsener in ein Gestrüpp aus dörflicher Dumpfheit, polizeilicher Plumpheit, Regionalfanatismus und Gefängnisschikane ziehen lassen, dass er alsbald verloren war wie Kafkas hoffnungsloser Held.

Der Fall, den der neue Roman von Julian Barnes so detailliert ausbreitet, ist nicht fiktiv, sondern gehört zu den drei großen Skandalen, von denen Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts schockiert und bis in die höchsten Gesellschaftskreise, ja bis in die Regierungen hinein, erschüttert wurde. Es war in Frankreich die Dreyfus-Affäre, die jenen Antisemitismus bloßstellte, der eine Generation später das Nachbarland barbarisch werden ließ. Es war in Deutschland der Harden-Eulenburg-Prozess, der sich über Jahre hinzog und letztlich wiederum eine Minderheit, die Homosexuellen, an den Pranger stellte. Und es war in England dieses völlig verfahrene Verfahren gegen einen jungen Rechtsanwalt indischer Herkunft, das zuletzt sogar den Prime Minister in Gefahr brachte. Hier war der Motor jene primitive Gesinnung samt brachialem Reflex, die auch hundert Jahre später unsere Gesellschaft grundiert: Fremdenfeindlichkeit. Und so ist der Ausruf »Ich werde Krawall machen« zu lesen als Variante des Zolaschen »J’accuse« im Fall Dreyfus.

Nicht nur die Affäre ist historisch, auch die beiden Helden sind es; namhaft werden sie zunächst, wie im Titel als Arthur & George, aber bald schon wird ihre Identität erkennbar. Der eine, Arthur, der Retter, ist Arthur Conan Doyle, der Schöpfer des Sherlock Holmes, ein Mann von Welt und Weltruhm, Freund des englischen Königs, dem Cricket verfallen und immer mehr auch dem Spiritismus, ein Autor, der unter den Detektivgeschichten leidet, die er als junger Arzt zu schreiben begonnen und mit denen er sein Vermögen gemacht hat. Der andere, George Edalji, Sohn eines aus Indien stammenden anglikanischen Geistlichen, hat sich gerade erst als kleiner Provinzanwalt etabliert, als er in die Mühlen der Justiz gerät; ausgerechnet er, der schüchterne Leisetreter, soll über längere Zeit als Tierquäler, als Pferdeaufschlitzer, als blutgieriges Gespenst über die nächtlichen Weiden rund um seinen Heimatort gezogen sein. Es ist der Eklat, der beide Männer zusammenführen wird.

Barnes ist ein Meister der elegantesten Verschachtelungen

Da aber hat Julian Barnes, der Meister der durchtriebensten Dramaturgie, der elegantesten Verschachtelungen, schon längst vorgegriffen und uns die Lebensläufe von Arthur und George als Parallelaktion miterleben lassen. Der englische Schriftsteller, seit seinem Geniestreich Flauberts Papagei auch hierzulande als ein ungemein gewitzter, eleganter und milieusicherer Autor bewundert, arrangiert seine Geschichte, ähnlich wie Daniel Kehlmann in Die Vermessung der Welt, als Doppelporträt. Nur dass er es nicht im biedermeierlichen Rhythmus des Kehlmannschen Buches tut, in ausführlichen Episoden, wie sie dem Visavis des Alexander von Humboldt und des Karl Friedrich Gauß gemäß sind, sondern in kurzen Szenen und Spots.

Es ist, als blättere man gleichzeitig in zwei Fotoalben rasch von den Kindertagen über Schulszenen, häusliche Streitfälle (und innere Konflikte), Karrierestationen, immer abwechselnd zwischen Arthur und George. Dabei wird die Parallelität zur Divergenz: Während sich der eine, eben Arthur, die Welt immer souveräner erschließt, gibt sich der andere schon vielfältig gefangen, ehe das Unrecht im Namen des Rechts ihn ereilt. Noch als Erwachsener lässt er sich, wie in Kleinkindzeiten, nachts vom Vater, mit dem er im selben Raum schläft, einschließen.

Unterschiedlicher können zwei Charaktere nicht sein, weiter zwei Lebensläufe nicht auseinanderstreben; umso subtiler, wie Barnes in seinen kurzen Belichtungen beide Gestalten lebendig werden lässt, die Konturen des einen durch den anderen herausarbeitet.

Dem Arthur meets George entspricht in diesem Roman noch eine andere Doppelung, die allerdings der Leser zu entdecken hat: Es gibt nicht nur zwei Helden, es gibt gewissermaßen auch zwei Autoren. Julian Barnes, der Erfolgsschriftsteller, der an Borges geschulte Erfinder literarischer Vexierspiele, arbeitet seit vielen Jahren als sein eigener Ghostwriter, der unter dem Namen David Kavanagh eine ganze Reihe von Krimis geschrieben hat (von denen etliche auch auf Deutsch erschienen sind). Da dieses neue Buch gleichzeitig Gesellschaftsepos und Kriminalfall ist, schreiben beide Federn mit, nicht immer zum Vorteil des Ganzen. Einige Szenen, die eher David Kavanagh zu verdanken sind, haben nicht viel mehr als die vordergründige Suspense einer Verhörszene; das Niveau sinkt gleichsam unter der Gravitation des »Falles«.

Ganz anders aber jene großen Partien des Romans, in denen das Bild einer glanzvollen, aber doppelbödigen Epoche entworfen wird, einer sich selbst korrumpierenden Traditionsverschworenheit. Mit Behutsamkeit beschreibt Barnes den Bruch, der durch eine Gesellschaft geht, die sich um jeden Preis intakt zeigen will und doch spätestens seit Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde ihre Nachtseite offenbart hat. Hier ist Arthur Conan Doyle das Modell für solchen Bruch; ein Mann, der sich als Gentleman versteht und dennoch mit seinem Detektiv die Fragwürdigkeit eines solchen Ideals aufdeckt. Der in Gestalt seines Sherlock Holmes Licht in die kompliziertesten Fälle bringt, aber fast ein Jahrzehnt lang ängstlich bemüht ist, sein eigenes Doppelleben, die Existenz einer anderen Liebe (neben der todkranken Frau), im Dunkel zu lassen. Die Delikatesse, mit der Julian Barnes gerade dieses Kapitel bedenkt, die Leidenschaft in der Schwebe lässt und dem konventionellen Komödienspiel mit sachter Ironie beikommt, erinnert an die psychologische Meisterschaft eines Ford Maddox Ford (etwa in Die traurigste Geschichte der Welt). Und man versteht, warum just ein Detektiv zum Helden einer Zeit werden musste, die sich selbst nicht mehr über den Weg traute.

Barnes zu übersetzen ist schwer. Hier ist es aufs Beste gelungen

Solche englische Delikatesse, solche britische aloofness ins Deutsche zu übertragen ist eine hohe Kunst und hier aufs Beste gelungen. Julian Barnes hat ja mehrere prominente Übersetzer gefunden, Michael Walter und Willi Winkler, aber der Glücksfall scheint mir doch Gertraude Krueger; nicht unbedingt, weil sie besser wäre als die anderen; aber weil sie für das neue Buch anknüpfen konnte an die Übersetzung von Barnes’ Erstling Metroland, in dem der Autor so etwas wie das Porträt des Künstlers als junger Mann, also sein eigenes, entworfen hat. Man erkennt zum Beispiel, dank analoger Wortwahl, wie der Autor seinen Roman mit Motiven und Marotten aus dem Selbstbildnis ausgestattet hat (zum Beispiel eine Vorliebe für die Eisenbahn, die auch George Edalji teilt) und weiß sich auch auf vertrautem semantischem Gelände, wenn Strategie wieder »Strategem« heißen darf. (Dies als Randnotiz zur Übersetzer-Debatte.)

Die große Kampagne übrigens für den armen Underdog, das »Ich werde Krawall machen« geht ohne Aplomb aus. Die wahren Täter werden beiläufig ermittelt, der arme George Edalji wird zu Arthurs zweiter Hochzeit eingeladen, aber dann doch eher vergessen. Und dass die hohe Politik sich aus der ganzen Affäre herauswindet, versteht sich damals so von selbst wie heute auch. Ein Josef K., auch wenn er George Edalji heißt, ist nicht wirklich zu retten.