Doping-Skandal Rezepte für den Sieg

Ärzte der Universität Freiburg haben Radsportler gedopt. Waren sie Mitläufer oder treibende Kraft des systematischen Betrugs?

Erst auf den zweiten Blick unterscheidet sich die Abteilung für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg von ihren Nachbarabteilungen. Auch hier gibt es die üblichen Anmeldeschalter und Sprechzimmer. Aber an den Wänden hängen Autogrammkarten, für Besucher stehen Gesundheitsgetränke bereit, die Kragen mancher Mediziner tragen Embleme von Sponsoren. Es ist die einzige Abteilung im Gebäude der Inneren Medizin, in der fast ausschließlich Gesunde behandelt werden: Athleten verschiedenster Disziplinen und Leistungsklassen. Und seit den Enthüllungen des ehemaligen Team-Telekom-Betreuers Jef D’hont und der Geständnisserie der Teamärzte und -fahrer ist bekannt, dass hier nicht nur Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung stattfanden, sondern auch systematisches Doping.

Kenner der Szene hat das chemische Tuning, nun auch im größten deutschen Radrennstall, nicht überrascht. Schon vor einem Jahrhundert begann der Profiradsport als organisierte Quälshow. Seitdem versuchen die Akteure mit allen verfügbaren Mitteln, sich die Qualen zu erleichtern, anfangs mit Strychnin und Alkohol, später mit Heroin und Amphetaminen, heute mit Epo, künftig vielleicht mit Genmanipulation.

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Erschreckend ist das Ausmaß dessen, was jetzt zutage kommt. Ärzte einer Universitätsklinik, großzügig gefördert vom ehemaligen Staatskonzern Telekom, haben beim Medikamentenmissbrauch geholfen. Nun lautet die Frage: Haben sie sogar die treibende Rolle gespielt? Wer dem Radsport das organisierte Doping austreiben will, muss verstehen, wie das System funktioniert. Was also geschah zwischen Ärzten und Athleten hinter den weißen Türen des Flachbaus am Rand der Inneren Medizin? Welche Seite brachte Doping ins Gespräch? Verlangten es die Sportler, oder wurden sie von den Medizinern überredet?

Die bisherigen Geständnisse sind vage und widersprüchlich. Der Exfahrer Bernd Dietz erklärte, die Freiburger Ärzte hätten ihm 1995 Epo angeboten. Sein Kollege Uwe Raab erzählte, die Teamleitung sei mit Dopingmitteln an ihn herangetreten: »Als ich abgelehnt habe, war ich weg vom Fenster.« Und der Freiburger Arzt Andreas Schmid beteuert, Epo nur »auf Anfrage« verabreicht zu haben.

Was Fahrer, Betreuer und Ärzte jetzt bekannt haben, bezieht sich auf die ferne Vergangenheit, fast ausschließlich auf die Zeit vor dem Festina-Skandal während der Tour de France 1998. Erik Zabel, einziger noch aktiver Fahrer unter den Geständigen, wollte sich nur an eine Epo-Kur während der Tour 1996 erinnern. Zwar hatte es sich im Radsport schon vor Zabels Geständnis herumgesprochen, der Star aus Unna komme nicht mit Epo zurecht. Aber dass er ausgerechnet während des wichtigsten Etappenrennens ein solch riskantes Experiment gewagt haben sollte, ist schwer zu glauben.

Gleiches gilt für Zabels Beteuerung, er habe neben Epo keine weiteren verbotenen Mittel genommen. »Nur mit Epo fahren kann man nicht«, sagt der Freiburger Arzt Wolfgang Stockhausen, ein früherer Kollege der geständigen Freiburger Sportmediziner, der inzwischen in der kardiologischen Abteilung arbeitet. Denn Epo lässt die Muskeln schwinden. Diesen Effekt sah Stockhausen eindrücklich, als bei den Olympischen Spielen 1996 ein Mann mit Glatze und auffällig dürren Beinen vor ihm stand: Bjarne Riis hatte kurz zuvor die Tour de France gewonnen. Mit Epo, wie er jetzt gestand.

Inzwischen haben die Rennfahrer gelernt, mit Wachstumshormonen diesen Muskelschwund auszugleichen. »Die Wachstumshormone sind die eigentlich gefährlichen Stoffe«, sagt Wolfgang Stockhausen, »viel gefährlicher als Epo.« Sie bewirken schnellen Muskelzuwachs und unterstützen die Regeneration – über Nacht. Die Schattenseite der Hormone ist ein abnormales Wachstum der Extremitäten: wuchernde Nasen und Kiefer, Ohren wie Elefanten. Der Konsum von Wachstumshormonen lässt sich an der Entwicklung der Schuhgröße von Athleten erkennen, erfahrene Sportärzte müssen nur in die Gesichter schauen.

Ein weiterer Reiz der Wachstumshormone ist, dass sie überschüssige Körperfülle schwinden lassen. Die Haut wird durchsichtig wie Pergament, das Unterhautfettgewebe schwindet. Das macht die Hormone gleichermaßen beliebt bei Filmstars und bei Sportlern – speziell bei solchen, die mit Gewichtsproblemen kämpfen.

Die Faustregel unter Radprofis lautet: Epo beschleunigt am Berg um 2,5 Kilometer pro Stunde, man kann 50 Watt mehr Leistung bringen – ein Plus entsprechend dem Bedarf einer Glühbirne. Diese Leistungssteigerung bewirkt Epo nicht nur durch die bekannte Vermehrung der roten Blutkörperchen. Es verstärkt die gesamte Sauerstofftransportkette, von der Lunge über das Herz-Kreislauf-System bis zu den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien.

Vor allem stimuliert es die Produktion von Hämoglobin, dem wichtigsten Puffer für Milchsäure im Körper: Mit Epo übersäuern die Muskeln weniger schnell. »Diese Wirkung zeigt sich schon nach drei Tagen«, sagt Stockhausen. Nur deshalb ergibt es einen Sinn für die Fahrer, Epo noch während der Rundfahrten zu nehmen. In einer typischen Kombinationskur aus Epo und Wachstumshormonen nehmen Radsportler beide Wirkstoffe versetzt, je alle zwei Tage: an einem Tag zum Beispiel zwei Ampullen des Präparats Erypo. Eine Packung mit sechs Ampullen kostet 241 Euro. Tags darauf folgt eine Spritze des Wachstumshormons Genotropin – die Packung mit sieben Spritzen kostet 1065 Euro.

Noch in den neunziger Jahren redeten die Fahrer untereinander offen über ihre Dopingpläne. Bei Rennen tauschten sie sich am Start über Mittel und Dosierungen aus. Erst ein Jahrzehnt nachdem Epo den Radsport erfasst hatte, nach dem Festina-Skandal 1998, zog die Szene sich ins Verborgene zurück. Viele Mediziner ließen aus Angst die Finger davon, das Doping fiel zurück an die Pfleger. Die Mittel kamen nun aus doppelten Böden von Massagetaschen. Zuvor hatten sie teils unverhüllt in den Begleitwagen gelegen. Dazu war manchen Tour-de-France-Teams ungeniert eine zweite Wagenkolonne in neutraler Farbe hinterhergefahren. Inzwischen lassen manche Teams ihre Dopingapotheke von Scheintouristen transportieren, wohltemperiert in Kühlschränken von Wohnmobilen.

Trotz der jüngsten Geständnisse besteht das meiste, was öffentlich über die aktuelle Dopingpraxis bekannt ist, aus einem Dickicht von Gerüchten und Verdachtsmomenten. »Der Radsport hatte – und hat – ein riesiges Dopingproblem«, sagte Rolf Aldag in seinem Geständnis, »und die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist noch immer sehr gering.«

Zweifellos gehört Doping weiterhin zum Profiradsport wie Kettenschmiere. Junge Rennfahrer, die in den Profizirkus einsteigen wollen, können manchmal gar nicht anders: Sie haben ihre Ausbildung und Karriere für ihren zeitintensiven Sport geopfert, nun liegt ihr Wohl in den Händen der Teamleiter, Trainer und Betreuer. Doping gehöre zu den Riten des Radsports, berichten betreuende Ärzte. So erhalten Fahrer mitunter Zuckerinfusionen, obwohl sie den Nährstoff schlicht löffeln könnten, um sie an die segensreiche Wirkung von Spritzen zu gewöhnen. In vertraulichen Gesprächen erzählen Nachwuchsfahrer, sie seien auch im Freiburger Universitätsklinikum zu Epo-Konsum gedrängt worden. Noch aber wagt keiner, diesen Vorwurf offen auszusprechen und Namen zu nennen.

Die Universitätsleitung reagierte verzögert, aber nachhaltig auf die Dopingverwicklungen ihrer Mitarbeiter. Als der Spiegel die Bekenntnisse des ehemaligen Telekom-Pflegers D’hont druckte, setzten Klinikums- und Universitätsleitung eine externe Untersuchungskommission ein, geleitet von Hans Joachim Schäfer, einem ehemaligen Richter und Experten für Arzneimittelrecht. Eilig hatte man es nicht: In zwei Jahren (!) erwarte er die Ergebnisse der Untersuchung, sagte Klinikumsdirektor Matthias Brandis. Ursprünglich sollte Schäfer klären, ob die im Spiegel veröffentlichten Vorwürfe gegen die Freiburger Sportmediziner zuträfen. Nach deren Geständnis und fristloser Entlassung justierte die Universitätsleitung das Untersuchungsziel nach. »Nicht mehr das Ob ist die Frage, sondern das Wie«, sagt Schäfer. Nun wird er sich doch beeilen müssen, denn das Image der gesamten Hochschule ist in Gefahr geraten. Die Universität Freiburg bemüht sich derzeit um die Anerkennung als Elite-Uni. Obendrein steht im Juli der Festakt zum 550. Geburtstag an.

Fährten zu verfolgen hat Schäfer genug. Im selben Gebäudetrakt des Freiburger Klinikums konnten die Sportmediziner sich bei ihren Kollegen in der Nephrologie über die Risiken und Nebenwirkungen von Epo und anderen Peptidhormonen erkundigen – dort helfen diese Substanzen täglich, Patientenleben zu retten. Die Onkologen nebenan kennen reichlich zellfördernde und zellhemmende Wirkstoffe, darunter potenzielle Dopingmittel. Manche Medikamente für die Chemotherapie bremsen den Appetit, eine erwünschte Nebenwirkung für Radfahrer, die beim Nahen der Rennsaison hastig ihren Winterspeck loswerden wollen.

Zudem will Schäfer klären, woher die geständigen Dopingärzte ihre Medikamente bezogen. Etwa auch aus der Apotheke des Klinikums? Und flossen Gelder der Universität und Drittmittel in Doping? Immerhin sponsert die Telekom nicht nur ihr Radteam, sondern hat auch die Freiburger Sportmedizin direkt mit einer Stiftung unterstützt. Die Universität will die sportmedizinische Forschung ihres Klinikums von einer externen Kommission evaluieren lassen, deren Besetzung die Deutsche Forschungsgemeinschaft bestimmen soll.

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass in Freiburg systematische Dopingforschung betrieben wurde. Die wissenschaftliche Pionierarbeit zur leistungssteigernden Wirkung von Epo, an der sich der gesamte Berufsradsport orientiert, wurde in Italien gemacht, von Ärzten wie Francesco Conconi und Michele Ferrari.

In der Freiburger Sportmedizin zeigen sich jetzt die typischen Muster von Skandaleindämmung: Man distanziert sich von den gefallenen Kollegen. So verlangt der Arzt Olaf Schumacher eine »differenzierte Betrachtung« des Skandals. Er zieht seine Habilitationsschrift über ein Antidopingthema aus dem Regal und betont, dass er selbst keine Profis, sondern nur Nachwuchs- und Bahnradfahrer betreue, bei denen Doping »sinnlos« sei. Dennoch ist auch er nun öffentlich unter Verdacht geraten, Epo-Doping zumindest gedeckt zu haben. 2004 zeigte sein Schützling Christian Lademann, ein ehemaliger Bahnweltmeister, auffällige Blutwerte.

Wenn die Freiburger Uni-Ärzte das chemische Tuning ihrer Radsportschützlinge derart intensiv betrieben haben, fällt der Verdacht auch auf andere Sportarten. Die Freiburger Sportmedizin betreute Wintersportler, Tennisprofis, Leichtathleten und den Fußballverein SC Freiburg. Athleten verschiedenster Disziplinen sind jetzt davon betroffen, dass die Universitätsleitung die Betreuung von Kadersportlern stoppte. Aber es gibt keine Hinweise, dass in anderen Sportarten so exzessiv gedopt wird wie im Radsport. Im Tennis und Fußball sind bisher nur Einzelfälle von Medikamentenmissbrauch bekannt.

Die Berufsradfahrer sind eine verschworene Gemeinschaft, mit einem starren Ehrenkodex. Wenn während des Rennens einer von ihnen urinieren muss, wird gewartet. Sogar als Armstrong und Ullrich sich am Berg um den Tour-Sieg duellierten: Als der eine hinfiel, wartete der andere. Die Zimmergemeinschaften während der Rundfahrten gleichen fast langjährigen Ehen. Man redet über alles, auch über Doping, untereinander. Nach außen deckt das Kollektiv der Schweigenden noch immer chemischen Betrug, aber allmählich beginnt es zu bröckeln. Erst wenn Ehrensache wird, die Betrüger bloßzustellen, hat der Radsport eine Chance, sich zu reinigen. Die Fahrer selbst haben es in der Hand.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 31.05.2007 um 11:37 Uhr

    wobei Doping in allen Sportarten präsent ist. Mit Außnahmen von Schach und Curling, etwa.
    Nebenbei: schon damals, zu DDR Zeiten, nannte mans Deutsche Doping Republik... Unter Anderem.

  1. sind die Medienvertreter und die breite Öffentlichkeit.

    Natürlich hat niemand das systematische Doping bemerkt. Es ist ganz normal, wenn Radsportler 5 Stunden mit mehr als 40 km/h über anspruchsvollste Strecken fahren. Es ist ganz normal wenn Jugendliche bei Olympischen Spielen akrobatischste Kunststücke an allen möglichen Geräten vorführen. Es ist ganz normal, wenn Knochenbrüche aller Art binnen kürzester Frist ausheilen und die betroffenen Gelenke Höchstbelastungen ausgesetzt werden. Es ist normal, daß Sportjournalisten die Publikumslieblinge hochjubeln und im Fallen nachtreten. Es ist normal, daß abgehalfterte Politiker in Sportverbänden das Licht der Öffentlichkeit suchen, um die letzten Strahlen der Prominenz zu erhaschen.

    Panem et circenses ist normal. Das wussten schon die alten Römer.

    Aber, ob der Innenminister, der den Lagernachbau von Heiligendamm zu vertreten hat, gedopt ist - danach fragt keiner.

    korfstroem

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